Doppelt hält besser
Gehrig Twins
Caro und Anita Gehrig kamen mit 19 für einen Sommer vom Bodensee nach Flims Laax. Und sind nie wieder gegangen. Nach erfolgreichen Profi-Karrieren im Enduro-Mountainbiken führen die Zwillingsschwestern heute ihre eigene Lodge in Flims. Und zeigen unserem Autor ihre Lieblingstrails zwischen Gletscher und Rhein.
Bin ich in Graubünden? Oder in Mordor? Schwarzes Gestein kämpft mit dem nicht mehr ganz schneeweißen Gletscher um die Macht. Weiter unten mäandert ein schmaler Pfad über weite Wiesen von Mittelerde, um schließlich vom Wald gefressen zu werden. Und ganz, ganz weit unten fließt der Rhein. 1200 Kilometer weiter wird er in die Nordsee münden. Aber bis dahin will ich heute nicht. Mir reichen die 2500 Tiefenmeter vom Vorabgletscher hinab nach Ilanz. Ein episches Bike-Abenteuer. Daher gönne ich mir auf dem vielleicht längsten Trail Graubündens gleich zwei Guides: Caro und Anita. „Oben ist es hochalpin und technisch, also aufpassen!“, beschreibt eine der beiden den ersten Abschnitt des Vorab Trails. Und während ich mich frage, ob das jetzt Caro oder Anita war, ist sie schon weg. „100 Prozent Slickrock“, ergänzt die andere. Die, die hinter mir her rollt und mich hoffentlich nicht vom schwarzen Mordor-Felsen kratzen muss.
Immer im Doppelpack

Foto by Lorenz Richard
Caro und Anita Gehrig. Die beiden sind 37 Jahre alt und sehen sich verdammt ähnlich. Obwohl sie „nur“ zweieiige Zwillinge sind. In der internationalen Mountainbike-Szene kennt die Gehrig-Twins jeder. Über zehn Jahre waren die beiden im Enduro-Weltcupzirkus an der Weltspitze unterwegs. Da stellt sich die Frage: Wenn alles im Leben gleich ist – gleiches Aussehen, gleiche Weihnachtsgeschenke, gleicher Sport – kann das nicht sehr kompliziert werden? „Überhaupt nicht“, sagt Anita, die Ältere. „Das Gemeinsame ist unsere größte Stärke. Wir hatten immer jemanden zum sich-messen und zum in-den-Arsch-treten.“
Die Gehrigs gab und gibt es immer nur doppelt oder gar nicht. Die Sponsoren können ein Lied davon singen. Aber wie ist das im Rennen? Es kann ja immer nur eine von beiden gewinnen und folglich die andere verlieren. „Stimmt schon“, sagt Caro. „Anita war im Weltcup öfter die bessere von uns beiden, obwohl wir im Training meist gleich schnell waren. Das war nicht immer leicht für mich.“ Aber geteilte Freude ist doppelte Freude. In der Außenwahrnehmung hieß es meistens eh nur: Die Gehrigs haben gewonnen – geil!
Aber irgendwann hat es sich ausgewonnen. 2022 sind die beiden ihre letzten Weltcups gefahren. Parallel zu ihrer „Abschiedstournee“ brachten sie ihre zweite Karriere an den Start: die Flem Mountain Lodge daheim in Flims. „Flem“ ist der rätoromanische Name für Flims und auch der Name des Baches, der vom knapp 2100 Meter hoch gelegenen Segnesboden bis ins Dorf hinunterläuft – begleitet vom Wanderweg „Trutg dil Flem“. Heute geht es aber nicht ums Wandern. Die Twins verraten mir ihre Lieblingstrails rund um Flims Laax. So wie den unendlichen Weg vom Gletscher durch Mordor zum Rhein.
Vom eisigen Gletscher runter zum Grand Canyon der Schweiz
Der Vorab Trail – quasi der erste und schwierigste Teil dieser Marathonabfahrt – mündet nach etwa 600 Tiefenmetern in den Nagens Trail. Fordernd, aber nicht überfordernd. Mein Selbstbewusstsein zwischen den beiden Ex-Enduroprofis steigt mit jedem Meter. Ich kann zwar bei weitem nicht mithalten, aber meine Guide-Twins müssen auch nicht ewig warten. Bilde ich mir ein. Insgesamt eineinhalb Stunden lang surfen wir drei vom eisigen Gletscher durch verschiedene Vegetationsstufen runter in den „Swiss Grand Canyon“ und ins fast schon mediterrane Ilanz. Nach dem Belohnungs-Apéro geht’s mit dem Postauto wieder nach Flims. „Tiefenmeter haben wir schon mehr als die anderen. Ob das die längste Trailabfahrt der Schweiz ist, wissen wir aber ehrlich gesagt auch nicht“, sagt Caro und lacht. „Aber die abwechslungsreichste wird sie schon sein!“
Und wie es der Zufall so will, sausen beim Aussteigen aus dem Postauto in Flims gerade 30, 40 Kids an uns vorbei durchs Dorf. „Das war der Nachwuchs von der Bike-Uniun Crap. Die trainieren zweimal pro Woche“, sagt Caro. „Bei uns brennt jeder fürs Biken. Und wir haben hier ein Riesen-Vermächtnis für die nächste Generation.“ Sagt’s und saust wieder zur Lodge. Ich keule hinterher. Fix und fertig, aber happy.
Apropos brennen. „Andere Regionen haben vielleicht mehr Trails als wir, aber wir haben die Community!“ Das merkt man an jeder Ecke. Die Passion der Einheimischen fürs Biken ist bemerkenswert. Als ob sie in der DNA verankert wäre. Ob Kids-Training, Lady-Camps oder regelmäßige Community-Rides mit Jumps, Drinks und Grillen – Flims Laax is the place to be. Mal schauen, ob ich das morgen Abend guten Gewissens unterschreiben kann.
Der „Runca Trail“ – der vielleicht beste Flowtrail der Schweiz
Seit über 20 Jahren folgt Flims Laax dem Mantra: Mit der Bergbahn hoch, auf Singletrails runter. Mittlerweile misst das Wegenetz hier oben auf der Sonnenterrasse über dem jungen Rhein sagenhafte 330 Kilometer. Nur gut, dass sich meine zwei Guides auskennen wie sonst niemand. Heute zeigen sie mir den Runca Trail. „Das ist der Superklassiker“, sagt Caro. Der Runca Trail ist quasi die rätoromanische Übersetzung für „Flow-Zirkus“. „Ein geshapeter Trail, der vom Einsteiger bis zum Profi jedem einen Heidenspaß bietet.“ Dann los! Vom Start in Startgels (das heißt wirklich so) auf 1600 Metern Höhe führt der gebaute Weg durch lichten Bergwald. Einsteiger rollen einfach über die easy Wellenbahnen hinweg, Profis dagegen springen und surfen über die vielen Doubles und Tables. Das Beste: Hier kommt die ganze Familie voll auf ihre Kosten: „Der Junior nimmt den kleinen Absprung, Papa den großen“, sagt Anita.
Auf der Ebene namens „Plaun gl’Urs“ findet man sich flugs in einem wahrhaftigen Pumptrack wieder. Sein Name: „Super Marioland“. Tipp der Twins: Plaun gl‘Urs ist der perfekte Ort für einen kurzen und aussichtsreichen Boxenstopp, bevor der Trail nach einer steilen Abfahrt im Wald des Val gl’Urs verschwindet. „Letztes Jahr wurden die Anlieger und Sprünge neu angelegt und die Routenführung optimiert“, erzählt Caro. Mehr Flow für alle!
Das Highlight des Runca Trails ist die Jumpline auf der Runca-Höhe. „Die Jumps sind optimal geshapet und lassen sich mit dem Speed des Run Up perfekt springen“, sagt Anita. „Es gibt an jedem Jump zwei Absprünge“, fügt die Schwester hinzu. „So kann jeder seinem Können entsprechend springen.“ Mir reicht jeweils der kleine. Danach führt ein breiter Naturtrail nach Runca. Im Restaurant lade ich meinen Körperakku schnell wieder auf. Zu lange dehnen wir unser Päuschen jedoch nicht aus, denn der Runca Trail ist noch lange nicht zu Ende. Er mäandert durch das verblockte Gelände des Flimser Bergsturzes. Sprünge wechseln sich mit Anliegern ab, während wir parallel zum Connbächli nach Flims surfen. Puh! Der Runca Trail ist vielleicht der beste Flowtrail der Schweiz. Und Flims ist wirklich the place to be.
Crap Masegn: eine der alpinen Lieblingstouren der Gehrig-Twins
Flims Laax ist einerseits für seine gebauten Trails bekannt, andererseits aber auch für seine alpinen Trails. Also will ich am letzten Tag meines langen Wochenendes nochmal die Höhenluft eines echten Alpin-Klassikers schnuppern. „Dann ist Crap Masegn genau richtig!“, schlägt Caro vor. Nur Masochisten treten die 1100 Höhenmeter aus eigener Kraft hinauf, wir nehmen lieber die Gondel. Von Laax Murschetg schweben die Twins und ich in wenigen Minuten hoch zur Bergstation am Crap Sogn Gion. „Von hier sind es nochmals knapp 300 Höhenmeter bis zum Crap Masegn“, sagt Anita. Hier oben auf 2472 Meter Seehöhe eröffnet sich dann ein sagenhaftes 360-Grad-Panorama über die gesamte Bergregion namens Surselva.
Von der Bergstation windet sich der Trail anfangs durch steinig-verblocktes Gelände rüber zum Vorab-Trail. „Hier pedaliert man sogar über blankgeschliffene Gletscherplatten“, sagt Caro. Von der Alp Sogn Martin führt ein spannender Singletrail hinunter ins Val Plaun. Später überquert der Alpin-Trail immer mal wieder einen Bergbach, führt vorbei am Wasserfall Plaun Larisch und erreicht schließlich über schöne Alpwiesen die Plaun-Ebene. Nur kurz folgt man einer Naturstraße, bevor man in den unteren Teil des Nagens Trails einsteigt. Der führt durch das sogenannte „Green Valley“ hinab zur Runca-Höhe. Die kennen wir schon vom Runca Trail. Das Kurvenfestival endet viel zu schnell. Und mein langes Wochenende ebenfalls.
Dann muss ich halt nächsten Sommer wieder nach Flims Laax kommen! Anita und Caro haben noch so viele Geheimtipps parat. Wie zum Beispiel die „Trans Surselva“. Das ist eine mehrtägige Singletrailtour abseits des Bike-Mainstreams, erfahre ich beim Abschieds-Apéro. Malerische Dörfchen, romanisch sprechende Bündner, die Schweiz von ihrer ursprünglichsten Seite. Das hört sich sehr fein an. Start ist an der Rheinquelle am Oberalppass. Ziel ist in Flims. Auf den vier Etappen sammelt man knapp 4000 Höhenmeter. Mit freundlicher Unterstützung von Shuttles und Postautos. Zur Belohnung warten fast 9000 Tiefenmeter feinste Singletrails auf S2- und S3-Niveau. Diese vier Tage müssen sein! Aber nicht mit GPS-Daten und Tourenbeschrieb (wie es in der Schweiz so schön heißt), sondern mit Guide. Aber am allerliebsten mit Anita und Caro!
- Freigegeben in Spots


Die neue Flem Mountain Lodge mitten in Flims ist dabei die perfekte Unterkunft für Deinen Biketrip nach Laax! Das liegt an der zentralen Lage und an den beiden Gastgeberinnen: Geführt wird die Lodge von den Profi-Bikerinnen Caro und Anita Gehrig. Die Lodge hat 23 Zimmer, eine Ferienwohnung und ein öffentliches Café Restaurant. Mit Bikecamps, Kleinkonzerten und Filmvorführungen schaffen die Gehrig-Zwillinge den perfekten Ort für die Bike-Community in der Destination Flims Laax Falera.








