header bg sommer 26

TOUR DE MONT BLANC | FRANKREICH


TOUR DE MONT BLANC | FRANKREICH

Mit Rückenwind um den weißen Riesen
Text: Holger Meyer | Fotos: Andrea Passerini

Mein Hinterrad gräbt sich tief in den aufgeweichten Boden. Die Stollen sind längst zugesetzt, an Vortrieb ist nicht zu denken. Es ist arschkalt. Und irgendwo zwischen Schneefeldern und Wolken frage ich mich kurz, ob es wirklich eine gute Idee war, Ende Oktober auf 2.500 Metern mit dem Bike unterwegs zu sein. Wir sind zu viert – und doch gibt es diese stillen Momente der Einsamkeit. Zweifel. Konzentration. Das Hinterrad rutscht durch. Ich steige ab, und schiebe die letzten Meter, als ich den Pass erreiche, stehen wir plötzlich wir wieder zusammen, als Team.

02 montBLANC no135

 

Die Idee entstand gemeinsam mit meinem Kumpel Massimo, besser bekannt als Bubba: In vier Tagen die Tour du Mont Blanc, einmal rund um den weißen Riesen – im Uhrzeigersinn, auf der Suche nach den schönsten Trails für unsere E-MTBs. Und das bewusst außerhalb der Saison. Dann, wenn die Wanderer verschwunden sind, die Hütten geschlossen und wir selbst Zeit für so eine Unternehmung haben. Bubba ist genauso wie ich im Sommer als Mountainbike-Guide unterwegs, meistens mit Gästen. Aber diesmal gehört der Berg allein uns. Wir starten auf der Schweizer Seite, im Val Ferret. Mit von der Partie: Andrea, unser Fotograf aus Aosta, und Ace, Filmer, Bergführer und Local Ski Coach aus Courmayeur. Bubba und ich kennen uns schon seit über 15 Jahren. Kennengelernt haben wir uns auf einem Biketrip nach Aosta. Seitdem folgten gemeinsame Projekte, meist im Aostartal - Bubbas Heimat und eins meiner absoluten Lieblings-Bikereviere. Aber bei diesem Trip ist unser Radius größer. Grenzüberschreitend. International. Als wir La Fouly am frühen Morgen verlassen, scheint die Sonne bei frostigen acht Grad. Wir haben eine schmales Wetterfenster genutzt – ein Wintereinbruch hatte uns kurz zuvor fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt zählt jeder Tag und das hier ist der erste von vier. Der Anstieg beginnt entspannt auf einer Forststraße. Mit zunehmender Höhe wird der Untergrund anspruchsvoller – und wir können erstmals ein wirkliches Bild davon machen wie viel Schnee in der Höhe noch liegt. Im Vorfeld haben wir immer wieder erfolglos Webcams gecheckt, um rauszufinden ob die Übergänge frei sind, immerhin müssen wir mehrmals über die 2.500-Meter-Grenze hinaus. Der Trail schlängelt sich in Spitzkehren weiter in die Höhe, immer wieder eröffnet sich neues Terrain vor unseren Lenkern, der Schnee um uns herum wird mehr, es ist bitterkalt.

03 montBLANC no135

Die letzten Meter hinauf zum Grand Col Ferret verlangen volle Konzentration: technisch, verschneit, matschig, steil. Oben angekommen klatschen wir ab und suchen Schutz vor dem Wind. Der höchste Punkt für heute, aber können wir auf der anderen Seite abfahren? Wir beraten, und entscheiden, wo ein Wille, da ist auch ein Weg. Die ersten Meter durch den frischen Schnee auf der Nordseite sind ungewohnt. Der Trail ist unter der Schneedecke kaum zu erkennen. Das Bike schwimmt eher, als dass es fährt. Langsam kommen wir in den Flow, und surfen durch eine weiße Winterlandschaft, obwohl es erst Oktober ist. Weiter unten sind Trails sind größtenteils schneefrei, morgens zwar gefroren, dafür mittags aufgeweicht – ein ständiger Wechsel, auf das richtige Timing kommt es an, das merken wir uns für die nächten Tage. Zu unserer Rechten ragen die Spitzen des Grandes Jorasses auf. Vor uns zieht der Trail wie auf einem Balkon entlang der Bergflanke gegenüber des Mont-Blanc-Massivs, tief hinab ins Val Ferret. Hier sind wir mittendrin, es geht auf und ab wie geschaffen für das Ebike, trotz unseres Trailfokus können wir den Blick nach rechts nicht lassen, zu eindrucksvoll schält sich der Dent du Géant aus den Wolken.

04 montBLANC no135

05 montBLANC no135

Courmayeur heißt unser heutiger Etappenort, Ace ist hier zu Hause. Als wir im Sonnenuntergang in den Ort rollen, zeigt er uns oberhalb der neuen Skyway-Gondelbahn seine liebsten Skiabfahrten. Kaum vorstellbar, dass in diesem exponierten Gelände Skifahren möglich ist, aber nicht umsonst ist er Coach für das Freeride-Nachwuchsteam des Tals und kennt hier jeden Stein.

06 montBLANC no135

Am nächsten Morgen geht es weiter – hinauf ins Val Veny. Vorbei an dramatischen Felsformationen und Endmoränen, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit unter dickerem Gletschereis verborgen lagen. Der Mont Blanc ist ständig präsent, mit seinen gewaltigen Gletscherabbrüchen. Und er ist ständig in Bewegung, hier auf der italienischen Seite bewegt sich der Gletscher bis zu einem halben Meter pro Tag, weiß Ace zu berichten. Das sind im Jahr gute 200 Meter. Der Klimawandel lässt grüßen. Bis zum Rifugio Elisabetta pedalieren wir entspannt auf der Forststraße, dann biegen wir nach links in einen Trail ab. Ab hier wird es technischer. Das Gelände öffnet sich, ähnelt einer Mondlandschaft, immer noch ist Schnee ein treuer Begleiter, steile Rampen wechseln sich mit verblockten Passagen ab. Der Turbo-Modus hilft – und einmal mehr bin ich froh, dass wir entschieden haben, diese Tour auf dem E-Bike zu machen. Aber heute passt das Timing nicht ganz, die Sonne hat den Frost auf dem Trail schon geschmolzen, schmierig wie Erdnussbutter sind die letzten Höhenmeter zum Col de la Seigne (2.512 m) Hier ist die Grenze nach Frankreich. Wir sind glücklich unseren heutigen großen Übergang geschafft zu haben. Was nun folgt, ist ein Trail-Highway vom Feinsten: Highspeed, einige Jumps, schnelle Kurven, endlose Weite, keine Menschenseele. Nur wir und unsere Bikes. Ein absoluter Traum. Und wenn Andrea und Ace nicht plötzlich dazwischengefunkt hätten, um einen Fotostopp einzuberufen, wären Bubba und ich wohl erst unten im Tal wieder stehen geblieben – mit dem breitesten Grinsen im Gesicht. Egal, auch mit Fotografieren, haben wir jede Menge Spaß auf den Bikes. Nächster Stopp: Cormet de Roselend. Mit Blick auf den idyllischen See tanken wir Energie – nicht nur körperlich, sondern auch elektrisch. Denn die morgige Etappe hat es in sich: Mit dem Col de la Bonhomme und dem Col de Voza stehen zwei alpine Übergänge auf dem Menü, die es in sich haben. Ace macht sich Sorgen, ob sein Akku das mitmacht, er hat nur einen 625er aber dafür den größten Rucksack. Für den blödesten Fall nehmen wir ein Abschleppseil mit. Und tatsächlich, beim zweiten Anstieg ist der Saft leer, wir schleppen ihn abwechselnd die letzten Höhenmeter hinauf zum Col de Voza. Hier wo die historische Zahnradbahn, die Bergsteiger zum Fuße des Mont Blanc bringt ist auch Ausgangspunkt für viele gute Abfahrten. Und wir belohnen uns heute mit den Trails von Les Houches. Hier gibt es einen schönen Bikepark der wirklich viele Trailoptionen bietet. Für jeden ist etwas dabei, Natur, Steeps, Jumps, Flow. Wir wählen die blaue Variante, aber selbst die hat es – typisch französisch – ganz schön in sich: einige Steilkurven gefolgt von ein paar kleinen Jumps, und schon geht es im Wald weiter, enge Kurven wechseln mit Steilstücken und ein paar Wurzelteppichen. Immer wieder warten Überraschungen. Enduro pur. So wie wir es mögen, Massimo grinst, obwohl wir alle schon einige Höhenmeter in den Beinen haben und die Batterien fast leer sind. Also zumindest bei uns. Unten angekommen rollen wir noch ein paar Kilometer auf dem Radweg direkt in die Wiege des modernen Alpinismus. Chamonix pulsiert – voller Outdoor-Enthusiasten aus aller Welt. Alle namhaften Outdoor-Hersteller haben hier im Ortszentrum eine Dependance. Wir rollen durch die Fußgängerzone und lassen den Trubel auf uns wirken, nach einer Weile wandert unser Blick aber doch nach oben. Denn dort thront er, der Mont Blanc, diesmal zu sehen von der imposanten Nordseite, zusammen mit der Aiguille du Midi strahlt er im letzten Abendlicht. Auf die letzte Etappe starten wir früh, das Wetter soll nachmittags wieder kippen. Von Chamonix rollen wir erst nach Argentière und dann weiter nach Le Tour. Flowige Waldwege entlang des Flusses Arve versüßen uns die Anreise. Hier angekommen, müssen wir improvisieren, denn im Sommer würde hier die Gondel fahren – doch diese befindet sich leider schon im Revisionsschlaf. Also heißt es Batterie sparen und gemütlich über die Schotterstraße, vorbei am Bikepark, halt Moment, vorbei am Bikepark ist doch langweilig, der Park ist zu, also kommt niemand von oben und wir haben noch genügend Ladung im Akku, also rein in die Trails und dann erst hinauf zum Col de Balme. Was für ein Spaß, die Flowkurven funktionieren auch bergauf gut, bei den Steinstufen wird es etwas tricky, aber selbst Ace meistert diese mit seinem schweren Kamerarucksack.

07 montBLANC no135

08 montBLANC no135

09 montBLANC no135

Oben am Pass empfängt uns erneut Wind und Kälte. 2500 Meter ist einfach hoch und ein klarer Nachteil dieser Jahreszeit: Alle Hütten sind geschlossen. Nachladen ist schwierig. Wir nehmen paar Bissen unseres Sandwichs, eine zusätzliche Schicht Kleidung – dann präsentiert uns Bubba seine „Spezialabfahrt“ in die Schweiz. Normalerweise wählt er mit seinen Gästen immer die Standardroute aber heute probieren wir etwas Neues. Auf der Karte sieht der Trail sehr vielversprechend aus. Als wir am Einstieg losfahren, merken wir, dass der erste Teil etwas unter dem Schnee und dem Regen der letzten Tage gelitten hat, er ist sehr ausgewaschen und wir müssen die Bikes die ersten Meter hinuntertragen. Einer hilft dem anderen, abstürzen ist hier oben keine Option, zu steil fällt das Gelände nach links ab. Nach ein paar steilen Felsstufen ist es geschafft, endlich geht es los. Ein wahres Trailfeuerwerk wird abgefackelt. Erst schnell und flowig und dann wird es technisch und wurzlig. Bubba fährt vorne, ich klemme mich an sein Hinterrad, Kilometer um Kilometer feinster Flow. Das große Finale, ist ein echtes Schmankerl: steile Spitzkehren im Wald, massive Wurzeln, tiefschwarz markiert – selbst auf Trailforks. Doch wir haben Glück, denn der Boden ist trocken und unsere Reifen haben maximale Traktion. Nach ein, zwei Kurven sind wir im Rhythmus. Ich probiere Bubba innen zu überholen, immer wieder wechseln wir die Linien. Andrea und Ace haben auch ihren Spaß, keine Fotos mehr, nur noch fahren, und so wird selbst der Abschnitt, der auf der Karte sehr abenteuerlich aussah, zum puren Vergnügen. Spitzkehre nach Spitzkehre rollen wir tausend Tiefenmeter später aus dem Wald, und sind uns alle einig: es war eine epische Runde, die uns speziell nach diesem nicht geplanten Wintereinbruch durch einmalige hochalpine Landschaften geführt hat. Wir lassen uns jetzt das Sandwich in der warmen Sonne schmecken und ziehen Bilanz:

10 montBLANC no135

11 montBLANC no135

12 montBLANC no135




News

Fieberbrunn und das Pillerseet…

Neue Trails, Skill Area & Shuttle Service Mit neuen Trails, einer...

13. Mai 2026

Flims Laax baut Bikeangebot fü…

Einfacher Einstieg ins Biken Mit zwei neuen Flowtrails erweitert Flims Laax...

13. Mai 2026

Neue Lines und mehr Airtime in…

Trail Upgrades Zur Saison 2026 baut die Bike Republic Sölden ihr...

11. Mai 2026

Paul Lange & Co. und Elias…

Partnerschaft verlängert Die Paul Lange GmbH & Co. KG und Mountainbike-Athlet...

11. Mai 2026

Wahoo und komoot vereinfachen …

Planen & los Die Outdoor-Plattform komoot und das Fitness-Technologieunternehmen Wahoo Fitness...

7. Mai 2026

COROS und Wahoo verbinden Trai…

Neue Partnerschaft COROS und Wahoo Fitness bauen ihre Zusammenarbeit weiter aus...

7. Mai 2026

Events

Swatch Nines Bike kehrt mit BM…

Brandneue Disziplin KEY FACTS Event: Swatch Nines Bike 2026Datum: 15.–20. Juni 2026Public...

13. Mai 2026

WHOOP UCI Mountain Bike World …

Neue Strecke, neue Stages, neuer Zeitplan Von 11. bis 14. Juni...

12. Mai 2026

FSA Bike Festival 2026

Treffpunkt der Bike Szene Drei Tage lang stand Riva del Garda...

12. Mai 2026

Internationale Downhill-Elite …

14.-17. Mai Vom 14. bis 17. Mai wird der Weissensee erneut...

7. Mai 2026