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CHINA | TAO KREIBICH


Text: Sophie Oettl // Fotos: Gabriel Koschier

Ein Trip ohne Erwartungen und genau deshalb unvergesslich

Keine Erwartungen, kaum Infos und ein Skigebiet, das auf keiner klassischen Freeride-Landkarte auftaucht: Als Tao in die Altai Mountains nach China aufbricht, weiß er nicht, was ihn erwartet. Selbst grundlegende Details ließen sich nur schwer finden. Was folgt, sind unverspurte Lines, eine junge Freeride-Community und eine Gastfreundschaft, die selbst den erfahrenen Rider überrascht. Ein Abenteuer an einem Ort, der gerade erst beginnt, sein Potenzial zu zeigen. Aufgewachsen ist Tao im österreichischen Rennsport, die technische Basis, die Präzision, das Gefühl für Tempo, all das stammt aus dieser Zeit und ist bis heute Teil von ihm. Gleichzeitig war genau dieser „Zirkus“ irgendwann zu eng. Der Leistungsdruck, das permanente Vergleichen, die Härte des Systems: Für Tao war früh klar, dass er anders leben will.

Mit 16 zieht er die Reißleine, startet bei seinen ersten Freeride Competitions und merkt sofort: Das ist es. Hier geht es nicht nur um Ergebnisse, sondern um Lines, Entscheidungen, Stil. Die Freeride World Tour wird später zum entscheidenden Kapitel, sportlich wie medial. Doch nach rund 15 Jahren im Wettkampfsystem setzt Tao bewusst einen Schlussstrich. „Fünfter der Weltelite, das reicht fürs Erste.“ Heute jagt er keine Contests mehr, sondern dem Schnee hinterher. Reisen, Filmen, neue Orte entdecken, genau dort ist er angekommen. Und genau von dort beginnt auch dieses Abenteuer.

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Als Tao Kreibich im Spätherbst Richtung China aufbrach, war eines von Anfang an klar: Dieser Trip ließ sich nicht planen. Zu wenig Informationen, kaum Erfahrungsberichte, keine verlässlichen Daten zu Schnee, Wetter oder Terrain. Genau das machte den Reiz aus. Die Idee war aus einem früheren Abenteuer entstanden: Im Jahr zuvor war Tao bereits im Altai-Gebirge unterwegs gewesen, allerdings auf der kasachischen Seite. Als er hörte, dass auf chinesischer Seite ein neues Skigebiet eröffnet hatte, war die Neugier sofort geweckt.

Hemu, ein erst drei Jahre alter Resort tief in den Altai Mountains, tauchte kaum auf der internationalen Freeride-Landkarte auf. Die wenigen Infos, die es gab, ließen eher Raum für Spekulation als für Planung. Der Flug wurde spontan gebucht, der Rest ergab sich unterwegs. Erst der Kontakt mit dem chinesischen Rider Wang Yuxuan brachte Struktur in das Abenteuer: Transport, Unterkunft. Der Rest blieb offen. Vor Ort wurde schnell klar, dass China in Sachen Wintersport gerade einen massiven Umbruch erlebt. Hunderte Skigebiete, ein regelrechter Ski-Boom seit den Olympischen Spielen in Peking, ganze Orte, die aus dem Boden gestampft werden. Hemu nimmt dabei eine Sonderrolle ein: Es ist bislang das einzige Resort der Region mit echtem Backcountry access. Die lokale Freeride-Community ist klein, jung und noch unerfahren, aber hochmotiviert. Viele der Locals stehen am Anfang, saugen Wissen auf und sind neugierig auf alles, was mit Freeriden zu tun hat.

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Der erste Tag begann unspektakulär und gleichzeitig typisch chinesisch: mit einer scharfen Ramen-Suppe an der Talstation. Beim Ticketkauf halfen die neuen Freunde, wer mit einem Flugticket von Peking nach Altay an der Kassa erscheint, bekommt den Tages-Skipass kostenlos. Auch die Zeit fühlt sich in Hemu anders an. Da überall die Pekinger Zeit gilt, wird es erst gegen halb zehn hell, die Bahn öffnet um zehn, bleibt dafür aber bis 18 Uhr in Betrieb.

Der erste Run führte direkt ganz nach oben: rund 1.400 Höhenmeter bis zum Gipfel, dann der erste Drop neben der Piste in unverspurten Neuschnee. Schnell wurde klar, wie viel Terrain sich mit nur einer Bahn erschließen lässt. Vom höchsten Punkt aus öffnen sich endlose Möglichkeiten: Weite Traverses nach links und rechts, mehrere Bowls, kleine Couloirs, Cliffs, Windlips. Trotz mehrerer Lifte nutzte die Crew fast ausschließlich die Hauptbahn und fuhr jedes Mal von ganz oben bis ganz runter. Was überraschte: Der Schnee blieb die gesamte Woche über unverspurt. Die Locals sind zwar viel im Gelände unterwegs, meiden aber steilere Lines und größere Cliffs. Für erfahrene Rider blieb dadurch extrem viel offen. Tag für Tag frische Lines, Tag für Tag Raum zum Spielen.

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Ein Vergleich mit Orten wie Chamonix drängt sich nicht auf, dafür fehlt die extreme Steilheit. Doch im Gesamtpaket kann Hemu locker mit bekannten Resorts in Nordamerika oder den Alpen mithalten. Für Tao ist klar: östlich der Alpen gehört dieses Gebiet zum Besten, was es derzeit gibt.

Fast noch prägender als das Skifahren waren die Begegnungen. Wang Yuxuan und seine Freundin Taozi begleiteten die Crew von Anfang bis Ende, halfen bei jeder Kleinigkeit, erklärten Kultur, Alltag und zeigten, wo es das beste Essen gibt. Die Gastfreundschaft war überwältigend. „Ich war schon in vielen Ländern auf dieser Welt und ich muss sagen die Gastfreundlichkeit der Menschen, die wir getroffen haben war unglaublich und hätte ich so nie erwartet“, erzählt Tao. Gemeinsame Abendessen mit zehn Leuten, jung und alt, lange Gespräche (meist über Übersetzungs-Apps) und immer wieder spontane Nächte, die in der Disco endeten. Bezahlen durften die Gäste so gut wie nie.

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„Die Sprachbarriere ist definitiv manchmal etwas kritisch, doch mit Übersetzungs-Apps und hin und wieder auch mal englischsprachige Locals haben wir das alles echt gut meistern können. Es hat auch irgendwie Spaß gemacht sich die Zeit zu nehmen und mehr voneinander zu erfahren und mögliche Kulturelle Unterschiede zu diskutieren.“

Auch abseits des Berges zeigte sich China von einer Seite, die viele nicht erwarten würden. Kulinarisch eröffnete sich eine völlig neue Welt: unzählige Gerichte, oft sehr scharf, immer frisch, gesund, kaum Zucker, wenig Fett. Dazu eine Infrastruktur, die futuristisch wirkt: Beheizte Toilettensitze, automatische Vorhänge, digitale Bezahlung überall. Kameras prägen das Straßenbild, Content wird ständig produziert, Drohnen, GoPros und 360°-Cams gehören zum Alltag.

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Die Reise selbst verlief erstaunlich entspannt. Nach der Landung in Altay ging es in ein modernes Hotel, am nächsten Tag vier Stunden Fahrt nach Hemu. Auf perfekten Straßen, vorbei an verschneiten Landschaften, sogar Kamele tauchten am Straßenrand auf. Vor Ort verbinden kostenlose Busse das Dorf mit dem Resort. Hemu selbst liegt idyllisch am Fluss, mit kleinen Restaurants, Shops und einem fast dörflichen Charakter.

Ein Thema bleibt dennoch sensibel: die Nähe zu den internationalen Grenzen. Wer hier auf Skitour geht, sollte wissen, wo er unterwegs ist, sonst kann es passieren, dass die Grenzpolizei einschreitet. Lokale Kontakte oder Guides sind deshalb essenziell. Ansonsten ist Hemu ein Skiort wie viele andere mit dem kleinen Unterschied, dass europäische Rider auffallen und neugierige Blicke auf sich ziehen, meist begleitet von charmant-chaotischen Gesprächen in der Gondel per Übersetzer-App.

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Für Tao war dieser Trip vor allem eines: eine Erinnerung daran, wie viele Gebiete es auf dieser Welt noch gibt, von denen kaum jemand weiß. Regionen mit enormem Potenzial, in denen Freeriden gerade erst beginnt. Die Erfahrung in Xinjiang stellte vieles infrage, was aus der Ferne oft negativ gezeichnet wird.

„Ich bin geschockt wie oft schlechte Sachen über China in unseren Medien berichtet wird und im Allgemeinen hört man nicht viel Gutes über China, daher hat es mich umso mehr gefreut, dass wir das absolute Gegenteil erlebt haben und mit offenen Armen empfangen wurden, zu Lokals nach Hause eingeladen wurden und einfach nur eine super Zeit hatten. Ich habe das in anderen Teilen der Welt schon öfter erlebt, doch hier war es ganz extrem. Ich will damit nur sagen, man soll erstmal selber dorthin reisen und nicht alles den Medien glauben, denn es gibt überall auf der Welt gute Menschen und ganz besonders in Hemu wo wir gelandet sind. Durch unsere heutige Technologie ist es möglich geworden, sich zu verständigen, diese Sprachbarriere zu überkommen und es war für mich einfach extrem interessant, einen Einblick in alle Bereiche des Lebens in Xinjiang zu bekommen.“

Dass dieser Trip zu seinen Lieblingsreisen zählt, liegt genau daran: keine Erwartungen, keine Planung und am Ende war alles besser als gedacht. Das Skifahren, das Essen, die Menschen. Ein Abenteuer, das sich nicht hätte besser planen lassen, gerade weil es nie geplant war..

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