LYNGEN LOTTERIE | NORWEGEN
Text: Sissi Pärsch // Fotos: Max Draeger
350 Kilometer nördlich des Polarkreises schlängeln sich schmale Fjordarme durch die Lyngenalpen. Steile Felsflanken stürzen direkt ins Meer ab. Es ist ein Ort wilder Schönheit. Ein Ort mit unberührten Spines und Big Lines. Kein Wunder, dass es Fotograf Max Dräger mit der ORTOVOX Film- und Rider-Crew nach Nordnorwegen zieht. Doch was mit euphorischen First Tracks beginnt, wandelt sich zu Tagen mit Whiteout am Berg und Angeln im Hafen, mit viel Buddeln und „ehrlicher Arbeit“.

Max Dräger ist bekannt für seine reduzierte Ästhetik. Seine klare Linienführung, sein Spiel mit Licht und Schatten hält er gerne schwarz-weiß oder monochrom. So kann die Natur in Ruhe zeigen, was sie alles kann: harte Kanten, wattig-weiche Rundungen, tiefe Falten, scharfe Zacken. Und den Athleten eröffnet der Fotograf mit seiner Bildkomposition Raum, sich in die Bergwelt hineinzuzeichnen. Vor allem im Winter, wenn die Skier zum Pinsel auf der stillen Schneeleinwand werden. „Im Winter“, sagt Max, „gibt es keine Wege, denen du zu folgen hast. Im Winter wählst du allein deine Spur. Das ist die absolute Freiheit.“ Sein Stil prägt auch die Bildsprache von ORTOVOX, einem seiner langjährigen Partner. An den schönsten Spots der Welt mit dem coolsten Team der Welt die stärksten Shots zu machen – das klingt nach einem Traumjob. Hätten da nicht Mutter Natur und Vater Petrus immer ein Wort mitzureden…

Magisch oder saufrustrierend
„Es ist der größte Struggle“, meint Max, „aber gleichzeitig auch das, was es ausmacht. Gerade beim Freeriden braucht es ganz viel, das zusammenspielen muss. Und wenn das dann der Fall ist, ist es so special. Dann ist es magisch.“ Und wenn nicht? „Dann ist es saufrustrierend. Dann geht man in eine Bar und bucht den Flug um.“ Das mit der Bar und mit dem Umbuchen ist Max im vergangenen Winter für ein Freeride-Shooting für ORTOVOX gleich zweimal passiert. Einmal in Georgien, als die Crew desillusioniert von zwei Wochen auf eine Woche verkürzte. Einmal in Norwegen, wo sie hoffnungsvoll von zwei Wochen auf drei Wochen verlängerte. Mit Filmemacher Fabian Spindler und den drei Ridern Sabine Schipflinger, Fabio Keck und Philipp Müller war Max im Februar 2025 in Georgien. Das Skigebiet Tetnuldi-Mestia liegt im Norden des Landes, im hintersten Tal der Region Swanetien. Über 4.800 Meter ragen die Berge hier im Kaukasus auf. Tetnuldi ist ein Freeride World Tour-Stopp und dennoch noch immer ein Offpiste-Geheimtipp. Fabio hat als Bergführer immer wieder Gruppen in Georgien geführt und auch Max war schon mehrmals dort. „Und jedes Mal lief es echt super, weil die Bedingungen perfekt waren. Es gibt so viele Varianten in dem Gebiet, wir hätten endlos shooten können. Außerdem sind die Leute ultragastfreundlich, megaliebe Menschen.“ Doch dieses Mal sollte Georgien die Crew im Stich lassen. „Der Schnee war da, aber die Verhältnisse waren super sketchy“, meint Max. „Wir hatten steep lines im Kopf und dafür war es viel zu gefährlich. Uns wurde ziemlich schnell klar, dass es keinen Sinn macht, auf Besserung zu hoffen.“ Was tut man also? Man geht in die Bar und bucht die Flüge um.

Große Lines. Verrückte Spines.
Die Crew sucht nach einer Alternative. Die Landschaft Nordnorwegen, wo Fjell auf Fjord trifft, steht bei allen schon lange auf der Liste. Dani Niederkofler stößt als Filmer dazu und Konsti Ottner als Rider. Also ab Richtung Nordlichter, den Polarkreis überschreiten, immer weiter hinauf bis in diese dünn besiedelte Inselwelt. Hier in den Lyngenalpen wachsen weite weiche Berge und steil abbrechende Felsflanken direkt aus dem Meer. Hier sind die Hänge unberührt, das Licht sensationell, die Kulisse spektakulär – so sagt man…
„Nordnorwegen hatte einen extrem guten März mit Rekordschnee. Als wir im April kamen, hat es immer noch geschneit“, erzählt Max. „Und Tag 1 war unglaublich. Wir waren völlig überwältigt, weil wir gar nicht damit gerechnet hatten, dass der Schnee so gut sein könnte. Wir haben eine Bowl entdeckt, mit großen Lines und verrückten Spines. Die Verhältnisse waren superstabil, 60 Zentimeter Powder und keine Schneedeckenprobleme, nix. Wir waren super stoked, dass wir hier jetzt zwei Wochen Vollgas geben können.“

Tief buddeln und schnell altern
Doch dann kommt Tag 2 – „und mit ihm der Struggle“. Ab jetzt schneit es konstant und gleichzeitig wird es wärmer. Es gibt wenig „bis gar keine“ stabilen Phasen. Tag um Tag klingelt der Wecker um 1 Uhr, um ja nicht das perfekte Licht zu verpassen. Sie stapfen die Hänge zwischen Lyngenfjord und Ullsfjord hinauf – nur um festzustellen, dass die Wolken die Berge nicht loslassen wollen. „Das Wetter war wirklich nie wie vorhergesagt und das Timing wurde extrem schwer“, erzählt Max. „Wir haben uns in den Schnee eingebuddelt und stundenlang gewartet – bis dann die Line schon nicht mehr im Licht war.“ Was tun? In die Bar gehen und umbuchen? Ersteres geht nicht, weil die einzige Bar in Lyngseidet zu hat. Aber beim Bier im Apartment entscheiden sich die sechs, um eine Woche zu verlängern.Also weiter probieren, weiter jeden Abend Stunde um Stunde überlegen, was man wo probieren könnte – „und gleichzeitig ahnt man, dass es wieder nix werden wird. Da dreht man voll durch. Man behauptet, dass ich zwischenzeitlich doppelt so alt ausgesehen hätte.“ Es muss eben alles zusammenkommen, damit sich die Puzzleteile perfekt fügen – und beim Freeriden sind die Puzzleteile besonders zahlreich und besonders kritisch.

Die richtigen Leute
Die Verhältnisse sind fordernd und es werden viele Schneeprofile gegraben. „In Norwegen bedeutet jede Mission ehrliche Arbeit. Du gehst vom Meer los und wir haben zum Teil sechs, sieben Mal in die gleiche Zone gespurt, zum Teil im Whiteout.“
Speziell bei derartigen Verhältnissen, speziell bei einer Freeride-Produktion muss sich das Team aufeinander verlassen können. Fabio ist Bergführer, Bine Skiführerin und der Rest der Crew hat „sauviel Zeit“ in Ausbildung investiert. „Wir sind alles Menschen, die gewissenhaft am Weg sind“, erklärt Max. „Aber du musst auch deinen Kopf neu tunen. Zuhause hast du eine enorme Informationsdichte – die Erfahrung, gute Kontakte, gute Lawinenberichte. Und das hast du in solch abgelegenen Regionen eben nicht unbedingt. In den Lyngenalpen gibt es einen Menschen, der ein riesiges Gebiet abdeckt und dafür nur wenige Datenpunkte hat.“

Bereit für das Comeback
Vielleicht liegt es daran, dass man als Fotograf berufsbedingt die Dinge aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten muss. Den richtigen Blickwinkel finden, das kann Max. Auch auf Nordnorwegen. „Am Ende war es eine mega geile Zeit“, grinst er. „Das Tolle bei uns Menschen ist ja, dass wir gut im Verdrängen sind. Was alles nicht geklappt hat, ist die eine Seite, aber es war sensationell schön da oben. Unsere erste Mission war es, Angelruten zu kaufen und wir haben sicher so viel Zeit beim Fischen im Hafen verbracht wie in Schneehöhlen. Wir haben gemeinsam gekocht, Besuch aus der Heimat bekommen und eine lustige Zeit gehabt. Am Ende hat sogar die Bar aufgemacht und der Abend wurde auch durchaus lang."
Wer die Essenz der Natur einfangen will, der muss sich ihr fügen. Der muss damit zurechtkommen, viele Schneeprofile zu graben und viele Stunden in Schneehöhlen abzuwarten. Und der muss umkehren können. „All das macht es aus“, meint Max. „Ich mag ja auch das schlechte Wetter. Mir gefällt es, mich in meiner Hardshell zu vergraben. Und dann kommen immer wieder Momente, die alles rechtfertigen. Wenn es funktioniert, dann ist es einfach umso unglaublicher.“
Und wird er wiederkommen? „Definitiv. Mein Traumszenario wäre Lyngen mit der gleichen Crew bei stabilen Verhältnissen, viel Schnee und niedrigeren Temperaturen. Jetzt wissen wir auf jeden Fall ganz genau, wo wir die coolsten Lines finden.“











