GÖLL-OST | EVA WALKNER
Text: Eva Walkner // Fotos: ServusTV | Timeline Production, Eva Walkner, Heli Eichholzer
Heimspiel
Auf 2400 Meter, im knapp 50 Grad steilen Teil der Göll-Ostwand, liegt die letzte Engstelle. Heute ist diese Passage vereist, also nehme ich meinen Rucksack samt Ski ab, lege ihn vor meine Beine und greife meinen Pickel. Der Blick hinauf ist erwartungsvoll, aber respekteinflößend. Mein Onkel „Hubsi“, wohlgemerkt ein 8.000er Bergsteiger, ist knapp beim Wandausstieg. Ich habe die letzten, aber steilsten 100 Höhenmeter der Ostwand noch vor mir. Die Wechte über der Kante ist mächtig – wie jedes Jahr. Sie baut sich über den Winter auf, und man sagt: Wenn sie einmal abgebrochen ist, dann ist es Zeit für die Ostwandbefahrung. Heute weiß ich: Wechten und Seracs sind unberechenbar und schwer einzuschätzen. Oft war ich in der Vergangenheit bei Aufstiegen diesen mächtigen, aus Eis und Schnee geformten stillen Gefahren ausgesetzt. Möglichst schnell werden diese Abschnitte passiert, um wieder aus der Schusslinie zu gelangen. Natürlich stellt sich immer wieder die Frage, wie viel Glück oder Pech es braucht, um genau an dem einen Ort, zu genau dem Zeitpunkt zu sein, wenn sich ein Teil löst.
Noch ein tiefer Atemzug, ein erwartungsvoller Blick nach oben, und die letzten knackigen Höhenmeter starten. Dieser kurze, intuitive Blick in Falllinie zur Wechte lässt mich erstarren. War das ganz oben etwa eine Staubwolke? Ein Felsvorsprung verdeckt beinahe alles, was sich zwischen Wechte und mir abspielt. Adrenalin durchströmt meinen Körper. Wenn die Wechte bricht, bricht sie genau oberhalb der Aufstiegslinie, in der, in der ich mich gerade befinde. Plötzlich sehe ich Nassschneemassen auf mich zurauschen. Zeit zum Nachdenken habe ich nicht. „Renne! Renne zur Seite, so schnell du kannst“, sage ich mir. „Renne mit breiten Schritten, damit ich mit den Steigeisen nicht hängen bleibe.“ Mein Rucksack samt Ski und Stöcke wird mitgerissen und runtergespült. Die Göll-Wechte, ein Monster, das nie schläft und von Zeit zu Zeit demonstriert, dass wir doch nur kleine Spielfiguren in einer eindrucksvollen Bergwelt sind.
Also beende ich meine erste Göll-Ost-Erfahrung knapp unter dem Ausstieg der Steilwand und stapfe ohne Ski, Stöcke und Rucksack wieder talwärts. 200 Tiefenmeter später finde ich meine gesamte Ausrüstung wieder. Die Lawine endet erst unten, im Wilden Freithof, denn ein klassisches „Auslaufgelände“ gibt es hier nicht. Ein scheinbar kleiner Wechtenbruch verwandelt sich im Laufe der 700 Höhenmeter zu einem ordentlichen Nassschneemonster, dem man lieber nicht frontal die Stirn bietet. Das war vor über 15 Jahren, als mich Onkel Hubsi in die Welt des heimischen Steilwandskifahrens entführt hat.

Der Hohe Göll ist die letzte massive Erhebung, bevor die Landschaft in Richtung Norden immer flacher wird. Mit 2522 Metern ist er der höchste Gipfel im Göllmassiv und am Ostrand der Berchtesgadener Alpen beheimatet. Für uns ist es der „Gö“, die Berchtesgadener nennen ihn „Gei“, und für diejenigen, die von weiter herkommen, ist es einfach nur der Göll. Die Grenze zwischen Bayern und dem Salzburger Tennengau verläuft direkt am Gipfel. Die Ostwand bleibt auf österreichischem Boden. Er ist eine Erscheinung, dessen Blick nie langweilig wird. Es sind nicht die Steilwände von Chamonix oder die Eiger-Westwand in Grindelwald, dennoch ist der Frühjahrsklassiker nicht minder beeindruckend. Von Gasteig aus, der österreichischen Seite, sind es 1.800 Höhenmeter bis auf den Gipfel. Für viele heimische Bergsteiger ist die Göll-Ost der „Spielplatz“ hinter dem Haus, für viele andere bleibt sie ein jahrelang gehegter Traum. Ein Ziel, auf das man hinarbeitet und das sich irgendwann erfüllt – vielleicht.
Helmut Eichholzer ist so einer, der die Göll Ost wohl besser kennt als jeder andere. Wir sind beide in Kuchl aufgewachsen, den Blick immer auf unseren Hausberg gerichtet. Anders als Heli erwische ich die Wand selten in perfektem Zustand, schon gar nicht von ganz oben bis ganz unten. Vielleicht auch deshalb, weil ich meine Frühlinge mehr in Chamonix oder Alaska verbracht hatte als in meiner Heimat.

Die neue Realität ist, dass die Übergänge vom Winter ins Frühjahr immer kürzer werden und damit auch die Zeitfenster für gute Firn-Skitouren. Aber heute scheint ein guter Tag zu sein. Vielleicht sogar der perfekte Tag - so ein Tag auf den man Jahre warten muss? Es ist der 10. April, und es hat über Nacht geschneit, mehr als der Wetterbericht vorausgesagt hatte. Wir filmen mit dem Team von Timeline Production für Servus-TV „Bergwelten“, eine Dokumentation über den Göll im Winter. Wir starten um 5:00 Uhr in der Früh vom Schwalber Parkplatz in Gasteig. Der Tag beginnt wolkenlos, an den senkrechten Wänden klebt frischer Pulverschnee, der von den ersten Sonnenstrahlen in ein leuchtendes orange gefärbt wird. Ein Hauch von Alaska. Die ersten Höhenmeter tragen wir die Ski, dann arbeiten wir uns in Spitzkehren bis zum Wilden Freithof hinauf. Die Tageserwärmung setzt langsam ein, und das Schauspiel beginnt. Im Kessel potenziert sich das Grollen der frischen Schneemassen, die sich vom Fels lösen und der Schwerkraft ergeben. Bei so einer Frühjahrstour geht es vor allem um den Faktor Zeit. Wir müssen zügig durch die erste Steilstufe nach dem Wilden Freithof. Der Aufstieg befindet sich genau in Falllinie, wo sich sämtliche „Rutscher“ ihren Weg nach unten bahnen. Noch bevor sich die Felsen von den Neuschneemengen trennen, sollten wir durch sein.

Die steile Querung, nach links kostet Zeit. Gerade mal 20 Zentimeter lockerer Pulverschnee überdeckt reines, glattes Kalkgestein. Mit den Steigeisen abrutschen ist in diesem steilen Gelände definitiv keine Option. Bei wenig Schnee ist dieser Bereich apper und kann relativ einfach gequert werden, bei viel Schnee ist die Querung gar kein Problem mehr. Je weiter wir uns raufarbeiten, desto tiefer wird der Schnee, und Heli, unsere Spurmaschine, steckt bis zu den Knien in feinstem Pulverschnee. Etwa in der Mitte der Wand angekommen, blicken wir demütig und erwartungsvoll in Richtung Gipfel. Die senkrechte Wetterbockwand direkt vor uns. 2014 eröffnet Alexander Huber mit der „Wetterbock“ Route (8c) eine der schwierigsten Mehrseillängenrouten der Welt. Auch für die „Huberbuam“ ist der Göll ein Heimspiel, sie wohnen drentn, auf der anderen Seite des Gölls.
Bevor wir weitergehen, graben wir ein Schneeprofil. Zwar ist der Schnee ohne Wind gefallen, aber wir überlegen, ob weitergehen eine sichere Entscheidung ist. Das Schneeprofil sieht gut aus und wir arbeiten uns weiter hinauf. Um die Abfahrt für die Filmaufnahmen jungfräulich zu halten, steigen wir eine alternative Variante, links der Abfahrtsroute auf. Aufgrund der zunehmenden Steilheit sind die Ski wieder auf dem Rucksack. Bis zur Hüfte stecken wir im kalten, glitzernden Pulver. Der Schnee wird immer tiefer und tiefer, die Vorfreude steigt exponentiell an. An berüchtigter Stelle, 100 Höhenmeter unter dem Ausstieg, stecken wir bis zum Bauchnabel im Schnee. Diese Stelle kenne ich nur zu gut. Der Blick instinktiv immer nach oben gerichtet. Kalter Pulverschnee auf kaum einer Unterlage. Ein Vorankommen wird zunehmend mühsamer, und die Zeit läuft gegen uns. Die berühmt-berüchtigte Wechte thront über uns und scheint heute ruhig zu sein. Heli hat den gesamten Aufstieg gespurt, und mit einem Filmteam im Gepäck dauern die Höhenmeter natürlich länger. Drohne raus, Drohne rein, Stopp, Interviews, Weitergehen …

Das kostet Zeit. Wir stehen also an derselben Stelle wie damals, als mir der Göll eindrucksvoll seine Stärke demonstriert hatte, und überlegen. Im Team sollten Entscheidungen niemals reine „Ich-Entscheidungen“ sein. Das Ego kann allein handeln – in der Gemeinschaft sollte Raum für Verantwortung sein, nicht für Egoismus. Wir schauen uns an, diskutieren auf Augenhöhe, für und wider. Vielleicht wären wir, wenn wir ohne Kamera unterwegs gewesen wären und dadurch viel schneller durch die Wand hätten steigen können, ganz rauf gegangen. Wir wissen es nicht. Aber die Einfahrt wird voller zugedeckter, kleiner „Minen“ sein, es war ein schneearmer Frühling, der obere Bereich ist immer abgeweht und sehr „sharky“. Es würde eher einem vorsichtigen Abrutschen und Queren als einem genussvollen Skifahren gleichen. Die Engstelle wird vielleicht für den Ersten und Zweiten gut passierbar sein, für die anderen ein mühsames Unterfangen. Auch der Faktor Zeit, es ist bereits später Vormittag, spricht in vielerlei Hinsicht für ein Umdrehen. Für uns geht es nicht um den Gipfel, sondern um kluge Entscheidungen, und Umdrehen gehört dazu. Im Team entscheiden wir uns also gegen den Gipfelerfolg und für unser Bauchgefühl.

Wer kennt das nicht: Unverspurte 1.000 Tiefenmeter, die auf einen warten. Tiefer, kalter Pulverschnee, der in der Sonne wie tausende Diamanten glitzert – und die erste Linie. Die bekommt natürlich Heli, der die Aufstiegsarbeit verrichtet hat. Jeder tiefe Atemzug, jeder Schwung hinterlässt ein Gefühl, das man sonst kaum irgendwo findet: dieses unbändige Hoch, die pure Präsenz im Moment, Glücks- gefühle, Freiheit – ein Durchströmen der Endorphine, die diese Göll-Ost-Befahrung in uns auslösen. Die Weite der Wand bietet Platz für mehr als nur eine erste Linie. Und so kommen wir alle in den Genuss des Unverspurten.
Bei diesen Premiumbedingungen bin ich diese Abfahrt noch nie gefahren, vielleicht werde ich die Göll-Ost auch nie wieder so gut erwischen. Wer weiß. Das Gefühl und die intensiven Momente bleiben verankert, der nicht erreichte Gipfel ist schnell vergessen. Denn bei solchen Unternehmungen zählen der Weg nach oben, das Abenteuer mit Freunden und der unbeschreibliche Genuss der Abfahrt; der Gipfel selbst ist schließlich nur ein kurzer Augenblick.












