UPRO SHORS | A LONG JOURNEY
Text: Christina Mack // Fotos: Felix Wachter & Lucas Bürner
A long journey
Nach einer schweren Erkrankung, die ihn zeitweise vollständig lähmte, wagte Felix gemeinsam mit seinem Kindheitsfreund Lucas ein außergewöhnliches Abenteuer. 100 Tage reisen sie in einem Van durch die Türkei unGeorgien, um an außergewöhnlichen Orten Ski und Snowboard zu fahren. Ihre Erlebnisse halten die beiden in einem Film fest, der von Durchhaltevermögen, tiefem Powder undFelix‘ Comeback ins Leben erzählt.
Lucas und Felix kennen sich seit dem Kindergarten und haben ihre Schulzeit gemeinsam verbracht. Auch während des Studiums in unterschiedlichen Städten verloren sie nie den Kontakt. Über Jahre hinweg verfolgten sie ein gemeinsames Ziel. Nach dem Studium wollten sie ins Ausland reisen, Ski und Snowboard fahren in Ländern, in denen sie noch nie zuvor waren.
Während seines Medizinstudiums absolvierte Felix im Sommer 2022 einen Teil seines praktischen Jahres in Tansania. Er arbeitete dort in einem Krankenhaus, operierte nachts und nutzte die Tage, um das Land zu erkunden. Er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er sich dort mit einer Infektion angesteckt hatte, die sein Leben komplett auf den Kopf stellen würde. Die Infektion verlief zunächst unauffällig, bis sich sein Zustand am Tag seiner Rückkehr nach Deutschland plötzlich verschlechterte.

Auf der Zugfahrt vom Flughafen nach Hause wollte sich Felix zwischen zwei Sitzplätzen abstützen. Ein Arm gab nach und er rutschte ab. Er dachte sich nichts dabei und schrieb es der langen Reise zu. Als er seinem Bruder am nächsten Morgen zeigte, dass er sich nicht mehr selbst vom Boden aufrichten konnte, war jedoch klar, dass etwas nicht stimmte. Felix fuhr direkt in die Notaufnahme, wobei sein Zustand ab diesem Zeitpunkt zunehmend schlechter wurde. Seine Muskeln begannen zu verkrampfen und die Kontrolle über seinen Körper ließ stetig nach. „Ich bin ins Krankenhaus reingelaufen und am nächsten Tag konnte ich noch 10 Sekunden stehen. Eine Nacht später konnte ich nicht mal mehr das. Ich konnte meine Arme und Beine einfach nicht mehr bewegen“, erzählte Felix im Interview.
Die Diagnose lautete Guillain-Barré-Syndrom, eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die eigenen Nervenfasern angreift und Lähmungen hervorruft. Felix kannte die Krankheit und wusste, dass sie schwer verlaufen kann, aber auch dass die Nerven sich erholen oder langsam nachwachsen können. Zwei Wochen lang war Felix nahezu vollständig gelähmt, bevor er weitere vier Monate in der Schön Klinik Bad Staffelstein verbrachte.
Felix ging den Reha-Prozess zunächst optimistisch an, merkte aber schnell, wie langsam Fortschritte sichtbar wurden. Vieles, was vorher selbstverständlich gewesen war, musste er sich mühsam zurückerarbeiten. Nach etwa einem Monat konnte Felix wieder stehen und am Ende der Reha mit einem Rollator rund hundert Schritte gehen. Die geplante Reise blieb somit ein Gedanke im Hintergrund, der aber lange nicht greifbar schien. „Du kannst dir so eine Reise nicht wirklich vorstellen, wenn du nur hundert Meter laufen kannst“, beschrieb er diese Phase rückblickend. Gleichzeitig war genau dieser Gedanke eine konstante Motivation, denn er wusste, dass etwas Großes auf ihn wartete.

Über ein Jahr voller Untersuchungen und Therapien später kehrte Felix erstmals in die Berge zurück. Zunächst fuhr er eine kurze Abfahrt am Kinderlift, dann lief er rund 300 Höhenmeter selbst hinauf und fuhr wieder ab. In diesem Moment wurde ihm klar, dass es zumindest theoretisch wieder möglich wäre und sie die Reise wagen konnten. Es folgte ein weiteres Jahr intensiven Trainings und Physiotherapie, bevor sie schließlich aufbrachen.
Im Januar 2025 starteten Lucas und Felix schließlich ihre Reise. Der Van rollte Richtung Südosten. Die ersten Stopps führten sie nach Slowenien und Nordmazedonien. Diese Tage dienten vor allem dazu, anzukommen und das Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen. Die erste Skitour fühlte sich ungewohnt an, die Bewegungen waren noch steif und die Energie sehr begrenzt.
Der erste größere Meilenstein wartete dann in Griechenland. Am Olymp gingen sie eine erste größere Skitour, bei bestem Wetter und mit Blick auf das wunderschöne Meer. Lucas und Felix waren bewusst langsam unterwegs und wurden positiv überrascht, wie gut der Aufstieg bereits ging. Diese Skitour setzte den Ton für die Reise, die jetzt so richtig begann.

Eigentlich war die Türkei nur als Durchreiseland geplant, denn das große Ziel hieß Georgien. Doch je länger sie unterwegs waren, desto klarer wurde, dass die Türkei weit mehr bot, als sie erwartet hatten. Hohe Berge, weite Regionen ohne Skigebiete und eine landschaftliche Vielfalt, die sie überraschte. Aus ein paar geplanten Tagen wurden somit mehrere Wochen.
In Zentralanatolien bestiegen sie zunächst den Erciyes Dağı, einen knapp 4.000 Meter hohen Vulkan. Der lange Aufstieg und die steile Abfahrt forderten Konzentration, wurden aber mit einer grandiosen Abfahrt und Glücksgefühlen belohnt.
Den Großteil ihrer Zeit in der Türkei verbrachten sie jedoch im Kaçkar-Gebirge im Nordosten des Landes, nur wenige Kilometer vom Schwarzen Meer entfernt. Als die zwei realisierten, dass einiges an Schnee kommen sollte, fuhren sie in ein abgelegenes Hotel; das einzige, das im Winter offen hatte. Dort trafen sie auf Bedingungen, die sie bisher kaum erlebt hatten. Innerhalb weniger Tage fielen teils über zwei Meter Neuschnee. Es schneite tagelang, unterbrochen von kurzen Wetterfenstern, bevor die nächste Front hereinzog. Die Nähe zum Meer sorgt in der Region dafür, dass sich die Wolken dort regelrecht entladen.

Während sie vom Schneesturm eine Woche lang im Hotel festgehalten wurden, lernten sie Ian Hall von Turkish Backc ountry kennen, der Skitouren anbietet und die Gegend bestens kennt. Mit einer Pistenraupe konnten sie oft ein paar hundert Höhenmeter hochfahren und von dort ihre Touren starten. Bei den Schwüngen im Tiefschnee konnten sie kaum atmen, weil so eine unglaubliche Menge an Schnee lag. Lucas beschrieb es im Film so: „Ich habe Felix noch nie so schnell laufen sehen seit der Erkrankung, und wir freuen uns jetzt einfach den Tiefschnee runterfahren zu können, weil’s so genial ist.“
Besonders eindrücklich blieb außerdem ein Tag im Gebiet von Yaylalar. Sie liefen mehrere Stunden in ein abgelegenes Tal hinein. Das Dorf, von dem sie gestartet waren, bestand aus nur wenigen Häusern und war bewohnt von Menschen, die mit Skifahren kaum Berührung hatten. Die nächste größere Stadt lag mehrere Autostunden entfernt. Sie gingen ohne konkretes Ziel los und hielten Ausschau nach dem besten Schnee. Ein steiler Hang, der sich von unten perfekt präsentierte, zog sie schließlich an. Ihnen war klar, dass hier nichts passieren durfte. Die Abfahrt belohnte sie mit einem der intensivsten Momente der gesamten Reise.
Was das Skifahren in der Türkei für die zwei besonders machte, war die Mischung aus Einsamkeit und Vielfalt. Es gibt einige kleine Skigebiete, die sich auf flaches Gelände beschränken, gleichzeitig existieren riesige Gebirgsketten, die im Winter praktisch unerschlossen sind. Die südliche Lage des Landes bringt allerdings auch ihre eigenen Herausforderungen mit sich. Sonnenexponierte Hänge bauen schneller ab, während schattige Lagen meterhoch verschneit bleiben. Die Bedingungen ändern sich schneller als in den Alpen und erfordern deshalb hohe Aufmerksamkeit und Anpassung. Neben dem Skifahren prägte vor allem der Kontakt zu den Menschen ihre Zeit in der Türkei. In Bergdörfern wurden sie regelmäßig angesprochen und auf Tee oder zum Essen eingeladen. Gerade im Winter, wenn kaum Reisende unterwegs sind, sorgte ihr Van für Neugier. Manchmal sei es fast anstrengend geworden, jeden Abend irgendwo eingeladen zu sein, erzählten die beiden lachend.

Nach fast eineinhalb Monaten in der Türkei setzten sie ihre Reise nach Georgien fort. Von Mestia aus ging es weiter nach Ushguli, dem höchstgelegenen Dorf Europas. Neben spannenden Abfahrten und abwechslungsreichem Gelände prägte auch hier die große Gastfreundschaft der Einheimischen die Reise von Lucas und Felix.
Mit über 5.000 Metern ist der Kasbek einer der markantesten Gipfel des Großen Kaukasus und bildete den Höhepunkt der Reise. Für Lucas war der Kasbek ein alpines Ziel, für Felix vor allem ein persönlicher Meilenstein. Zwei Jahre zuvor hatte er kaum stehen können und nun bereitete er sich auf die Besteigung eines 5.000ers vor. Lucas und Felix verbrachten mehrere Tage im Tal, um ein passendes Wetterfenster abzuwarten. Bei der ersten Möglichkeit stiegen sie schließlich an zwei Tagen zu den ersten beiden Hütten auf.
Am Gipfeltag klarte der Himmel auf, doch die Bedingungen blieben weiterhin extrem. Böen von über 100 km/h, Temperaturen um die −30 °C und große Mengen Triebschnee machten die Bedingungen zunehmend kritisch. Auf etwa 4.500 Metern entschieden sie sich dann umzudrehen, da die Lawinengefahr zu groß war. Beide waren dennoch glücklich und insbesondere Felix merkte, dass die Kraft und Energie vorhanden waren. Ihm wurde bewusst, dass er körperlich in der Lage gewesen wäre und die Natur einfach nicht mitspielte.

Auch für Lucas war der Moment am Kasbek besonders. Wenn er an die ersten gemeinsamen Touren nach Felix’ Erkrankung zurückdachte und ihn nun auf über 4.000 Metern erlebte, sei das eine unglaubliche Entwicklung gewesen. Dass Felix an diesem Tag sogar vorne spurte, wäre früher undenkbar gewesen.
Außerdem ergänzen Lucas und Felix noch ein weiteres Learning. Man muss nicht in den Bergen aufgewachsen sein oder Profi-Skifahrer sein, um solche Abenteuer zu erleben. Wenn man etwas wirklich machen will, sollte man es einfach angehen, auch wenn es andere für unmöglich halten oder man selbst unsicher ist. Und so konnten die beiden zwei Jahre nach der schweren Erkrankung atemberaubende Touren gehen und Momente erleben, die sie nie vergessen werden.
Auf der Heimfahrt legten sie in Griechenland einen finalen Stopp ein und brachen zu einer letzten Skitour auf. Während sich die Sonne im Meer spiegelt, reflektierte Lucas im Film: „Vor ein paar Monaten konnte Felix keinen Schritt gehen und jetzt stehen wir in Griechenland, nur wir zwei auf einer Hütte. Hinter uns liegt wohl die Reise unseres Lebens. Drei Monate unterwegs, Freiheit, Berge, Abenteuer und viele Begegnungen. Für solche Momente leben wir und wir wissen: Diese Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit.“











