bergstolz

M&M


Text: Matthias Mayr
Fotos: Jonas Blum, Johannes Aitzetmüller und Clemens Plaschke

Wer uns kennt, wird bemerkt haben, dass Hauni und ich zwar überaus ehrgeizig und zielstrebig sind, jedoch Versuche, Erstbefahrungen oder Bestmarken aufzustellen, nicht unbedingt unsere Triebfeder sind. Das bedeutet nicht, dass es nicht im Zuge unserer Projekte, einfach mal passieren kann. Womit wir schon beim Thema wären. 2015 war das Jahr der großen Veränderung.

Alaska, Japan, die Alpen Neuseelands, überall waren wir schon, um unsere Lines in den Schnee zu ziehen und auf Film zu bannen. Aber, was für mich wenige Jahre zuvor noch unvorstellbar war: Mein selbst definierter Traumberuf wurde mir, es ist eigentlich nicht zu glauben, zu langweilig und monoton. Träumte ich wenige Jahre zuvor noch, irgendwann mal in Alaska meine Spuren in den Schnee zu ziehen oder im endlosen Tiefschnee Hokkaido´s zu „schnorcheln“, war die Realität doch so, dass diese Träume zwar alle wahr wurden, sie aber zu 99% aus “warten auf den besten Moment” bestanden. Deshalb standen sowohl ich als auch mein Kollege „Hauni“, der im Sommer 2014 sogar schon mal kurz seine Karriere an einen zum Glück sehr rostigen Nagel hängte, am Wendepunkt unseres Skifahrerlebens. Der Beschluss war, dass wir ab diesem Zeitpunkt nur noch Sachen machen, die von Anfang bis zum Schluss so spannend sind, dass Langweile nicht im entferntesten aufkommen kann.

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6 Monate später stehen wir auf einem Frachtschiff im nördlichen Pazifik, Wassertemperatur 2 Grad, Ziel: Onekotan. April 2015, zu diesem Zeitpunkt war das einzige Bild, das von der Insel Onekotan im Winter existierte, eines der ISS, also aus dem Weltraum. Das jedoch war so beeindruckend, dass es Grund genug war, völlig grün hinter den Ohren was 1. Expeditionen, 2. Russland, 3. den Ozean angeht. Völlig egal, wie man ja weiß liegt zwischen Mut und Dummheit ein sehr schmaler Grat. Grenzenloser Optimismus alles irgendwie schaffen zu können gesellte sich dazu, so kam es, dass wir 36 Stunden später auf einer unbewohnten Insel abgesetzt wurden, die laut Klimadiagramm durchschnittlich einen Sonnentag pro Monat und einen Tag mit weniger als 70 Stundenkilometern Wind aufwartete. Die denkbar schlechtesten Umstände für Freerider. Die besten jedoch, um das ultimative Abenteuer zu erleben. Wir hatten eine neue Leidenschaft gefunden. An die faszinierendsten Orte der Welt zu reisen und sich nicht davon abhalten zu lassen, dass viele dieser Orte eigentlich unerreichbar sind. Und gerade dieses Gefühl, noch mehr auf sich selbst gestellt zu sein, als beim normalen Freeriden, keine Rettungsmöglichkeiten zu haben. Alles von sich selbst und dem eigenen Team abhängig zu machen, das ist für mich der neue Flow Status. Nichts füllt Körper und Geist mehr aus, als in Regionen unterwegs zu sein, wo es kein 140 gibt, keine warme Hütte und kein “ich kann nicht mehr, ich fahr jetzt heim”. Onekotan war der Beginn eines neuen Lebensgefühls, vom Freerider zum Ski-Abenteurer. Eine Transformation, die rein zufällig passierte und so nie angestrebt war, gleichzeitig etwas, dass sich für uns sehr passend anfühlte.

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Wie sehr uns dieses neue Gefühl vereinnahmte, konnte man beim Heimflug von Petropawlowsk erkennen. Ein Blick aus dem Fenster des Jets nach Hause hinunter in die Tiefebenen Sibiriens, hatte mit Ebenen rein gar nichts zu tun. Unter uns erstreckten sich zwei jeweils mehr als 1000 km lange Gebirgszüge, von Nord nach Süd. So gigantisch, beeindruckend und überraschend, weil wir ebenso wenig wie die meisten hier, keine Ahnung hatten, dass es im äußersten Osten Sibiriens Berge gab. Und genau deshalb war sofort klar, wo die Reise 2016 hingehen sollte, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass dies vielleicht kompliziert werden könnte.

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2016 Anfang Februar, das Gute zuerst, wir haben mittlerweile rausgefunden: das sibirische Tschersky Gebirge ist Heimat des höchsten Gipfels von ganz Nordostsibirien. Den Gora Pobeda hat noch nie jemand mit Skiern befahren. Laut Literatur auch nicht möglich. Dazu sei gesagt, viel Literatur gibt es hierzu nicht. Nun die Probleme: der Gora Pobeda liegt mehr als 350 km von der nächsten Straße entfernt. Diese „nächste Straße“ nennt sich „Road of Bones“, ist also auch nicht unbedingt vertrauenserweckend. Deshalb sitzen wir auch schon im UAZ mit unseren neuen russischen Freunden Ajar und Pasha unterwegs von Jakutsk, der kältesten Großstadt der Welt, Richtung Nordosten. 1400 km, um genauer zu sein. Zwei Tage seien wir unterwegs, meinte Ajar. Dass zwei Tage bedeutet, 47 Stunden durchzufahren, ohne einer einzigen Nächtigung, wussten wir davor natürlich nicht. War aber genau nach unserem Motto, alles, nur nicht langweilig. -55 Grad erlebten wir dabei, kälter geht nicht...

Matthias Haunholder Portrait

Wenige Wochen später waren wir wieder in Sibirien. Unser Erstbesuch, um herauszufinden, wie wir auf den Gora Pobeda kommen könnten, hat sich teilweise gelohnt. Wir wussten nun zumindest, die Nomadenfamilie, welche am Fuss des Tschersky Gebirges ihr Winterlager hat, würde uns tatkräftig unterstützen und hat uns schon im Februar aufgenommen, als wären wir ein Teil ihrer Familie. Diese Begegnungen mit Menschen aus derart extremen Regionen sind für mich persönlich das Wertvollste, das ich von meinen Reisen mitnehmen konnte. Zwei Wochen später standen wir am Gipfel des Gora Pobeda, dem Berg des Sieges. Benannt aufgrund des in Russland alljährlich gehuldigten Sieges über Nazi Deutschland am 8. Mai. So absurd die aktuelle Situation in Russland gerade ist, so schrecklich Putin und Co. agieren. Persönlich haben wir auf unseren mittlerweile zwei Monate dauernden Expeditionen im größten Land der Erde zahlreiche Freundschaften geknüpft, die uns trotz aktueller massiver Meinungsverschiedenheiten bezüglich der aktuellen Situation, noch immer verbindet.

Ob man unsere Reisen nach Sibirien und Onekotan noch toppen könne, war nun die Frage, die wir uns stellten. Und wieder ging es nicht darum, höher, schneller, weiter zu denken. Und wieder blieb es nicht aus, dass es der Zufall so will, dass man doch an Limits des bisher vorstellbaren stößt.

Matthias Mayr Portrait

Die Antarktis - seit jeher war ich fasziniert, wenn im TV Dokus über diese Eiswüste liefen. Dramen über die „Eroberung“ des letzten Kontinents nachgestellt wurden. Immer mit dem Fazit, wie kann man nur so dumm sein und da freiwillig hinreisen. Mit einem, wo wir wieder beim „roten“ Faden wären, russischen Frachtjet, auf kilometerdickem Eis landen? Das ernüchternde zuerst. Obwohl noch abgelegener und unwirtlicher als unsere bisherigen Stationen, ist die Reise zur Antarktis wesentlich einfacher für den Abenteurer selbst, denn sie ist organisiert und muss nicht erst erfunden werden. Ein kleiner Minuspunkt, den der Anblick, der sich uns bot, aber sogleich wieder wettmachte. Einerseits hatte ich im Kopf die permanente Vorstellung, dass wir jetzt am Arsch der Welt, also ganz unten und noch dazu kopfüber stehen. Andererseits ist das wirklich wie auf einem anderen Planeten. Unser Ziel war natürlich nicht, einfach nur da zu sein. Ein bisschen Freerider Stolz haben wir schon noch immer. Big Lines im Powder wollten wir im inneren des Kontinents in die steilen Flanken der Ellsworth Mountains ziehen. 24 Stunden Sonnenlicht, Pulverschnee, alles war vorhanden. Mit gemessenen (ja Zahlen sind doch wichtig) 100 Sachen stürzten wir uns ins Vergnügen. Danach, um wieder ins Basislager zu gelangen, mit der Hilfe von Kites, im Rahmen deren Benutzung wieder das Thema Mut/Dummheit in den Vordergrund rückte und wir da dieses Mal ganz klar auf der dummen Seite lagen. Doch da es in der Antarktis weder Bäume noch Gebäude gibt, der Hauptgrund für tödliche Kite Unfälle, ging auch hier alles glimpflich aus.

2018, wenn man schon in der Antarktis Powder gefunden hat, was hält einem davon ab, dies am Nordpol zu tun? Richtig! Der Nordpol ist nur Ozean, also heißt es suchen - wo liegt das nördlichste Gebirge der Welt. Gefunden? Ellesmere Island, ganz oben!

Im Gegensatz zum Gegenpol nicht so einfach zu erreichen. Gut für uns, denn Erstens war deshalb dort noch keiner, Zweitens wirds garantiert nicht langweilig. Neben der Anreise mit dem Frachtschiff wahrscheinlich unsere riskanteste Anfahrt, bzw. Flug. Obwohl man so ehrlich sein muss, mit dem UAZ bei -55Grad querfeldein über 100te Kilometer war eigentlich auch nicht gerade eine Übungsfahrt.

Wir landen trotzdem, nämlich auf einem zugefrorenen Fjord, dem McClintock Inlet. Fast 83 Grad nördlich. Vier Stunden nördlich von Resolute Bay, einmal Zwischentanken in Eureka, einer Wetter Station. Der nördlichsten zivilen der Welt. Wenn im Meereseis, dass ca. 60cm unter dem Pulverschnee irgendeine Unebenheit versteckt hat, war es das. Sagte uns der Pilot kurz davor. Auch in Ordnung. Außerdem wussten wir, wenn am Zielort Nebel sein würde, müssten wir umkehren, das Budget wäre weg. Und niemand kann sich nur annähernd vorstellen, was ein Privatflug in dieser Region kostet. Das würde das Aus für unser Projekt bedeuten. Glück im Unglück, oder einfach wie so oft, der Versuch im Vorfeld herauszufinden, wann das Wetter am besten für derartige Unternehmungen passen könnte, war erfolgreich. Highlight an diesem Trip: Unser Wolfshund Qujju, die Alarmanlage auf vier Beinen gegen heranschleichende Eisbären.

2023, Corona ist vorbei, endlich wieder Zeit für neue Abenteuer. Nur wohin, wir waren doch schon überall. Fast überall. Erst jetzt fällt uns auf, dass wir bereits auf 6 Kontinenten Skifilme gemacht haben. Fehlt nur noch einer. Ok, aber Afrika? Wir wollen doch immer Pulverschnee. Egal, Afrika bietet Wildnis und Natur quasi vor unserer Haustüre, wir könnten sogar CO2 frei anreisen. Gesagt getan. Unser Mercedes EQV300 machts möglich. Das Atlas Gebirge, mehr als 4000 Meter hoch, Schnee meist nur ab 3000 Metern. Jedoch, wenn es eine Chance auf Pulverschnee gibt, dann im Februar. Und das Glück war tatsächlich abermals auf unserer Seite. Pulverschnee auf allen sieben Kontinenten. Klingt ziemlich geil, war nie so geplant, nimmt man aber gerne so mit....

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Und natürlich planen wir schon das nächste Abenteuer....




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