Was die Berge uns geben
Norwegen

Was die Berge uns geben

Text: Zoe Mehnert / Fotos: Merlin Libicky

Zwei Wochen waren wir in Loppa, Nordnorwegen unterwegs. Geplant waren unberührte Hänge zu entdecken, lange Skitouren und die Hoffnung war natürlich groß auf jede Menge Powder. Aber wie es oft so ist, kam alles anders als geplant. Aber sowas macht doch ein gutes Abenteuer aus oder nicht? Und mit jeder Entscheidung, die wir als Gruppe zusammengetroffen haben, wuchsen wir näher zusammen.

Es ist vier Uhr morgens. Zu dunkel, zu kalt und für meinen Geschmack viel zu früh, um freiwillig irgendwohin zu laufen. Die Lichter unserer Stirnlampen zeichnen kleine Lichtkegel in die eisige Nacht. Wir sind unterwegs zu einer steilen Rinne, die wir unbedingt zum Sonnenaufgang befahren möchten.

Die Line hatten wir zuvor von der Fähre aus gespottet und beschlossen, alles zu versuchen, um sie zu fahren. Um näher dran zu sein, haben wir unser Basecamp ein weiteres Mal verlegt. Jetzt stehen wir am Einstieg zur Rinne und stellen fest, dass die Bedingungen anders sind als gedacht. Der Schnee ist hart und Eisbrocken türmen sich auf. Bruchharsch. Mein Bauchgefühl meldet sich und ich muss mir eingestehen, dass sich die Situation für mich heute nicht gut anfühlt. Also drehe ich um. Die Jungs entscheiden sich den Aufstieg fortzusetzen. Im ersten Sonnenlicht können sie die Rinne befahren. Von meinem Standort kann ich die Rinne nicht einsehen. Ich höre lediglich das Rauschen des Funkgerät und kann mir vorstellen, wie unglaublich es aussehen muss.

Natürlich wäre ich diese Line gerne gefahren. Wir hatten schließlich einiges auf uns genommen, um überhaupt hierherzukommen. Und während ich so dastehe und die Jungs über Funk höre, macht sich schon ein bisschen Enttäuschung breit. Trotzdem weiß ich, dass es für mich die richtige Entscheidung war. Aber der Reihe nach.

Die Idee hinter Vaddas – What the Mountains Gave Us, dem neuen Filmprojekt von Mountain Tribe, war ziemlich einfach. Zumindest auf dem Papier. Wir wollten mit dem Boot abgelegene Inseln und Landstriche im Norden Norwegens erreichen, dort unsere Zelte aufschlagen und dann von unseren Basecamps aus die umliegenden Berge erkunden und entdecken. Wir suchten nach Lines und Abfahrten in einem Gebiet, in dem nur wenige oder vielleicht noch gar keine Menschen zuvor unterwegs gewesen waren. Auf komfortable Unterkünfte, warme Duschen und gemütliche Betten wollten wir bewusst verzichten. Der Plan war einfach und minimalistisch. Schlafen im Zelt, Expeditionsessen, Schnee schmelzen für Wasser und möglichst viel Zeit draußen verbringen.

Im April 2026 ging es für uns für zwei Wochen in die Region Loppa. Mit dabei waren Regisseur Valentin Werner Tutschku, Kameramann Merlin Libicky, Martin Kogler, Andri Bieger, unsere lokale Ansprechpartnerin Stine Henrikson und ich, Zoe Mehnert.

Eine Woche vor unserer Anreise erhalten wir aber eine Nachricht, mit der keiner von uns gerechnet hatte. Ein Brand am Hafen zerstörte wichtige Infrastruktur und auch unser gemietetes Boot. Damit war der ursprüngliche Zugang zu der einsamen Insel mit ihren Bergen und Lines schlichtweg nicht mehr möglich. Also mussten wir improvisieren und andere Mittel und Wege finden. Was zunächst wie ein Rückschlag aussah, entpuppte sich im Nachhinein als Sinnbild unserer Reise: Wir hatten einen Plan, aber die Natur hatte einen anderen für uns. Notgedrungen gaben wir die Idee des Sail’n Ski auf. Statt mit dem Segelboot an entlegene Orte zu kommen, nutzten wir nun die regulären Fähren. Von den Fährhäfen ging es zu Fuß mit Ski und Pulka weiter. Immer wieder schlugen wir unsere Basecamps an abgelegenen Orten auf und erkundeten von dort aus die umliegenden Berge. Abenteuer, nur anders als geplant.

Eine Sache hatten wir uns jedoch definitiv anders vorgestellt: Den Schnee. Nach einer eher ernüchternden Wintersaison in den Alpen waren wir alle heiß auf Freeriden! Nordnorwegen im April klang eigentlich vielversprechend. Nur hatte das leider auch das Wetter andere Pläne für uns. Während unserer gesamten zwei Wochen kam kein Niederschlag. Keine Schneeflocke, gar nichts. Für diese Jahreszeit war ausgesprochen ungewöhnlich.

Stattdessen fanden wir Bruchharsch, blanke und vereiste Nordwände, steile Rinnen mit gefrorenen Eisbrocken. Immerhin gab es auch wilde und einsame Gletscherplateaus und irgendwann dann auch richtig schönen Slush und Firn. Der fehlende Powder bedeutete aber auch, dass wir unsere Herangehensweise anpassen mussten. Wie beim Frühlingsskifahren in den Alpen wurde das Timing entscheidend. Wann sulzt der Schnee auf und ab wann ist er bereits zu durchfeuchtet, um noch sicher abzufahren? Durch die anderen Licht- und Sonnenverhältnisse waren diese Zeitfenster oft nur sehr kurz. Einmal mehr mussten wir lernen mit dem zu arbeiten, was die Berge uns gaben.

Andere Wintersportler trafen wir in diesen Gegenden selten. Oft hatten wir das Gelände für uns allein. Und obwohl wir mit atemberaubenden Aussichten entschädigt wurden, so waren die Tage anstrengend. In den Aufstiegen schwitzten wir teilweise so sehr, dass unsere Kleidung komplett nass war. Sobald die Sonne verschwand, wurde es dagegen bitterkalt. Draußen zu leben, bedeutete aber auch, seine Kräfte nochmal mehr einzuteilen. Wenn nach der Abfahrt keine warme Dusche und kein gemütliches Kaminfeuer wartet, sondern das eigene Bett ein Schlafsack im Zelt ist, überlegt man es sich zweimal, ob man noch eine zusätzliche Runde machen möchte.

Was mich bei solchen Projekten immer wieder überrascht, ist, wie schnell man die Menschen um sich herum kennenlernt. Also so richtig gut kennenlernt. Wir kannten uns als Crew vorher nicht alle gleich gut. Aber zwei Wochen draußen, auf engstem Raum, ohne den gewohnten Komfort und mit Plänen, die ständig über den Haufen geworfen werden, lassen wenig Raum für individuelle Besonderheiten. Eigenheiten, Wünsche, Ängste und unterschiedliche Bedürfnisse kommen dabei ziemlich schnell zum Vorschein.

Trotzdem funktionierte unser Zusammenleben von Anfang an erstaunlich harmonisch. Natürlich gab es Diskussionen und unterschiedliche Meinungen, aber am Ende fanden wir immer gemeinsam eine Lösung. Je nach Situation waren wir in unterschiedlichen Zweier- oder Dreiergruppen unterwegs. So konnte fast jeder seine eigenen Vorstellungen und Ziele verfolgen, ohne dass immer alle dasselbe machen mussten. Entscheidend war, dass wir uns gegenseitig diesen Freiraum gaben und immer wieder zusammenkamen, um gemeinsam zu überlegen, was für uns als Gruppe Sinn machte. Dabei hätte die Kombination an Charakteren unterschiedlicher nicht sein können. Stine war unsere lokale Ansprechpartnerin in Norwegen und hatte bereits im Vorfeld viel für uns organisiert. Sie kennt Leute aus der norwegischen Freeride-Szene, spricht die Sprache und weiß, wie die Dinge da oben so funktionieren.

Sie wurde schnell viel mehr als nur unsere Ansprechpartnerin. Ich war ehrlich gesagt einfach froh, dass sie dabei war. Wir lagen jeden Abend im Zelt, den Schlafsack bis zum Kinn hochgezogen und redeten bis uns die Augen zu fielen. Mir scheint, dass es in Norwegen weniger darum geht, wer am schnellsten oben ist, wer den krassesten Drop nimmt oder die steilste Line fährt, vielmehr steht das gemeinsame Erlebnis im Vordergrund. Gefahren werden nicht ignoriert, weil jemand unbedingt eine bestimmte Abfahrt fahren will. Man spricht darüber, hört einander zu und entscheidet am Ende gemeinsam. Stine lebt diese Herangehensweise und wir durften davon profitieren. Diese norwegische Gelassenheit hat mir unheimlich gut gefallen. Nicht immer höher, schneller, steiler. Sondern zu wissen, wann man weitergeht, wann man umdreht und wann man einfach mal sagt: Heute nicht. Morgen vielleicht.

Andri, unser Urschweizer. Analytisch, selbstironisch bis in die Haarspitzen und ausgestattet mit einer besonderen Fähigkeit auch kritische zwischenmenschliche Situationen wie ein Rechenzentrum zu verarbeiten, was ihn echt lustig macht. Vali, das Organisationstalent. Er hatte immer alles im Blick, war in Gedanken drei Schritte voraus und blieb selbst dann noch ruhig, als auch noch Plan D in die Binsen ging. Gleichzeitig hat er ein unheimlich gutes Herz und ist jemand auf den ich mich zu hundert Prozent verlassen kann. Vali denkt zuerst an die anderen und ist einfach für einen da, wenn man ihn braucht.

Mascht, unser „Girls Dad“. Den Spitznamen bekam er von Stine und mir ziemlich schnell. Er war für uns Mädels besonders verständnisvoll, hatte zudem immer das Wohl der Gruppe vor Augen und dachte oft zuerst darüber nach, was wohl für alle anderen gut wäre. Liebevoll, aufmerksam und immer mit einem Schmäh auf den Lippen. Merlin, der Mann für die besonderen Shots. Als Filmer/Kameramann war er unglaublich geduldig und ausdauernd. Während wir am Drop stand und unsere Lines vorbereiteten, hatte er lange Wartezeiten und musste ordentlich für uns frieren. Ein Bild von ihm ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Merlin sitzt mitten auf einem zugefrorenen See, umringt von dieser riesigen, beeindruckenden norwegischen Landschaft und steuert von dort aus seine Drohe. Ruhig, in sich gekehrt, konzentriert, und dabei so präzise und fokussiert, als würde er diese unglaublich schöne Landschaft überhaupt nicht wahrnehmen.

Unsere Crew hätte unterschiedlicher kaum sein können, analytisch, organisiert, fürsorglich, manchmal chaotisch, immer mit ihren ganz eigenen Ecken und Kanten. Diese Unterschiede und Feinheiten haben das Abenteuer so besonders gemacht.

Zurück zur Rinne. Wir wollten diesen Sonnenaufgang. Wir wollten diese Rinne fahren. Wir wollten die Bilder. Aber die Bedingungen waren nicht wie erwartet. Ich schnalle meine Ski ab. Für mich passt es an diesem Tag nicht. Die Jungs entschieden sich weiterzugehen und konnten die Rinne schließlich fahren. Klar war ich in diesem Moment enttäuscht. Aber ein Filmprojekt funktioniert anders. Ich hätte meine persönliche Enttäuschung auch zum Problem der Gruppe machen können. Stattdessen war die Entscheidung gefallen und wir haben weitergemacht. Schließlich wollten wir gemeinsam das Beste für unseren Film und das ganze Projekt herausholen, auch wenn das bedeutete, dass nicht jeder seine persönliche Traumline fahren konnte. Die gesamte Gruppe hat mich unterstützt und stand hinter meiner Entscheidung und half mir damit umzugehen.

Nach zwei Wochen kam der Moment, an dem die Zelte wieder eingepackt waren und wir langsam zurück in die Zivilisation kamen. Plötzlich gab es wieder warme Duschen. Ein richtiges Bett. Vier Wände. Der abgebrannte Hafen, die Umwege, die Fähren, die Kälte, die fehlenden Schneefälle, der Slush, die ewige Dämmerung und die langen Gespräche – all das bleibt.

Besonders schön finde ich, dass unsere Geschichte nicht mit dem Heimflug endet. Stine wird in der Wintersaison 2026/27 in die Alpen kommen und dort als Skilehrerin arbeiten. Und ich freu mich schon riesig sie wieder zu sehen. Der Rest der Crew hat sich bereits in St. Anton beim Filmfestival im August wieder getroffen und ein sehr guten Abend gehabt. Ich werde im Frühjahr 2027 wieder nach Norwegen zurückkehren, diesmal als Skiguide. Gemeinsam planen wir auch schon das nächste Filmprojekt mit der Mountain Tribe Crew. Vielleicht gibt es wieder keinen Powder. Vielleicht passiert wieder irgendetwas, mit dem keiner gerechnet hat. Aber wenn ich aus diesen zwei Wochen eine Sache mitgenommen habe, dann, dass das beste Abenteuer nicht unbedingt das ist, bei dem alles nach Plan läuft. Es ist das, was die Berge uns gaben. Erlebnisse und Erfahrungen bei denen man irgendwann zurückblickt und merkt, dass man gemeinsam etwas erlebt hat, das für immer bleibt.

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