The Long Way South
Amerika

The Long Way South

Text: Sissi Pärsch / Fotos: Tobias Renggli, Black Forest Collective

Im April 2026 startete Tobi zu einer Expedition durch alle 35 Länder Nord-, Mittel- und Südamerikas. Sein Ziel: Von Alaska bis Patagonien innerhalb von (geplanten) zwei Jahren mit dem Fahrrad, zu Fuß und per Boot in jedem Land den höchsten Gipfel anzusteuern und zu besteigen – von einem der kältesten Berge der Welt über Karibikinseln bis in den Regenwald des Amazonas.

„Es ist eine Freiheit, die zugleich radikale Eigenverantwortung mit sich bringt. Du kannst selten einem Schema folgen. Du kannst selten Dinge abgeben. Du bist kontinuierlich gefordert, Entschei dungen zu treffen und Probleme zu lösen.“

Denali (6.190 m), USA

Deadhorse an der Küste des Arktischen Ozeans ist der nördlichste Straßenpunkt Amerikas, am Ende des Dalton Highways. Von hier startet Tobi auf seinen 1.000 Kilometer-Anreise zum Denali: auf vereisten Straßen bei Temperaturen bis -30 Grad Celsius. An den kältesten Tagen steigt er alle zehn Minuten ab, um sich mit Hüpfen und Sprints aufzuwärmen. Er trägt die für den Denali gedachten Expeditionsschuhe bereits beim Radfahren und eine dicke Vaseline-Schicht im Gesicht. Die riesigen Öltrucks sind kein Problem: Per Funk haben sich die Trucker über den Roadtrip des Schweizers informiert.

„Es war kein sanfter Start. Ich war direkt in einer anderen Welt. Man denkt viel leicht, ob -20° oder -30° ist dann eh egal – aber ich weiß jetzt, wie groß der Unter schied ist. Doch die arktische Landschaft war einfach auch unglaublich schön, am Tag wie in der Nacht mit leuchtenden Polarlichtern.“

In den zehn Gravel-Tagen gilt es allerdings, nicht zu viel Zeit zu verlieren. Es gibt zwei sehr gute Argumente, den Denali nicht zu spät zu erreichen. Wer nicht – wie üblich – mit dem Flugzeug ins Basecamp fliegt, startet tief. Der Ausgangsort Tal keetna liegt auf 106 Metern und es gilt zum einen, die riesigen Flüsse noch gefroren zu queren und zum anderen den spaltendurchzogenen Fuß des Gletschers mit aus reichender Schneedecke zu erreichen.

„Nicht zu fliegen, bedeutete: Wir waren für unten fast zu spät – und für oben zu früh. Während der Saison ist es wärmer und die Bedingungen sicherer.“

Die Besteigung / Schwere Logistik, absolute Einsamkeit
Auf den Denali begleiten Tobi die beiden Bergsteiger und Abenteurer Heli Hofman und Laetitia Lam. Das Trio ist nicht nur auf dem 120 Kilometer langen Zustieg allein – sie sind 2026 die Allerersten am Berg. Die Saison startet erst Wochen später. Und Alaska erlebt einen der sturm- und schneereichsten Frühjahre der letzten Jahrzehn te. Die extrem schlechten Bedingungen sind das eine – das andere ist die fordernde Logistik durch die Abgelegenheit des Berges. Es sollte sich zeigen, dass es eine gute Entscheidung war, viel Material einzupacken...

Tobi, Heli und Laetitia sind Bergsportler, doch die hochalpine Arktis ist für alle drei Neuland. Das Handling der Pulkas kostet Kraft, die Sonnencreme ist gefroren, der Käse zum Ziegelblock erstarrt. Die extrem tiefen Temperaturen und Schneestürme zwingen die Drei zu tagelangem Verharren im Zelt. Auch die Team-Dynamik ist für sie schwer einzuschätzen. Vorab hatten sie sich erst zweimal zu Dritt getroffen. Jetzt haben sie keinerlei Privatsphäre, sind bei den widrigsten Bedingungen 24/7 gemeinsam unterwegs – oder im Zelt…

„Wir sind sehr unterschiedliche Menschen und es war nicht klar, dass wir uns so gut verstehen würden. Wie es auch für jeden selbst nicht klar war, wie man in Extremsituationen reagiert oder, wenn man fünf Tage im Zelt verharrt. Für mich war das eine krasse Erfahrung, in der ich eine innere Ruhe entwickelt habe, wie nie zuvor. Du bist maximal disconnected. Ich hatte kein Buch, hörte kaum Musik, weil ich mich dem auch aussetzen wollte. Der Natur wie auch den eigenen Gedanken.“

Tobi, Heli und Laetitia erreichen Camp 4 nach 30 Tagen. Während der Saison sind die Wege meist gespurt, doch jetzt sind selbst die Fixseile eingeschneit. Es kostet Kraft und Zeit sie in der Steilwand herauszupickeln. Laetitia zieht sich dabei Erfrie rungen zu – im Zelt präsentiert sie einen schwarzen Finger. Es ist klar, dass sie im Zelt bleiben und ihren Finger warmhalten muss. Zelt haben sie jedoch nur eines da bei. Das bedeutet für Tobi und Heli: Sie müssen auf die Station am Camp 5 verzich ten und den Denali von Camp 4 direkt versuchen. Die Entscheidung fällt schwer.

Bis Mitternacht wägen sie ab. Als der Wecker um 3 Uhr klingelt, hat Tobi vor Ner vosität nicht geschlafen. 2.000 Höhenmeter warten auf sie. Die Bedingungen sind schwierig, der Weg extrem technisch. Sie kommen langsam voran und fallen im mer weiter in ihrem gesteckten Zeitplan zurück. Das Wasser neigt sich dem Ende zu und sie haben keinen Kocher dabei. Das Ziel war, um 18 Uhr den Gipfel zu erreichen.

„Kurz vor Mitternacht waren wir am Gipfel und es war auf so vielen Ebenen un glaublich. Wir sind 18 Stunden aufgestiegen. Es war der 31. Tag. Wir waren als erstes Team des Jahres am Denali. Die Sonne ging unter in dieser kaum fassbaren Wildnis – und ich habe einfach fünf Minuten richtig intensiv geheult.“

Am Gipfel sind -40°C – mit Windchill wohl noch 10° weniger. Und Tobi und Heli wissen, wie fordernd der Weg retour werden wird. Am Denali Pass auf 5.500 Metern ist die Sonne weg. Tobi kämpft gegen die Müdigkeit. Immer wieder fällt er in den Sekundenschlaf. Heli geht voraus, aber sie kommen nur langsam voran – und haben Durst. Die Flasche mit dem letzten Wasserrest ist zugefroren. Kurzerhand schlagen die beiden sie mit dem Eispickel auf und saugen die letzten Tropfen aus. 12 Stunden brauchen sie zurück ins Camp 4 zu Laetitia – 32 Stunden nachdem sie sich von ihr verabschiedet hatten.

„Ich bin in voller Montur eingeschlafen, bevor ich essen konnte. Als ich aufgewacht bin, war die Erleichterung und das Glücksgefühl riesig. Und da war eine so tiefe Zufriedenheit, wie ich sie noch nie erlebt habe. Als wir zurück ins Basecamp kamen, standen dort plötzlich Zelte. Und unten im Tal erschien alles surreal. Es war Frühling, wir haben Vögel gehört, Pflanzen gesehen – und andere Menschen. Daran mussten wir uns erst wieder gewöhnen.“

36 Tage ohne Dusche und Toilette, ohne die Socken auszuziehen und ohne richtiges Essen. Und 36 Tage mit dem Smartphone im Flugmodus. Sie haben Sorge, ihn abzu schalten und all die Nachrichten zu empfangen. Die Zivilisation kann überwältigend sein. Laetitia verabschiedet sich bald. Heli wird Tobi noch weiter nach Kanada zum zweiten Gipfel begleiten. Sie essen viel, sortieren das Material, fixieren die Skier am Rad und radeln wenige Tage später los Richtung Kanada.

Mount Logan (5.959 m), Kanada

Trotz Gepäck und einer Distanz von 1.100 Kilometern ist die Gravel-Tour nach Silver City in den Südwesten des Yukon-Territoriums für die beiden eine Spazierfahrt. Die Temperaturen sind perfekt. Sie müssen nicht gegen eisige Stürme kämpfen, keinen Schnee festklopfen, keine Schneemauern bauen, kein Expeditionszelt aufstellen. Auf dem Weg finden sich Shops. Nach dem Denali fühlt sich alles wie Luxus an. 10 Tage brauchen sie nach Silver City, dem Ausgangspunkt für den Mount Logan. Der Ort besteht aus zwei Häusern und einer Gravel-Piste für die Flugzeuge – der Berg aus einem gigantischen Eispanzer. Es sind die größten Eisfelder außerhalb der Polarregionen und Grönlands. Plus: Der Mount Logan hat mit seinen 160 Kilome tern den weltweit größten Basisumfang aller nicht-vulkanischen Berge. Es braucht nicht viele Gespräche, bevor Tobi und Heli bewusst wird, dass der Zu stieg dieses Mal nur mit Flugzeug möglich ist. Die Flüsse sind aufgetaut und die Bären wach.

„Mit der Denali-Erfahrung war das Einkaufen so viel einfacher. Wir wussten, welche Erdnussbutter nicht gefriert, dass Parmesan nicht steinhart wird und natürlich vor allem auch ungefähr, welche Menge wir brauchen würden. Die Herausforderung war eher, das Material in der winzigen Maschine unterzubringen.“

Sie landen – und sobald das Flugzeug verschwunden ist, kehrt wieder die Stille ein. Sie sind die einzigen Menschen in einem Umkreis von 150 Kilometern. Der Mount Logan liegt noch abgelegener, die Landschaft ist noch wilder – und dieses Mal ist die Saison schon vorbei. Nur 13 Menschen waren 2026 vor ihnen auf dem Gipfel. Dieses Mal haben die beiden Glück mit dem Wetter. Nachts kühlt es bis auf -20°C ab, aber tagsüber ist es warm und die Tage lang. Sie sind als Team eingespielt. Nach vier Tagen sind sie bereits auf 5.000 Metern. Dann kommt der Sturm. Vor ihnen liegt ein extrem steiler Hang mit viel Neuschnee. Dieses Mal zwingt sie nicht das Wetter zum tagelangen Stillhalten, sondern die Lawinenlage. Schließlich verbessern sich die Bedingungen, sie investieren viel Zeit in die Sicherung und stehen am 12. Tag auf dem Gipfel.

„Wir sind am 21. Juni ins Basecamp abgefahren, dem längsten Tag des Jahres. Es war landschaftlich absolut unvorstellbar und ich war komplett ausgefüllt mit einem inneren Frieden. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich beide Skiexpeditionen für fast unmöglich gehalten. Es war nicht nur, dass wir es geschafft haben, sondern, dass wir es erleben durften. Ich empfinde das als eine große Ehre und bin unglaublich dankbar dafür.“

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Nun steht der 5.636 Meter hohe Pico de Orizaba in Mexiko an – der dritthöchste Berg Nordamerikas. Nach einem halben Jahr in nur drei Ländern, wird Tobi in Mit telamerika Ländersammeln. Aber er wird vor allem auch komplett neue Herausfor derungen vorfinden. Illegale Goldschürfer und Drogenkartelle werden ihn strecken weise dazu zwingen, mit bewaffneten Guides unterwegs zu sein. In Belize wartet mit Doyle’s Delight ein nur 1.124 Meter hoher Gipfel, der allerdings abgeschieden im dichten Dschungel liegt. Vielleicht ist es noch unrealistischer, seinen Gipfel zu er klimmen als den Denali oder Mount Logan. Doch Tobi ist nicht nur Abenteurer und Bergsportler. Er ist vor allem auch Optimist.

INFO BOX

Tobias Renggli (23) aus Luzern (Schweiz) ist Ausdauersportler, Abenteurer und einer der weltjüngsten Gipfel- und Ländersammler – mit dem Rad, zu Fuß und jetzt auch mit Skiern und Segelboot.

Mit 16 Jahren wurde er Schweizer Jugend-Berglaufmeister und machte seine Matura-Arbeit zum ersten Abenteuer-Projekt: In 38 Tagen fuhr er mit dem Rad alle 250 Städte der Schweiz ab, bestieg alle 26 höchsten Kantonsberge – und schrieb dazu die 200-seitige „Tour dör d’Schwiiz“.

„Wenn man sich die höchsten Gipfel eines Kantons oder eines Kon tinents als Ziel setzt, bringt dich das an Orte, die man sonst niemals besucht hätte.“

Vor Studienbeginn startete er mit 18 Jahren zu einer Bikepacking Tour durch alle 44 Länder Europas und erklomm auch hier jeden höchsten Berg. 2024 wiederholte er seine Kantonsgipfeltour und legte dabei in drei Wochen 2.533 Kilometer und 27.219 Höhenme ter zurück: Die Dokumentation „Gipfeli of Switzerland“ war 2025 eine der Highlight-Filme der European Outdoor Film Tour (EOFT).

„Ich habe mich gefragt, was mich in meinem Leben am meisten weitergebracht hat. Auf der Europa-Tour habe ich extrem viel ge lernt, gesehen, erlebt. So etwas nochmals in einer neuen Dimension machen zu können, ist mein Traum.

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