ARTESONRAJU PERU
Peru

Forgotten face of Artesonraju

Text und Fotos: Elias Ejderhamm

Für unsere Geschichte geht es dieses Mal nach Peru. Das südamerikanische Land ist Heimat von Machu Picchu, und unzähligen Bergen in den Anden ein Paradies für Bergsteiger und Abenteurer aus aller Welt an. Genau dorthin zog es die beiden: Skibergsteiger Marco Malcangi, 29, unterwegs auf Black Crows, und Ski Bergsteiger und Photograph Elias Ejderhamn, 28, auf OGSO. Das Ziel der beiden ist der über 6.000 Meter hohe Artesonraju. Fun Fact: Dieser gilt als Vorlage für den Berg im Logo von Paramount Pictures.

Doch wie es manchmal so ist, lief nicht alles nach Plan. Die beiden schlugen sich nicht nur mit schlechtem Wetter und Krankheiten herum, sondern bekamen zudem ungebe tenen Besuch in ihrem Camp. Die größte Überraschung wartete allerdings erst zurück in den Alpen. Dort erfuhren sie von Gérard Chantriaux, der bereits 46 Jahre zuvor die Südwestwand des Artesonraju befahren hatte.

Ich öffne den Reißverschluss des Zelts und blicke hinauf zum Artesonraju. Wolken hängen am Gipfel. Niederlage. Ich krieche zurück in meinen Schlafsack. Seit 27 Tagen bin ich nun mit meinem Skipartner Marco Malcangi in Peru unterwegs – und wir haben so gut wie nichts vorzuweisen. Ein Parasit hatte mich stark dehydriert, und unser ursprünglich unbefahrenes Ziel, das uns überhaupt erst in diese Bergregion gelockt hatte, war inzwischen nicht mehr in einem fahrbaren Zustand. Die Angst, mit leeren Händen nach Hause zu fliegen, ließ sich immer schwerer verdrängen. Zum ersten Mal hatte ich den Artesonraju 15 Tage zuvor gesehen. Mit 40 Kilogramm schweren Rucksäcken oberhalb der Laguna Parón machten wir noch vor dem Base camp Halt und fanden direkt am See eine flache Stelle. An diesem Abend tauchte der Artesonraju über dem Tal auf, rosa gefärbt vom letzten Licht. Für einen Moment war die Erschöpfung vergessen. Eigentlich waren wir gekommen, um die berühmte Süd ostwand zu studieren, doch von unserem Camp aus war sie nicht zu sehen. Stattdes sen ragte direkt über uns die Südwestwand empor. Marco und ich zeigten nach oben wie kleine Kinder und zeichneten mit den Fingern imaginäre Schwünge zwischen den Séracs nach. Niemand, mit dem wir gesprochen hatten, wusste von einer Skiabfahrt durch diese Wand.

Es war meine erste Expedition. Marco hingegen hatte bereits mehrere Wochen damit verbracht, gemeinsam mit Fay Manners große Lines zu fahren. Während ich nach oben blickte, ging mir immer wieder dieselbe Frage durch den Kopf: „Was mache ich eigentlich hier? Habe ich es mit meinen kleinen Erkundungstouren entlang der Klippen von Åland dieses Mal vielleicht etwas zu weit getrieben?“ Der Artesonraju wurde zu fast allem, woran wir noch denken konnten. Meine Krank heit ging auf Marco über. Stürme machten den Berg unzugänglich. Tiere plünderten unser Camp und verteilten unser Essen. Wir stiegen ab, um neue Vorräte zu holen, kamen zurück, warteten – und unternahmen einen erfolglosen Versuch. Unsere Rückflüge rückten näher, während sich zu Hause die Arbeit stapelte. Als ich meiner Freundin sagte, dass ich länger bleiben wollte, meinte sie, die Reise gebe ihr zunehmend das Gefühl, Single zu sein. Dinge, die ich unter der Expedition begraben hatte, kamen wieder an die Oberfläche. Heute beschreibt Elias die Balance zwischen Expeditionen und Beziehung als schwie rig und komplex. Es brauche eine stabile Partnerschaft und vor allem offene Kommu nikation darüber, was beide voneinander erwarten. Gleichzeitig bedeute es auch, auf beiden Seiten Kompromisse einzugehen und eigene Bedürfnisse manchmal zurückzu stellen, damit der andere sich weiterentwickeln könne. Trotzdem wollte ich es noch ein letztes Mal versuchen. Ich konnte es mir nicht leisten, mit nichts zurückzukommen. Dieser Druck war nicht nur sportlicher Natur. Elias hatte die Expedition aus eigener Tasche finanziert und sich dafür sogar Geld geliehen. Als er nach Peru aufbrach, war die Reise für ihn auch eine Investition in seine Zukunft als Expeditionsfotograf, allerdings eine mit ungewissem Ausgang. „Es war ehrlich gesagt ein Glücksspiel. Bei einer Expedition weißt du nie, was passieren wird, besonders nicht bei deiner ersten.“ Als er schließlich nach Hause kam, hatte er nicht einmal mehr genug Geld, um seine Miete zu bezahlen.

Wir kehrten mit gerade genug Zeit und Verpflegung für zwei letzte Tage zurück. 7 Uhr morgens, Ich wache erneut auf und schaue nach draußen. Klarer Himmel. Für einen Moment starre ich hinaus, fast misstrauisch, dann wecke ich Marco. Wir brechen spät auf. Marco ist noch immer krank und muss beim Zustieg dreimal anhalten, um aufs Klo zu gehen. Als wir die Wand erreichen, vergeht uns langsam der Humor. Doch die Wand gibt uns neue Kraft. Sein Magen schmerzt. Dann sein Kopf. Im merhin hatte der Sturm uns einen Gefallen getan: Frischer Schnee bedeckt nun einen Großteil der unteren Linie. Zum ersten Mal sieht sie tatsächlich fahrbar aus.

Wir steigen durch den unteren Teil der Wand auf und überqueren die große Gletscher spalte, die sie durchzieht. Oberhalb wird das Gelände steiler und wir beginnen, im aus gesetzten Eis Sicherungen zu setzen. Das ist sicherer, kostet uns aber enorm viel Zeit. Marco will weiterhin gesichert klettern. Ich beobachte, wie die Sonne immer tiefer sinkt und die Wolken wieder auf uns zukommen. „Ein Sturz hätte hier schwerwiegen de Folgen, doch die hereinbrechende Nacht und die hohen Wolken in der Wand könn ten ein noch größeres Risiko darstellen.“. Ich rede auf Marco ein und gehe schließlich voraus. Die Neigung erreicht etwa 65 Grad, kurz vor dem letzten Grat fast 70 Grad. Unter einer dünnen Kruste liegen beinahe 50 Zentimeter lockerer, körniger Schnee. Ich höre auf, meine Kräfte einzuteilen, und gebe alles, um den Grat zu erreichen, von dem wir hoffen, dass er uns zum Gipfel führt.

Der Gipfel kann nicht mehr als hundert Meter entfernt gewesen sein, verborgen hinter dem flacher werdenden Gelände jenseits des Grats. Doch unter mir ist der Schnee hohl und völlig ungebunden. Ich stehe auf einer kleinen Wechte. „Ein Sturz auf eine der beiden Seiten wäre kaum abzufangen, und hier oben haben wir keine Möglichkeit, uns zu sichern.“ Ich versuche es einmal, dann ein zweites Mal. Ich will es unbedingt. Ich will diesen Gipfel so sehr. Ein letztes Mal schaue ich zum Grat, bevor ich zurück trete und Marco unter mir meine Entscheidung zurufe.

So schwer die Entscheidung in diesem Moment war, wirklich eine Alternative gab es für die beiden nicht. Die Dunkelheit rückte näher und gerade auf den letzten Metern wäre das Risiko noch einmal exponentiell gestiegen. Den Gipfel vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen, war nicht mehr realistisch. Rund 100 Meter unterhalb des Ziels war damit Schluss.

Wolken schwappen über den Grat, während wir auf Ski wechseln. Die ersten Schwün ge sind die steilsten. Aus dem weichen Schnee im oberen Bereich beschleunige ich auf die vereiste Hauptwand. Kontraste sind praktisch nicht vorhanden. Ich fahre ein Paar OGSO Gran Daddies, die theoretisch viel zu breit für diese Bedingungen sein sollten, doch in der steilen, eisigen Wand fühle ich mich sicher. Wegen der schlechten Sicht gerate ich in eine gefrorene Rinne und meine Kanten verlieren den Halt. Ich rutsche ab, bleibe aber ruhig, bis die Kanten wieder greifen, und quere anschließend zu besserem Schnee.

Unterhalb der Gletscherspalte verändert sich alles. Die Neigung lässt nach, die Schneedecke wird gleichmäßiger und unterhalb der Wolken glüht am Horizont noch ein schmaler Streifen im letzten Licht. Wir springen über die Spalte und beginnen, Schwung an Schwung zu setzen. Zum ersten Mal an diesem Tag verschwindet die Hektik. Wir fahren einfach Ski. Drei Tage später bin ich zurück in Chamonix und beginne, die Geschichte jener Wand zu recherchieren, von der wir glauben, sie gerade zum ersten Mal mit Ski befahren zu haben. Dann stoße ich auf Gérard Chantriaux.

Jahrzehnte zuvor war Chantriaux allein durch die Südwestwand abgefahren. Zunächst stellt sein Name alles infrage, was ich glaubte, dass wir gerade geschafft hatten. Dann finde ich Fotos. Einst teilte ein gewaltiger, überhängender Sérac die Wand. Das Eis ist heute kaum wiederzuerkennen. Passagen, die Chantriaux kannte, sind verschwunden, andere sind entstanden. Welchen Weg auch immer er damals durch seinen Artesonra ju gefunden hatte – diese Wand existiert heute nicht mehr.

Doch zu wissen, dass er bereits dort gewesen war, löst etwas Unerwartetes in mir aus. Es nimmt mir nicht das Gefühl, etwas entdeckt zu haben. Im Gegenteil: Ich fühle mich ihm verbunden. Jahrzehnte voneinander getrennt hatten wir beide auf diese Wand geblickt, ohne die Antwort zu kennen und waren hinaufgestiegen, um eine zu finden. Mit Chantriaux selbst konnte Elias darüber nicht mehr sprechen. Der französische Skialpinist war einige Jahre zuvor verstorben. Auch seine genaue Linie lässt sich heu te nur schwer rekonstruieren, da die Aufzeichnungen darüber nicht detailliert genug sind. Sicher ist für Elias jedoch: Die Südwestwand sah damals grundlegend anders aus. Der Gletscher hat sich in den vergangenen 46 Jahren so stark verändert, dass die Linie, die Marco und Elias gefahren sind, zu Chantriaux’ Zeit in dieser Form überhaupt nicht existierte.

Als Kind war es mir egal, ob vor mir schon jemand über die Klippen geklettert war, die ich rund um Åland erkundete. Sie waren unbekannt, weil ich sie noch nicht kannte. Irgendwann wurde das mit dem Entdecken komplizierter. Wir kartieren Orte, doku mentieren Erstbegehungen und Erstbefahrungen, sammeln Wissen und verwandeln Orte nach und nach in Dinge, von denen wir glauben, sie bereits zu kennen.

Ich war nach Peru gereist, weil ich hoffte, etwas Neues zu entdecken und diese Ent deckung mit nach Hause zu nehmen. Stattdessen kam ich mit der Erkenntnis zurück, dass ich vielleicht nur eine Idee wiederentdeckt hatte, die unzählige Menschen vor mir ebenfalls schon gefunden hatten. Vielleicht liegt das eigentliche Privileg darin, neugierig genug zu bleiben, um die Welt mehr als einmal zu entdecken.

Instagram

Banner - Test Banner 810x235
Refurbished Yeti 160e
Biketest

Refurbished Yeti 160e

By Upway

Steppenwolf Tundra
Biketest

Steppenwolf Tundra

Getestet auf den ligurischen Trails von Finale

Raymon Tarok Ultimate
Biketest

Raymon Tarok Ultimate

Unter € 10.000

Merida LITHOS 10K
Biketest

Merida LITHOS 10K

Für Speed-Freaks aber auch für Fahrern mit nicht so guten Skills

Nach oben