Seite 20 | BERGSTOLZ Ski Magazin NOVEMBER 2017
LORRAINE
nach vielen Jahren im freien Gelände und etlichen Podestplätzen im Con-
testgeschehen ist sie immer noch begeistert: „Ich liebe es einfach im freien
Gelände mit Freunden unterwegs zu sein. Ich liebe die Gefühle, die ich beim
Freeriden habe. Zum Beispiel ist die Verbundenheit mit der Natur und die
ständige Auseinandersetzung mit Schnee, Gelände undWetter ganz elemen-
tar für mich“, versucht sie Worte dafür zu finden. Setzt aber gleich nach:
„Trotzdem ginge mir die Herausforderung ab, wenn ich immer nur unver-
spurte, weite Hänge fahren würde. Ich mag Challenges, und ich versuche
immer, mich selbst weiter zu entwickeln. So bin ich halt.“
Auch ihrer Herangehensweise ans Freeriden ist sie stets treu geblieben. Sie
fährt ohne Coach, arbeitet aber seit etlichen Jahren mit Konditionstrainer
Philipp Anker zusammen. Beim ski- und freeridetechnischen Training setzt
sie auf ihre Trainingsgruppe: „AmArlberg habe ich eine Gruppe an Freunden,
mit der ich jeden Tag Skifahren gehen kann. Vollgas und ohne Rücksicht auf
die Witterung. Wir trainieren uns gegenseitig.“ Dabei geht es nicht darum,
die unberührten Hänge zu finden – auch wenn es davon genügend gibt –
sondern anspruchsvolles, verspieltes und steiles Gelände. „Wir suchen stän-
dig nach Gelände, das Sprünge hergibt, wo man mit unterschiedlichen Ge-
ländeformen spielen kann. Wir überlegen uns, was wir da machen könnten.
Freeriden ist deswegen für mich sehr kreativ, bei mir geht’s eben viel um die
perfekte und präzise Ausführung einer Technik und den Style“, erzählt sie.
Und der Erfolg gibt ihr Recht: „Am besten bin ich immer in den Contests ge-
fahren, wo mich die Line richtig angemacht hat.“
Dieser Perfektionismus hat sie auch mit dem österreichischen Filmemacher
Hanno Mackowitz zusammen gebracht. „Hanno wollte mich in seinem Film
haben, weil er wusste, dass meine Skitechnik gut war. Da unser erstes ge-
meinsames Projekt ‚Lorraine‘ fast ausschließlich aus Zeitlupenaufnahmen
bestand, war das eine Grundvoraussetzung“, erinnert sich Lori. Entstanden
ist ein ästhetischer Skifilm ohne Dialoge. „Mir ist die Ästhetik sehr wichtig,
in Skifilmen nur Action zu bringen ist mir zu wenig. Außerdem bin ich mir
gar nicht sicher, ob solche Filme auch das zeigen, was die Zuseher gerne
sehen möchten.“ Die Zusammenarbeit dauert bis heute an, in diesem Herbst
präsentierten die beiden den Film „STRUKTUR – eine Skispur in der Kultur-
landschaft“. Die in schwarz-weiß gedrehte Dokumentation zeigt am Beispiel
Arlberg, was Skifilme oft auszublenden versuchen: die vom Menschen ge-
schaffene Kulturlandschaft. Freeriden als Kunstform? „Ja sicher, wenn man
etwas eigentlich sehr Schwieriges leicht aussehen lässt, dann ist das auch
Kunst.“ Diese Kunstform beherrscht Lorraine perfekt: sie war auch in Warren
Miller Produktionen zu sehen und in „Shades of Winter“, dem ersten Film
von Sandra Lahnsteiner. „Für mein Alaska-Segment wurde ich 2013 mit dem
‚Best Female Performance‘ Award beim International Freeski Film Festival iF3
in Montreal ausgezeichnet. Eine riesen Ehre!“
Nach ihremWeltmeistertitel hagelte es förmlich Auszeichnungen: Lori wurde
das Sportehrenzeichen in Gold vom Land Vorarlberg verliehen, außerdem der
„Goldene Arlenzweig“, die höchste Auszeichnung des Ski-Clubs Arlberg –
der nur an Olympiasieger und Weltmeister verliehen wird. Dabei war sie nie
Mitglied des Ski-Clubs Arlberg. Daneben standen Ehrenempfänge in ihrer
Heimatgemeinde Lech und bei ihrem langjährigen Sponsor Kästle in Hohen-
ems auf dem Programm – Lorraine Huber steht gerade am Höhepunkt ihrer
Karriere. Der Weg hierhin war aber nicht immer einfach.
„Der Weltmeistertitel ist für mich ein Symbol dafür, was in den letzten 10
Jahren passiert ist“, sagt Lori. 2007 veränderten zwei Unfälle ihr Leben: zu-
erst geriet sie in eine Lawine, wurde aber nicht verschüttet. Zwei Wochen
später riss sie sich das Kreuzband. Was folgte waren sieben Monate Reha in
Australien, der Heimat ihrer Mutter. „Das brachte mich zum Nachdenken“,
meint sie heute. „Es dauerte Jahre bis ich selber daran glaubte, dass ich als
Profi-Freeriderin mein Geld verdienen kann. Seit 2008 bin ich jetzt schon
selbstständig und Freeride-Pro, drehe Filme und schreibe meine Kolumne,
veranstalte als Freeride Coach die Women’s Progression Days und halte Vor-
träge. Manchmal muss man Dinge probieren und etwas riskieren.“
Klingt nach Hals-über-Kopf, war es aber sicher nicht, viel zu reflektiert wirken
Lorraines Entscheidungen, viel zu fokussiert wirkt sie selbst in dem was sie
tut. Dass es eine ordentliche Portion Professionalität braucht, um den Traum
des Freeride-Pros zu leben, war ihr von Anfang an klar: „Ich habe Marketing
studiert, das ist mir hier zugutegekommen. Als reiner Ski-Bum ist es wirklich
schwierig, Profi zu werden. Will man langjährige und beständige Partner-
schaften mit Sponsoren aufbauen, dann muss man manche Dinge verstehen.
Ich hab mir sehr wohl überlegt wofür ich stehe, wofür meine Sponsoren ste-
hen und immer versucht einen guten Fit zu finden.“ Lorraine macht einem
im Gespräch schnell klar, dass das auch Arbeit ist: Bloggs schreiben sich nicht
von selber, Social Media Kanäle wollen betreut werden, Pressetermine wahr-
Foto: Dom Daher
Foto: Mia Knoll
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