Seite 44 | BERGSTOLZ Ski Magazin NOVEMBER 2017
SHADES OF WINTER
Mauskar – wir sollen ja schließlich „unsere“ Line fahren.Wenig überraschend
sieht von oben alles ganz anders aus als von unten und es braucht eine kleine
Orientierungsphase, bis sich jede im Gelände zurechtfindet. Dann geht’s
Schlag auf Schlag, eine nach der anderen dropt über die kleine Wächte und
sucht sich ihren Weg nach unten. Auf einer kleinen Kuppe treffen wir uns,
klatschen uns ab, gratulieren uns – happy faces everywhere. Die wenigsten
sind bisher jemals einen Hang so bewusst gefahren, mit Facecheck und allem
Drum und Dran. Ein „First time ever“ für viele.
Es sollten noch weitere „Erste Male“ folgen an diesem Tag - der erste kleine
Hupfer, der erste 1,5 Meter Cliffdrop und: das erste intensive Lawinen-
training. Manche der Mädels sondieren zum ersten Mal unter Anleitung und
schaufeln zum ersten Mal ein LVS aus, manche sehen zum ersten Mal, wie
ein Airbag gezogen wird. Mel hat hier als ausgebildete Skiführerin das Kom-
mando übernommen, erklärt Funktionsweise der LVS und das Vorgehen bei
der Verschüttetensuche so lange, bis alle den Ablauf verstanden haben, kon-
trolliert und beaufsichtigt mit Sandra zusammen die praktischen Übungen.
Plötzlich ist nicht mehr viel mit Blödeln und Quatschen, die Teilnehmerinnen
sind mit spürbarem Ernst bei der Sache. An diesem Nachmittag können nicht
mehr als die Basics vermittelt und die Betonung auf „Üben, üben, üben!“
gelegt werden. „Trotzdem ist das Lawinentraining integraler Bestandteil der
Camps.Wir haben es am ersten Abend schon gesagt: Jede soll ermutigt wer-
den, am Berg beim Skifahren für die grundlegenden Sicherheitsmaßnahmen
Verantwortung zu übernehmen. Das gehört zum Freeriden genauso wie die
Powderabfahrt“, betonen die beiden Coaches nochmals.
Am späten Nachmittag schaut so mancher Tourist in Bad Gastein etwas
ungläubig, als unsere bunte Truppe zwischen den Belle Epoque-Gebäuden
durchzieht – bisschen Sightseeing musste sein. Als Cool Down gar nicht so
schlecht, stellen wir fest. Außerdem beschließen wir, im ziemlich stylischen
Ginger n’Gin zum Abendessen aufzuschlagen. Dort treffen wir dann auch
später nicht ganz so schick wie die meisten der anderen Gäste ein. Bei einigen
wirkt der Nachmittag noch merkbar nach, nicht nur eine nimmt sich vor, in Zu-
kunft stärker auf ihr Gefühl zu hören und lauter auf Safetychecks zu bestehen.
Kaum zu glauben, dass uns auch der letzte Camp-Tag mit strahlendem
Sonnenschein begrüßt. Kaum zu glauben, dass das schon der letzte Camp-
Tag ist! Noch einmal geht’s zur Schlossalmbahn, wieder nehmen wir den
Sessellift auf die Hohe Scharte. Diesmal halten wir uns nach der ersten
Runde zum Einfahren aber nicht rechts Richtung Mauskarkopf sondern links.
Wir bootpacken auf den Grat zwischen Lungkogel und Türchlwand, denn
zum Abschluss gönnen uns Sandra und Mel noch einen Abenteuerrun: Wir
fahren die nach Süden ausgerichtete Bowl über die Rockfeldalmen ins
Angertal ab. Das Panorama vom Grat aus ist grandios, wir genießen den
Rundumblick in vollen Zügen (und machen natürlich auch wieder unzählige
Fotos) bevor wir die Ski anschnallen. Eine 1A-Firnabfahrt mit Adventurepo-
tenzial! Da es Anfang April ist, hat die Sonne schon fleißig gearbeitet, wir
queren immer wieder mal die kleinen Bäche, spielen Candide und versuchen
über die freie Grasfläche zu kommen ohne die Ski abzuschnallen, marschie-
ren um Büsche herum. Spring Skiing at its best!
Unten angekommen können wir uns noch nicht wirklich mit dem Gedanken
anfreunden, dass es das jetzt gewesen sein soll. Aber ja, wenn wir aus dem
Skibus in Bad Hofgastein steigen, dann wars das. Beinahe. Denn Sandras
wiederholter eindringlicher Appell, in Kontakt zu bleiben, zusammen Free-
riden zu gehen, sich gegenseitig zu unterstützen, bleibt nicht ungehört. Einige
der Mädels waren bald wieder zusammen am Berg, einige der Mädels haben
live oder vor dem Livefeed Eva die Daumen gedrückt, die eine Wildcard für
die Open Faces in Gastein bekommen hat. Linnea hätte keinen besseren
Abschluss finden können: „Es ist so inspirierend mit Leuten unterwegs zu
sein, die dieselbe Leidenschaft teilen!“ Und ich selbst? Kenne zwar immer
noch keine Lottomillionäre, aber dafür ein paar Freeriderinnen, mit denen
ich kommenden Winter sicher unterwegs sein werde.




