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Seite 42 | BERGSTOLZ Ski Magazin OKTOBER 2017

SHADES OF WINTER

Kennenlernrunde geklärt. Während ein paar noch relative Neulinge im

Gelände sind, fahren andere schon lange offpiste. „Wir können das fahreri-

sche Niveau natürlich nicht im Vorfeld prüfen. In der Anmeldung steht, dass

man sportlich auf schwarzen Pisten Skifahren können sollte und Geländeer-

fahrung von Vorteil ist. Das hat bisher immer wunderbar geklappt“, erklären

Sandra und Mel. „Wichtig ist auch, dass man offen für Neues ist, sich weiter

entwickeln möchte. Unser Ziel ist es, die Teilnehmerinnen zu pushen und

ihnen zu zeigen, wie sie sich verbessern können.“

Dazu gehört auch, Verantwortung zu übernehmen. Es zieht sich in den

Gesprächen wie ein roter Faden durch: Viele der Teilnehmerinnen sind es ge-

wohnt, die Entscheidung, einen Hang zu fahren oder den LVS-Check durch-

zuführen den Männern und Jungs zu überlassen, mit denen sie unterwegs

sind. „Unser Leitsatz ist ‚Connect – Inspire – Empower‘. Beim Thema Sicher-

heit geht es uns stark um Empowerment.Wir möchten euch dazu ermutigen,

Verantwortung für euch und eure Skibuddies zu übernehmen. Auf einen LVS-

Check zu bestehen. Darüber in der Gruppe zu sprechen, wenn euch bei einem

Hang nicht wohl ist. Es geht nicht darum, die Spaßbremse zu sein. Es geht

um euer Leben, und das eurer Freunde!“ stellen Mel und Sandra die Bedeu-

tung von Risikomanagement klar.

Bei – man würde sagen Kaiserwetter – machen wir uns am kommenden

Morgen auf nach Sportgastein. Das Gebiet liegt am hintersten Flecken des

Gasteinertals und ist bei guter Schneelage direkt vom Mölltaler Gletscher

über das Schareck zu erreichen. Nach LVS-Check und Überprüfung der

Lawinenausrüstung geht’s endlich bergauf. Die Bergstation der Goldberg-

bahn liegt auf 2.650 Metern, das Frühlingspanorama bei diesem Wetter ist

unbezahlbar. Aber nix ists mit trödeln, zuerst wird eine Runde eingefahren

und dann geht’s in zwei Gruppen aufgeteilt ins Gelände. Ich freu mich wie

ein Schnitzel, denn gleich als erstes fahren wir da rein, wo ich „mich aus-

kenne“: in die klassische Nordvariante über die Kugelrinne. Das Gelände rollt

an einer Engstelle so weg, dass es von oben nicht richtig einsehbar ist. Da

der Schnee außerdem ziemlich kompakt ist, stellt schon die erste Einfahrt in

die erste richtige Abfahrt eine kleine Herausforderung dar. Danach cruisen

wir durch die hügelige Landschaft, bei jedem Stopp geben die Guides Tipps

zur Skitechnik. Vermutlich nehmen alle Wildtiere gerade vor uns Reißaus,

denn „leise“ ist anders, dafür hört man unser Lachen sicher noch kilometer-

weit. Am Forstweg unten angekommen marschieren wir zur Mautstelle, um

uns mit dem Skibus wieder nach oben bringen zu lassen.

Wieder rauf mit der Bahn, diesmal nehmen wir allerdings die Südseite.

Wir queren beinahe rund um den Gipfel, schieben ein paar Meter nach oben

auf den Grat und da liegt sie vor uns: Die Abfahrt ins Weissenbachtal. Das

Gelände bietet ein paar Rinnen, kupiertes Gelände und absolut fabelhaften

Firn. Außerdem sind wir die einzigen hier! Das ist direkt unglaublich. Der

Run lässt einen fast vergessen, dass Powder das beste aller Dinge ist, so

schön lässt es sich hier „Firnschmieren“. Gottseidank, bin ich versucht zu

sagen – unten raus schiebt man nämlich ein ganzes Stück auf der Loipe zu-

rück zum Lift. Bei den Frühlingstemperaturen kommt man da schon ziemlich

ins Schwitzen. Trotzdem überall zufriedene und lachende Freeriderinnen.

Zurück beim Parkplatz hab ich gedanklich ein paar weitere Dinge auf meiner

Liste „Klischees über Freeriderinnen“ mit einem Check versehen: Ja, es macht

immer irgendwer Fotos (und ich rede nicht von Sam, dem Fotografen, der

uns begleitet oder Johannes dem Filmer). Ja, irgendjemand muss garantiert

aufs Klo. Und ja, auch Linsey Dyers Video „Shit skier girls say“ ist nicht total

und hundertprozentig aus der Luft gegriffen: Heyyyyyy! Maaaarvellous!

Woohoooooo! Wir amüsieren uns prächtig miteinander, niemand versucht

auch nur im Ansatz, gekünstelt cool zu wirken. Alles sehr entspannt hier mit

der Damentruppe. Kein weiterer Check auf der Liste: Prinzessin ist keine in

Sicht, alle wollen nur das Eine, nämlich Skifahren. Nochmal rauf, nochmal

runter – ein guter Tag.

Beim Après-Freeride-Bier auf der Hotelterrasse wird dann auch gleich die

Camp-Whattsapp-Gruppe gegründet, schließlich wollen die wirklich zahlrei-

chen Fotos und Videos auch geteilt werden. Zum Abendessen setzen wir uns

nochmal ins Taxi, denn wir werden auf der Hirschenhütt’n im Angertal

erwartet.Wir stapfen aufgekratzt und hungrig durch den Schnee in Richtung

der urigen Halb-Après-Ski-Halb-Berggasthof-Hütte und werden nicht ent-

täuscht: Unsere Energiespeicher werden hier hervorragend aufgefüllt. Und

die brauchen wir schließlich für den kommenden Tag.

Wie genial! Nach dem Frühstück können wir zu Fuß zur Talstation der Schlos-

salmbahn aufbrechen, uns direkt am Parkplatz die frisch präparierten Ski

abholen und auch gleich loslegen. Naja fast – nach dem Aufwärmen jeden-

falls. Überraschenderweise geht’s aber noch immer nicht richtig los, schon ein