Seite 70 | BERGSTOLZ Ski Magazin DEZEMBER 2016
LORRAINE HUBER
WIE SUCHE ICH EINE CONTEST-LINE AUS?
von Lorraine Huber
Über viele Jahre hinweg habe ich mir - ehrlich gesagt auf oft mühsame
Art und Weise - persönliche Erfahrungswerte bei der Linienwahl für
einen Freeride-Contest aufgebaut. Die meisten dieser Erfahrungswerte
entstanden durch Versuch und Irrtum, da ich schon immer ohne Coach
aktiv war und mir deshalb selber überlegen musste, was gut funktio-
niert hat und was nicht. Um den Lesern unter euch, die sich für das
Contest-Fahren interessieren oder schon Freeride-Contests fahren, den
Weg hoffentlich etwas zu erleichtern, möchte ich im Folgenden einige
der wichtigsten Erfahrungswerte mit euch teilen.
1. Das richtigeWerkzeug
Für eine gute Besichtigung läuft ohne folgende Gegenstände nichts:
• Hoch-qualitatives Fernglas
• Digital-Kamera mit großem Zoom und SD-Karte
• Laptop (für das Line-Studium im Hotel)
2. Geh im ersten Schritt nach deinem Gefühl
Wenn ich das Face (Contest-Hang) zum ersten Mal vor Ort zu sehen be-
komme, versuche ich mich zuerst von meinem Gefühl leiten zu lassen. Erst
nach diesem Schritt schalte ich mein Denkhirn ein. Folgende Fragen sind hier
hilfreich: was springt mir ins Auge? Was zieht mich an? Was schaut meiner
Meinung spaßig aus bzw. was würde ich gerne ausprobieren? Ich bin bei den
Contests immer am besten gefahren, wenn ich mir Lines ausgesucht habe,
die mich richtig angemacht haben. Dann hast du nämlich Spaß und das ist
auch für die Judges sichtbar. Versuche auf dich zu hören und lass dich nicht
von äußerem Druck, von Gedanken über das, was die Judges gerne sehen
wollen würden, oder von deinen Mitbewerbern verleiten.
3. Judges View und 3D-View
Informiere dich stets wo die Judges platziert sein werden und führe deine
Besichtigung nach Punkt zwei von hier aus. Hier kannst du erkennen, ob
deine angedachte Linie für die Judges auch sichtbar ist. Du siehst auch am
besten, wie die Line optisch wirkt.
Weiters ist eine 3D-Ansicht des Face sehr wichtig, erst dann kannst du die
Steilheit sowie die Maße der Sprünge richtig einschätzen. Schau dir dafür
(falls möglich) das Face von beiden Seiten an. Auch vom Hangfuß kann
man viele wichtige Infos bekommen. In manchen Fällen ist eine Besichti-
gung vom Start aus erlaubt, informiere dich diesbezüglich. Ich fotografiere
alles akribisch ab, je mehr Informationen ich habe, desto besser.
4. Spannung muss sein!
Das Zuschauen deiner Line soll Spaß machen, es soll immer etwas passie-
ren. Die Grundidee ist die Features (also die Sprünge) mit Fluss zusammen
zu hängen und daraus eine Line zu bauen, die von oben bis unten Span-
nung hält bzw. aufbaut. Generell gesehen sollten drei Features in einer
Line schon dabei sein, wenn nicht mehr.
5. Go with the Flow
Flüssigkeit ist ein extrem wichtiges Kriterium für die Judges. Das fängt
schon bei der Linienauswahl an. Lassen sich die Features gut zusammen-
hängen oder bräuchte es krasse Richtungswechsel oder Bremsungen, um
sie schaffen zu können? Bedenke dabei wie viel Platz du benötigst um die
Landung von einem Sprung sauber abzuschließen, oft ist es mehr als man
denkt. Suche dir Features aus die eine möglichst steile Landung haben.
Querfahrten sind generell zu vermeiden, außer du planst wirklich etwas
Besonderes. Die Features bekommen immer viel Aufmerksamkeit, vergiss
deshalb nicht dazwischen kraftvolle, dynamische Schwünge einzuplanen.
6. Line und persönliches Können
Die Wahl deiner Linie mit ihren Features muss stets mit deinem Können
abgeglichen werden. Eine ehrliche Einschätzung von deinem eigenen
Können ist unabdingbar um erfolgreich zu sein und Verletzungen zu ver-
meiden.
Im Zweifelsfall ist es oft besser, man sucht sich eine etwas leichtere Linie
aus und fährt diese dann mit voller Entschlossenheit und Aggressivität, als
dass man sich etwas zu schwieriges zutraut und herum zögert. Das sieht
nicht nur schlecht aus, aber kann vor allem gefährlich sein. Dein Selbst-
vertrauen ist hier dein bester Schutz, und wenn du über deine Linienwahl
zu nervös bist, läuft das selten gut. Jede Contest-Fahrt, die so wie geplant
umgesetzt werden konnte, ist ein Erfolg und sollte auch so vom Athleten
abgespeichert werden. Contest für Contest kann man dann die Schwie-
rigkeit in der Linienwahl langsam erhöhen und dadurch das so wichtige
Selbstvertrauen gut aufbauen.
Ich wünsche euch jedenfalls viel Spaß beim Lines fahren!
Sponsoren:
Bergans of Norway, Lech Zürs, Kästle, Scott, Snowlife
www.lorrainehuber.comTausende Möglichkeiten bietet das Contest-Face beim 4. Freeride World Tour Stopp in Haines, Alaska
Foto: FWT16 Vallnord/Arcalis, J. Bernard




