Seite 64 | BERGSTOLZ Ski Magazin DEZEMBER 2016
IRAN
Von unserem Gastgeber fehlt jede Spur, dafür wartet ein gedeckter Früh-
stückstisch auf uns. Statt Filterkaffee steht eine Kaffeemaschine mit Bohnen
auf dem Tisch. Bevor wir am nächsten Tag in die einsame Bergwelt des Iran
aufbrechen, müssen wir noch einige Dinge erledigen. Also heißt es Kopftuch
aufsetzen, daran muss auch ich mich als Touristin halten, und ab geht’s ins
Getümmel der Millionenstadt. Erster Punkt auf der Tagesordnung: Geld wech-
seln. Da es im Iran nicht möglich ist Geld abzuheben und auch keine westli-
chen Zahlungsmittel akzeptiert werden, haben wir ziemlich viel Bargeld dabei.
Später treffen wir Majid, einem gebürtigen Teheraner mit Schnauzbart und
breitem Grinsen, der uns in den nächsten zwei Wochen die besten Powder-
abfahrten des Landes zeigen will.
WAS SIND SCHON PLÄNE?
Das Wetter will einfach nicht mitspielen. So müssen wir kurzfristig den Plan
umwerfen: Anstatt zum Alam Kuh machen wir uns auf den Weg ins Bergdorf
Lasem, das auf 2.600 Meter Höhe am Fuße der Dobarar-Berge liegt. (Was wir
noch nicht wissen: Von Lasem aus werden wir zwei unbeschreibliche Touren
erleben). Wir bahnen uns einen Weg aus dem pulsierenden Teheran mit all
seinen fremden Gerüchen und dem chaotischen Verkehr. Diese Stadt scheint
endlos zu sein. In Lasem finden wir uns in einer anderen Welt wieder, einen
größeren Kontrast gibt es wohl kaum. Während sich hier im Sommer die Ein-
heimischen erholen, sind dieWintermonate geprägt von kargen Landschaften,
eisigemWind und menschenleeren Häusern. „Pension“ oder gar „Hotel“ sind
Fremdwörter. Die Nacht müssen wir dennoch nicht im Freien verbringen. Kur-
zerhand werden wir in die Hütte eines Dorfbewohners einquartiert, der wohnt
solange einfach bei seinem Bruder.
Das kleine Dorf in der Nähe der Provinz Masanderan am Fusse der Dobarar-
Berge wird im Winter hauptsächlich von Tourengehern besucht, die sich für
die Damavand akklimatisieren wollen. Von hier führen die Touren auf einige
Viertausender. Doch Namen haben die wenigsten – und überhaupt: vom Cha-
rakter sind sie sich alle ähnlich. Die Gipfel erheben sich kaum über den langen
Grat der Dobarar-Kette.
Wir blicken auf die vielen langgezogenen, steilen Bergflanken und erhoffen
uns Großes. Die Ski am Rücken führt uns der Weg durch eine karge, unwirk-
liche Landschaft, Flussdurchquerungen inklusive, immer dem Schnee entge-
gen. Mit jedem Schritt verabschieden wir uns mehr von der Welt die Konturen
der Gebäude unten im Tal verschwinden. Außer uns ist niemand unterwegs.




