Ser v i ce
B O O T F I T T I N G
Bootfitting ist daher nicht nur im Rennlauf, sondern für
jeden Skifahrer ein Thema. Das haben auch die Hersteller
erkannt. Seit einigen Jahren investieren sie in Fitting-Tech-
nologien. So lässt sich beinahe bei jedem hochwertigen
Skischuh die Passform verbessern. Der erste und wich-
tigste Weg ist und bleibt aber der zum Fachhändler! Ein
geschulter Händler wird als allererstes eine Fußanalyse
durchführen und euch anschließend ausführlich beraten.
„Der Fuß bestimmt Marke und Model“, stellt Stephan
Riedl, Bootfitting-Experte und Orthopädie-Schuhmacher-
meister klar.
Danach geht es ans Anpassen des Innenschuhs. Die
meisten Hersteller führen thermoverformbare Innen-
schuhe. Die werden in einem Spezialofen auf ca. 80°C er-
wärmt, bevor man hineinsteigt und der Schuh sorgfältig
geschlossen wird. Ist der Liner abgekühlt hat er sich an
die Fußform angepasst. Dieser Schritt kann bei Bedarf
mehrmals wiederholt werden. Wer besondere Problem-
stellen wie ein Überbein hat, dem werden vor der Anpas-
sung Polster direkt auf den Fuß geklebt. Das führt zu mehr
Volumen an der betreffenden Stelle und demnach weniger
Druckstellen.
Genügt ein Fitting des Innenschuhs noch nicht, dann
geht’s ans Eingemachte – an die Anpassung der Schale.
Qualifizierte Händler werden in Sachen Bootfitting extra
geschult, denn nicht alle Stellen eines Skischuhs sollten
erhitzt werden. Scarpa weist z.B. ausdrücklich darauf hin,
dass eine Erwärmung des Carbon Grillamid LFT die Ma-
terialeigenschaften beeinträchtigen könnte und hier jegli-
cher Garantieanspruch erlischt. CARBON!!!
Um diesem Problem von vornherein zu begegnen und
gleichzeitig optimale Anpassungsmöglichkeiten zu bieten,
entwickelte Nordica das Infrared-System. Das Herzstück
der Technologie ist die Infrared Heizlampe, die den Kunst-
stoff des Skischuhs schnell und durchgängig mit der per-
fekten Temperatur erhitzt. Dadurch bleibt der Skischuh
unbeschädigt und erhält eine nachhaltige Form – denn an-
gepasst wird nur dort, wo es notwendig ist. Nach dem
Markieren der Druckstellen werden diese mit der Infrarot-
lampe erhitzt, wobei Saugnäpfe unterschiedlicher Größe
luftdicht auf die Skischuhoberfläche gesetzt werden. Nach
schon drei Minuten wird der Liner wieder eingesetzt und
der Skischuh angezogen. Aktuell gibt es weltweit etwa
1.800 Nordica Infrared-Stationen, reguläres Bootfitting
kann natürlich jeder Fachhändler machen.
Fischer entwickelte für die Anpassung der Skischuhschale
das Vacuum Verfahren, das die individuell perfekte Pass-
form verspricht. Zum Einsatz kommt ein High-Tech Poly-
mer, das sich durch Formbarkeit bis 80°C, höhere
Temperaturstabilität, geringeres Gewicht und bessere Vi-
brationsdämpfung auszeichnet. In einem ersten Schritt er-
folgt die 3D-Vermessung der Füße, anhand derer der
passende Schuh ausgewählt wird. Dieser wird anschlie-
ßend virtuell über den Scan gelegt. So werden potentielle
Druckstellen schon vorab identifiziert. Muss der Boot noch
zusätzlich mit Vacuum Fit Verfahren angepasst werden,
können entweder partiell Heating Pads auf bestimmten
Zonen der Schale oder der gesamte Skischuh im Fullfit
Verfahren verformt werden. Dabei steigt man mit dem In-
nenschuh in die vorgewärmte Schale. Dann werden Coo-
ling- und Compression Pad angebracht und die
Standposition eingerichtet. Das geschieht in der Vacuum
Station, in der der Skischuh per Druckluft optimal ange-
passt wird.
Dalbellos Anpassungssystem nennt sich My Fit. Der ita-
lienische Hersteller setzt dabei nicht nur auf Thermoan-
passung von Liner und Schale, sondern legt auch
besonderes Augenmerk auf die anatomisch vorgeformte
Contour4-Schale. Die sorgt schon ohne Anpassung für
eine unmittelbar gute Passform des Schuhs. Bei Dalbello
ist der ID-Liner für den sportlicheren Einsatz gedacht,
während der Instant Fit Innenschuh komfortabler und aus
weicherem Material gefertigt ist. In vier (IF) bzw. acht (ID)
Minuten lassen sich die Liner anpassen. Selbstverständ-
lich kann bei weiter bestehenden Druckstellen auch bei
Dalbello die Schale angepasst werden. Dazu wird die
Schale (außer die des Lupo Carbons) acht Minuten im
Ofen erwärmt. Mehr als 60 Prozent der Dalbello-Ski-
schuhe können so individuell angepasst werden.
Einen völlig neuen Weg beschreitet Tailored Fits. Die Maß-
schuhspezialisten aus dem schweizerischen Horw wollen
ab Dezember nicht mehr nur maßgefertigte Einlegesohlen,
sondern komplette Innen-und Skischuhe aus dem 3D-
Drucker anbieten. „Wir haben das Know-How in Bezug
auf Markt, Kunden und die Biomechanik des Skifahrens.
3D-Druck hat unserer Meinung nach großes Potenzial hin-
sichtlich maßgefertigter Skischuhe und mit Materialise
haben wir einen kompetenten technischen Partner“, er-
klärt Geschäftsführer Reto Rindlisbacher den Ansatz.
Ein letzter, nicht zu vernachlässigender Punkt beim Thema
schmerzende Skischuhe sind: Die Skisocken! Oftmals hilft
der schlichte Wechsel auf fester sitzende bzw. Kompressi-
onssocken und Druckstellen und Blasen gehören der Ver-
gangenheit an. Viele Händler bieten beispielsweise
Testsocken von CEP an (deren Größe anhand des Waden-
umfangs errechnet wird). Kleiner Aufwand – große Wirkung.
„Was ist der beste Ski der Saison?“ –
darauf gibt’s eigentlich nie eine rich-
tige Antwort, zu unterschiedlich sind
Fahrstil und Anspruch der Skifahrer.
Was allerdings immer stimmt: Haupt-
sache der Skischuh passt! Die 28
Knochen und 27 Muskeln, die in einem
einzigen Fuß von der Natur verbaut
wurden, stellen ein komplexes Biosys-
tem dar. Und um das optimal auf den
Ski zu bringen, braucht es oft mehr als
einen Schuh von der Stange.
EQUIPMENT
BERGSTOLZ Ski Magazin NOVEMBER 2017 | Seite 53




