Background Image
Previous Page  18 / 48 Next Page
Basic version Information
Show Menu
Previous Page 18 / 48 Next Page
Page Background

Seite 18 | BERGSTOLZ Ski Magazin OKTOBER 2017

BAKHMARO

Bakhmaro, dass dann noch mal 25km weiter im Gebirge liegt, nicht zu

erreichen sei. Die Schneeflanken am Rande der Straße werden höher, die

Häuser weniger und irgendwie stellt sich bei uns das Gefühl ein, dass es

keinen wirklichen Plan für die weitere Anreise gibt, die schließlich für beide

Jeeps – natürlich ohne Ketten, denn das verbietet die georgische National-

ehre – irgendwo im Nichts auf einer verschneiten Bergstraße in einem

Schneehaufen endet. Lawinenschaufel raus, Autos freischaufeln, wenden und

zurück zu den letzten Häusern, die sich als die besagte Fischzucht heraus-

stellen. Der „Aufenthaltsraum“ ist ein Bretterverschlag mit einem Holzofen

und notdürftigen Sitzgelegenheiten. Der kleine Ofen und der großzügig

eingeschenkte Cognac erwärmen der Raum zumindest in Plusgrade. Was

weiterhin fehlt, ist der Kontakt nach Bakhmaro und ein Plan für die letzten

25km. ‚Wir warten auf den Radrak', ist die lapidare Antwort. Ist der unter-

wegs? Wo ist er? Kommt der heute noch und wenn nicht, wo schlafen wir?

sind Fragen die unsere georgischen Begleiter nun nicht mehr zu interessieren

scheinen. Jetzt wird erst mal gewartet, was für die Mitarbeiter der Fischzucht,

die sich über jeden Besuch freuen und unsere Guides völlig in Ordnung zu

sein scheint. Für unsere deutsche Reisegruppe aber, die jetzt schon seit mehr

als 24 Stunden unterwegs ist, ist dies keine Option. Besonders der Ausblick

auf eine sehr kalte Nacht in einer sehr zugigen Hütte irgendwo in einem

georgischen Bergtal ist auch mit der Menge an Chacha, dem traditionellen

Georgischen Tresterbrand den uns die Mitarbeiter großzügig anbieten, nicht

sehr verlockend. Das scheint auch Davit, der sich mittlerweile als Bürger-

meister von Bakhmaro entpuppt hat und von da auch bei uns nur noch so

heißt, einzusehen und quartiert die ganze Gruppe kurzerhand bei einem

bekannten älteren Ehepaar in der nächsten Umgebung ein. Der Enkel der

beiden flitzt kurz darauf mit Helm, Brille und LVS Gerät durchs Haus und hat

einen riesen Spaß dabei. Die Kommunikation beschränkt sich auf Gesten und

der Fernseher läuft die ganze Zeit mit skurrilem Programm und in aberwitzi-

ger Lautstärke. Kurz vorm Abendessen taucht Dobo auf, der uns zusammen

mit Aslan, dem Fahrer der Pistenraupe, abholen soll. Sie seien den ganzen

Tag unterwegs gewesen, es sei so viel Schnee und so wenig Sicht, dass sie

für die 25km ganze 16 Stunden gebraucht hätten. Ein sofortiger Aufbruch

mache keinen Sinn, vielmehr sei es jetzt an der Zeit die gute georgische

Tradition der Trinksprüche kennenzulernen.

Als Dobo am nächsten Morgen vor dem Berg an Gepäck steht, scheint auch

er etwas Kopfschmerzen zu haben, aber mit den erfahrenen Gepäcksiche-

rungskünstlern Davit und Levan sind Ski, Gepäck und Passagiere irgendwann

auch auf der Pistenraupe verteilt. Verteilt trifft es dabei ziemlich genau: Man-

gels einer Kabine – die noch im Zoll feststecke – müssen vier Personen in

die Fahrerkabine und der Rest hinten auf die Raupe. Bei minus 16 Grad gibt

es nur zwei Möglichkeiten: stehend frieren oder sitzend Dieselabgase einat-

men. Dem einzigen, dem die Kälte nichts anzuhaben scheint, ist der Bürger-

meister, der entweder telefoniert oder raucht. Und das geschlagene 6

Stunden, die wir für die Auffahrt brauchen.

Bakhmaro selbst liegt auf rund 2000 Höhenmeter und ist im Sommer ein

beliebter Ferienort in dem viele Familien eine Hütte haben. Im Winter wird

der ganze Ort wegen der Kälte und der Schneemassen evakuiert. Und

genauso empfängt uns Bakhmaro: tiefstverschneit wie aus einem Winter-

Wonderland-Album. Es liegt so viel Schnee, dass Aslan jedes Mal bremst,

wenn wir eine Stromleitung, die sich wild von Haus zu Haus spannen,

passieren müssen und wir die Leitung per Hand über unsere Köpfe und die

Raupe hieven.Wir bestaunen die Berg und Hänge ringsum und haben sofort

wieder die rosa Powder-Brille auf. Die wird uns aber schnell wieder runter-

gerissen, als wir, nach 56 Stunden Anreise, endlich vor unsere Unterkunft

halt machen und uns Ingo freudestrahlend empfängt. Vom angekündigten

Strom, warmWasser, Duschen und WLAN ist nicht mehr die Rede. Der Sturm

sei auch so heftig gewesen, dass der Mobilfunkmast ausgefallen sei und er

deshalb auch nicht erreichbar gewesen ist, aber jetzt sei ja alles Gut, wir alle

wohl behalten angekommen und es stünden ein paar schönen Skitagen

nichts mehr im Weg. Ich mache mir langsam ernste Gedanken um unsere

Sicherheit. Und das noch nicht mal wegen dem morgigen Skifahren. Kein

Satellitentelefon, keine Funkgeräte, keine Kommunikation mit dem Fahrer,

kein Plan im Falle eines Unfalles und eine Rettungskette, die mit einer sechs-

stündigen Pistenraupenfahrt beginnt. Als wir diese Punkte mehr oder weniger

gesittet mit Ingo diskutieren greift Dobo sich den Schlüssel eines der

Snowcats, mummt sich ein und verschwindet mit den Worten, ‚er werde mal

den Generator der Mobilfunkmasten checken‘, in die georgische Nacht.

Zwei Stunden später haben wir alle Handyempfang und Dobo einen neuen

Spitznamen: Der georgische McGyver!

Nach einer kalten Nacht, in der wir Schichtdienst am Feuer schieben und

einem herzhaften Frühstück ist es endlich so weit: Wir klettern auf die

Pistenraupe und lassen uns auf einen der Berge über Bakhmaro shutteln.