Seite 24 | BERGSTOLZ Bike Magazin Juli 2014
POSTAUTO TOUR
Posthorn als Stimmungskanone
Am Morgen früh gibt es bereits um sieben Uhr Frühstück. Statt seniler Bettflucht
treibt uns die latente Trailsucht aus den Federn. Niculin lässt uns die Wahl zwi-
schen einer gemütlichen Tour über den Julierpass in Richtung Lenzerheide oder
einer «kompakteren» Version, die zusätzlich die Abfahrt ins Puschlav enthält. Die
Entscheidung fällt schnell und einstimmig. Der Trail vom Berninapass nach
Poschiavo gilt als Klassiker, den wir uns nicht entgehen lassen. Die Luft ist klar
und kühl, als wir frühmorgens in die Abfahrt steuern. Die Gletscherformationen
von gestern Abend liegen nun unmittelbar über uns, doch Zeit für die Musse
bleibt keine. Wir wollen testen, wer zuerst in Poschiavo ankommt: Meini mit dem
Bus oder wir auf dem Bike? Wir geben alles, fliegen den noch menschenleeren
Trail förmlich bergab, und als wir mit brennenden Armen beim Bahnhof einfah-
ren, tut Meini so, als wäre er schon eine ganze Weile hier – doch die warme
Motorhaube verrät ihn. Wir einigen uns auf Unentschieden. Der Weg zurück ins
Engadin und hoch zum Julierpass dauert in der Folge über eine Stunde. In unse-
rer Reisegruppe herrscht unterdessen eine ausgelassene Stimmung. Zum Spass
lässt Meini auch immer wieder das typische Dreiklanghorn der Schweizer
Postautos aufheulen, und wir johlen wie Fussballfans ein «Tütato» hinterher.
Später ist der Ball wieder bei Niculin. Er entschuldigt sich, dass auf dem ersten
Abschnitt der kommenden Strecke der Singletrail-Anteil etwas dürftig sei, aber
spätestens nach der Alp Flix sei die Welt wieder in Ordnung. Er wird recht behal-
ten. Die Abfahrt von der idyllischen Hochebene vorbei an Savognin bis zum ful-
minanten Schlussstück bei Tiefencastel gehört wahrlich zu den besten Strecken
weit und breit.Wir johlen jetzt auch auf dem Bike, und Meini muss uns schon von
Weitem hören, als er am Ende des letzten Trails auf uns wartet. Er erspart uns den
letzten Aufstieg in die Lenzerheide, und wir bestehen später darauf, das Gepäck
selber ins Zimmer zu schleppen. Die Runde Feierabendbier geht trotzdem auf
unsere Kappe.
Ein Trail für die Sinne
Der Abend nimmt später feuchtfröhliche Dimensionen an. Ich fühle mich gleich
15 Jahre jünger, doch am Morgen danach ebenso viele Jahre älter. Meinen
Freunden geht es nicht besser. Wir lassen uns nichts anmerken, als Niculin zum
Einstieg einen Aufstieg präsentiert. Erst ein paar knifflige Stellen in der Abfahrt
wecken schliesslich die Lebensgeister. Der lange Singletrail nach Thusis gehört
zur Spitzenklasse, und eh wir uns versehen, sitzen wir bereits wieder im Bus.
Der Glaspass und die lange Abfahrt durch das Safiental stehen an. Das ist der
eher gemütliche Teil des Tages, bis plötzlich unzählige scharfe Singletrail-
Serpentinen ankündigen, dass es nun wieder zur Sache geht. Niculin schaut
sich nochmals um, und es ist unschwer zu erkennen, dass er nun ein unge-
wöhnliches Lächeln aufsetzt. Seine Ankündigung: «Nicht stürzen jetzt.»
Konzentriert steuern wir den steilen Trail bergab, bis Niculin bei einer Linkskurve
vom Rad steigt. Erst da nehmen wir die Kulisse wahr. Wir befinden uns in einer
der steilen Flanken der Rheinschlucht. Gegenüber ragen riesige
Felsformationen aus dem Wald, fast senkrecht unter uns rauscht der junge
Rhein. Die Szenerie ist wahrlich einzigartig. Der Wald lichtet sich zunehmend
und lässt einen immer weiteren Blick in die Schlucht zu. Phänomenal!
Dem Ufer des Rheins entlang führt ein feiner, sandiger Trail. Wir folgen die-
sem weitgehend durch die gesamte Schlucht. Es ist eine Fahrt für die Sinne.
Durch zum Teil skurril wirkende Landschaften schlängelt der Trail zwischen
Wasser, Felsen und Wälder in einem Auf und Ab flussaufwärts. Was für ein
fulminanter Schlussteil.
In Ilanz wartet bereits Meini wieder auf uns. Als Mountainbiker kennt er die
Rheinschlucht bestens, und er weiss genau, aus welchem Grund unsere
Stimmung erneut so ausgelassen ist. Wir laden ihn für einmal nicht zu einem
Bier, sondern zu einem üppigen Coupe Dänemark ein. Die Runde Eiscreme
übernehme mich. Denn Freunde, die mir eine solche Busreise schenken, sind
unersetzlich! Und während ich mich noch über meine Eisbecher hermache, da
denke ich: Hoffentlich kriege ich von den Jungs mal eine Kreuzfahrt geschenkt.
Da will ich dann sehen, was sie daraus machen.
Fotos: Robert Bösch & Thomas Giger | Text: Thomas Giger