Seite 62 | BERGSTOLZ Ski Magazin DEZEMBER 2017
LORRAINE HUBER
Weltmeisterin – was nun?
von Lorraine Huber
„Du hast es ganz bis nach oben geschafft, du bist Weltmeisterin.
Eigentlich müsstest du jetzt aufhören!“ Dies bekam ich öfters zu
hören seit ich die Freeride World Tour letzten Winter für mich entschei-
den konnte. Und ganz ehrlich: ich habe mir anfangs auch diese Frage
gestellt - soll ich am Zenit aufhören und meine Karriere in „Ruhm und
Ehre“ beenden (oder so etwas ähnliches) oder mache ich weiter?
Riskiere ich dann, meinen Ruf als Weltmeisterin irgendwie zu schädi-
gen? Andere Leute hingegen sahen eine weitere Saison auf der FWT
als amtierende Weltmeisterin als eine einmalige Chance, ganz ohne
Druck Wettkämpfe zu fahren. Mich begann die unterschiedlichen Mei-
nungen zu faszinieren: wie kann man diese erklären?
Die Forscher Dweck & Grant (2008) konnten zeigen, dass Menschen
unterschiedlich auf Misserfolg reagieren – je nachdem, ob sie Lernziele
oder Leistungziele verfolgen. Lernziel-VerfolgerInnen, die ihre Fähigkeiten
und ihr Wissen erweitern wollen, sehen im Misserfolg nützliche Informa-
tionen. Zum Beispiel sieht eine Freeriderin die Tatsache, dass sie sich im
Contest verfahren hat, als eine Chance, mehr über die Orientierung im
Face zu lernen. Für Leistungsziel-VerfolgerInnen, die sich lediglich ihrer
Fähigkeiten vergewissern wollen, um ihren Selbstwert zu bewahren, wird
Misserfolg zu Frustration und Resignation führen. Um bei unserem Con-
test-Beispiel zu bleiben, fühlt sich die Freeriderin, die sich beim Contest
verfahren hat, frustriert und in ihrem Selbstwert beeinträchtigt.
Analog dazu wird in der Motivationsforschung zwischen intrinsische und
extrinsische Motivation unterschieden. Intrinsische Motivation bedeutet, dass
wir etwas tun, weil es uns erfüllt, weil es uns Spaß macht, weil es eine He-
rausforderung darstellt oder weil wir darin einen tieferen Sinn sehen.
Extrinsische Motivation bedeutet hingegen, dass wir etwas tun, um eine
Belohnung zu erhalten (z.B. Sponsoren-Gelder, gute Judging-Scores,
Anerkennung) oder eine Strafe zu vermeiden (z.B. Verlust von Sponso-
ren-Verträgen). Die Motivation, für was wir tun, liegt also im außen —
deshalb der Begriff extrinsisch.
Externe Anreize können uns kurzfristig antreiben, sind jedoch die falsche
Wahl, wenn wir dauerhaft motiviert sein wollen. Extrinsische Motivation
ist nur selten von Dauer und hält häufig nur solange an, wie die
Belohnung auch attraktiv erscheint.
Es gibt also verschiedene Gründe, Freeride-Wettkämpfe zu fahren. Ich
persönlich liebe die Herausforderung auf der Freeride World Tour eine
Wettkampf-Line auszusuchen, zu planen, einzuprägen und schließlich zu
fahren. Ich genieße die Kameradschaft unter den Ridern sowie die Mög-
lichkeit, mit anderen starken Freeriderinnen Freundschaften zu schließen
und letztendlich das zu teilen, was wir alle lieben: nämlich das Skifahren.
Also werde ich weiterhin auf der Freeride World Tour fahren, auch als
amtierende Weltmeisterin. Für mich geht’s immer darum, zu lernen und
in meiner persönlichen Entwicklung voran zu kommen. Das ist es, was
mich immer wieder aufs Neue antreibt. Stell dir die Frage: wofür brennst
du innerlich? Finde es und mach es oft. Um die Worte von Jeremy Jones
zu verwenden, dann wird unser Planet ein besserer Ort werden.
www.lorrainehuber.com|
insta.@lorrainehuberSponsoren: Lech Zürs, Kästle, Bergans of Norway, Scott Sports
Foto: Mia Knoll
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