Bergstolz Issue No. 49 - page 58

Seite 58 | BERGSTOLZ Ski Magazin November 2014
SHADES OF WINTER
fahrt noch mal heraus! .... Woohoooo – das Publikum applaudiert, jubelt
– und Melissa, auf der Leinwand wieder gut beim Biwak angekommen,
fordert die Zuschauer scheinbar direkt dazu auf. Ich weiß noch – ich hab
ihr via Funk zugerufen sie soll doch „claimen“ – einfach herrlich erfri-
schend Melissa und ihre Performance zu sehen. Ich blicke zu Mel, sie
strahlt und ist zufrieden – ich freu mich einfach, endlich sehen die Leute,
was sie am Berg leistet. Ich zolle Mel, meiner langjährigen Freundin, größ-
ten Respekt für ihre Solomission!
Freedom – Freiheitgefühl... das vermittelt die Kanadierin Nadia Samer.
Diese Frau ist unglaublich. Ich bin echt super happy mit diesem Segment,
es ist eben etwas ganz Spezielles, nichts Alltägliches.Wir mussten den für
Mitte Februar geplanten Whistler Trip mit der kompletten Crew absagen,
Ende Jänner hatte es auch in Whistler noch nicht wirklich Schnee und es
war einfach zu riskant auf den ursprünglichen Plänen zu beharren. Des-
wegen sind wir ja spontan auch länger in Japan geblieben und haben
Whistler abgesagt. Doch um Nadia dennoch die Chance geben zu können
in Shades of Winter dabei zu sein, hab ich Momme Halbe an Board geholt.
Der Deutsch-Kanadier und ehemalige Produktionsmanager und Filmer
von Sherpas Cinema, den ich zum Glück vor ein paar Jahren in Whistler
kennen gelernt hatte, ergänzte unser Team perfekt. Geile Aufnahmen...
Brrraaaaaaapp! Haha, ich denk, vor allem die Männerherzen im Publikum
schlagen höher als Nadia ihren gut 200kg Sled einfach mal über ein mas-
sives Cliff setzt, um dann locker wieder aus dem Schnee aufzutauchen um
wieder aufs Gas zu steigen. Das Publikum liebt es und die Mädels neben
mir klopfen Nadia auf die Schulter und freuen sich mit ihr. Right on, girl!
Szenenwechsel.... Alaska. Immer verbunden mit Gänsehaut, Adrenalin und
unglaublichen Bergen. „Don’t let the fear of failure prevent you from even
beginning“... Mein amerikanischer Fischer-Teamkollege hat mir geholfen,
die richtigen Wörter für den Voiceover zu finden. Nächtelang haben wir
auf unserem gemeinsamen Argentinien-Trip im Sommer mit Wörtern ex-
perimentiert – er hat echt perfekt umgesetzt, was ich sagen wollte. Ich
liebe den Start dieses Segments, Mario hat die Stimmung so perfekt getroffen.
Ich bin ein wenig nervös, ich darf das Alaska Segment mit meiner Line auf
DIRTY NEEDLE eröffnen. Diese massive Spine, die im heurigen Winter vor
mir noch niemand gefahren ist, weil sie einfach noch nicht reif war. Es
war unser zweiter Filmtag in Haines, als es plötzlich hieß, wir könnten die
legendäre Dirty Needle Spines angehen. Das war ein unglaublicher Mo-
ment. Fast majestätisch steht sie da, und ich weiß noch genau, wie ich
mich gefühlt habe als ich am Drop-in Stand, der Heli oberhalb kreiste:
Völlig fokussiert, angespannt aber auch ruhig und darauf bedacht, mich
nur auf mich und mein Skifahren zu konzentrieren. Über die Wechte rein
und dann „die Spine reiten“, wie Berni so schön sagt. Gut, dass er mit
mir oben war und mir noch mal geholfen hat, die Line zu besprechen; gibt
einem einfach Sicherheit. Der Sluff hat mich von Anfang an begleitet –
hoch auf der Spine bleiben, damit all der nachrutschende Schnee seitlich
von mir bleibt. Der Switch zu meiner Garmin POV Kamera – da hat sich
einfach ALLES rund um mich bewegt, es scheint der ganze Berg in Bewe-
gung, unter mir eine riesige Staubwolke; nein, keine Lawine, sondern all
der lose Schnee, der aufgrund der Steilheit rechts und links von der Spine
auf den Gletscher runterrauscht. Am Ende der Spine lass ich es durch den
Sluff auf den Gletscher rauslaufen. Was für ein Gefühl, das war schon
big.... das Publikum honoriert es auch, dankbar für dieses Erlebnis. Janina
Kuzma auf Hangover Spine – THE line – an dem Tag durften wir als Erste
von der Helibase weg, auch ein sogenannter „Doors-off-Day“, also wo
einer unserer Filmer vom Heli aus gefilmt hat. Janina ist diese Line einfach
super geil gefahren und sich nicht beirren lassen, dass sie in der Rinne
rechts von ihr zahllose kleine Rutscher ausgelöst hat. Die Perspektive ihrer
Garmin ist sensationell genial! Jetzt ist Matilda dran. Ihr unglaublicher
Toe-in Drop off sorgt bereits für offene Münder im Publikum. Ich halte die
Luft an. Matilda dropt in, ich schau gar nicht auf die Leinwand sondern
zu Matilda und drücke ihre Hand. Beim zweiten Schwung bricht das kom-
plette Face unter Matilda, sie verschwindet in der Lawine, die Leinwand
wird schwarz. Ich kann Matildas Herzschlag hören, oder ist es sogar meiner?
Bruce Bauer, der Besitzer der Funny Farm spricht. Ich weiß noch als Mario
und Mathias vom Interview mit ihm zurück gekommen sind und als ich
es zum ersten Mal gehört hab, sind mir Tränen in den Augen gestanden.
Seine Worte gehen einfach tief rein, so richtig und Mario meinte, er habe
noch nie ein so authentisches Interview gedreht wie eben jenes mit Bruce.
Die meisten Heliski-Gäste und Pros steigen bei ihm in der Funny Farm ab,
er hat vieles erlebt, persönliches Schicksal und verfolgt uns Skifahrer ein-
fach mit ganzem Herzen.Wenn wir starten verfolgen die Bauers teilweise
die Action am Berg über Funk mit. Das Bild geht zurück zum Berg, Matilda
steht wieder auf diesem super schmalen Grat. Aus dem Funk hört man
Berni: „5-4-3-2-1 Drop in“ und Matilda dropt in, und diesmal sieht man
das volle Ausmaß der Lawine, die Matilda mitgerissen hat. Im Kino ist es
mucksmäuschen still. Dieser Moment... ich selber bin in diesemAugenblick
nur wenige Meter höher auf diesem Berg gestanden, quasi fast bereit für
meine Line. Ich konnte von meinem Drop in nicht sehen, dass Matilda eine
Lawine ausgelöst hat, sah aber die riesige Staubwolke am Fuße des Berges
auftauchen. Und zuerst keine Matilda. Dann hab ich Matilda gesehen –
puh, zum Glück. „Matilda, are you ok?“ Unglaublich ruhig hat sie gleich
geantwortet und sich auch noch dafür entschuldigt, dass sie nicht früher
etwas gesagt hat.... „I am ok!“ ... das ganze Publikum atmet auf, genau
wie ich in dem Moment eben auch. Dass wir meine Line nicht mehr ge-
fahren sind, ist logisch, das wäre die gleiche Exposition gewesen, wir wol-
len es ja nicht herausfordern und so hat mich der Heli oben am Grat
abgeholt. Es ist gut ausgegangen. Danke dafür.
Foto: Sebastian Marko
Foto: Sebastian Marko
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