Seite 22 | BERGSTOLZ Ski Magazin Dezember 2014
SAN MARTINO
Der Wald unter der Fratazza Gondel ist ein riesengroßer Spielplatz für
Schlechtwettertage.Wir wundern uns wo all die Freerider bleiben. Schließ-
lich sind wir es von zuhause aus gewohnt, schnell sein zu müssen, um
eine Chance für die erste Spur zu haben. Aber hier scheint alles etwas
langsamer zu laufen. Der Freeride Wahnsinn dürfte dieses Schmuckstück
noch nicht überrollt haben. Vermutlich desshalb, weil es einen starken
Südwinter braucht, was nicht jedes Jahr der Fall ist. Gut für uns. So haben
wir den ganzen Tag lang first tracks. Jeden Tag, immer wieder, denn Frau
Holle will einfach nicht aufhören ihre Kissen zu schütteln. Nimmt man zu-
sätzlich zur Tognola Gondel noch den Cigolera Schlepplift, findet man
einen noch breiteren Zugang zum Wald und die Runs werden länger.
Lange genug um unsere Oberschenkel ordentlich zum Glühen zu bringen.
Zugegeben, jammern auf hohem Niveau, aber wir würden gerne noch die
gegenüber liegende Seite bei der Rosetta Bahn erkunden. Dieses unglaub-
lich faszinierende Bergmassiv lacht uns die ganze Zeit an, in seiner vollen
Schönheit und Pracht. Es kribbelt. Aber auch nach zwei strahlenden Tagen
bleibt sie geschlossen. Zu gefährlich. Schade. Aber zum Glück fängt es
aber wieder an zu schneien und der Pulver-Wahnsinn geht weiter. Aber,
aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Gesagt, getan.
Ich begebe mich, diese Mal leider ohne Tine, noch ein zweites Mal nach
San Martino di Castrozza. Ich will mehr. Ich will auch die andere Seite, die
Seite mit der unglaublichen Berglandschaft der Rossetta kennenlernen.
Ski Legende Bruno Compagnet zeigt uns dieses Mal den Spielplatz seiner
Wahlheimat. Nachdem ich den Wald unter der Fratazza Gondel nach ei-
nigen Schlechtwettertagen nun ja schon auswendig kenne sind die Big
Mountains an der Reihe. Die Rosetta Gondel bringt uns zu unserem Aus-
gangspunkt, auf die Cima Rosetta. An der Refugio Rosetta vorbei, die auf
knapp 2600 Meter liegt, kommen wir in den Genuss einer kurzen Pulver-
schneeabfahrt, bis zum Anstieg durchs Valle Cantoni. Eine unbeschreibli-
che Bergkulisse begleitet uns auf den gemütlichen 700 Höhenmeter
Aufstieg. Oben angekommen wartet das traumhafte Travignolo Couloir
auf uns. „I glaub wir sind die Ersten, die das Travignolo heuer fahren“,
meint Bruno mit einem genüßlichen lächeln. Zu Beginn sind wir uns nicht
sicher was die Schneeverhältnisse am knapp 50 Grad steilen Einstieg an-
gehen, der Eispickel wird jedoch schnell wieder weggepackt , wir haben
Glück. Ein ewig langer und unverspurter Pulverschneehang wartet auf
uns. Nach dem Couloir öffnet sich der Hang und wir haben Platz für große
und schnelle Turns. High Five am Ende des runs und lauter grinsende Ge-
sichter. Im Norden der Alpen kann man sich diese Schneemassen nicht
mal annähernd vorstellen. Danach noch ein kurzer Aufstieg und eine wei-
tere Abfahrt die uns über den Passo Rolle direkt zurück nach San Martino
bringt.Wir passieren eingeschneite Hütten, die versuchen, dem Meterho-
hen Schnee am Dach stand zu halten. Unfassbar, was für ein Winter. Ein
breites Lächeln, erschöpfte Körper und ein gutes Bier in Brunos Stamm-
lokal, am Pra Nasse Lift, welches seine Frau führt. Sie verwöhnt uns mit
Spezialitäten aus der Region. So kann ein langer Tag mit Freunden perfekt
ausklingen.
Pisten gibt es auf der Rosetta Seite kaum, lediglich die erste Sektion, die
Col Verde Bahn wird als Piste genützt. Sehr flach und eher langweilig.




