DI CASTROZZA
BERGSTOLZ Ski Magazin Dezember 2014 | Seite 21
Über einen schneearmen letzten Winter können wir uns ja eigentlich nicht
beklagen. Entscheidend war einzig allein die richtige Location. „Das ist der
stärkste Winter seit 1986“, erzählt man uns in Alta Badia. „Wir sind im
Defreggental eingeschneit und wissen noch nicht, wann wir wieder raus-
kommen“, berichten uns Freunde. Während die nördlichen Alpen beinahe
an Schneearmut verhungern, wird in den Dolomiten schon fast zuviel des
Guten serviert. Meterhohe Schneewände, Häuser die unter den Schneemas-
sen zusammenbrechen, Straßensperren mit stundenlangen Umwegen und
immer wieder tagelang geschlossene Lifte – oder aber unverspurte Treeruns
von 8 bis 16 Uhr, Faceshots – an denen man schon fast zu ersticken droht,
butterweiche Landungen und Couloirs mit Abseilstellen in denen man heuer
kein Seil braucht - so sieht der Winter 2014 in den Dolomiten aus.
Also machen wir uns auf den Weg nach San Martino di Castrozza, ein
kleiner Ort auf 1500 Meter, südlich des Rollepasses im Trentino gelegen.
Die ständigen Facebook Posts von Bruno Compagnet machten uns neu-
gierig. Schnee, Schnee, Schnee. Jeden Tag immer wieder neue Fotos, immer
wieder mit frischen Zentimetern aufgefüllt. Da müssen wir hin.
Ein kurzer Anruf und Ski Buddy Tine Huber, Fotograf Lorenz Masser und
ich sitzen imAuto in Richtung Süden. Schon die Anfahrt lässt uns erahnen
was dort gerade abgeht. Über zig Umwege, aufgrund vieler Straßen-
sperren, kommen wir spät Nachts dann doch noch an in San Martino di
Castrozza. Das unter den Schneemassen zusammengebrochene Kino, zig
Arbeiter, die die Dächer freischaufeln und meterhohe Straßenschneewände
zeigen uns, dass einer der stärksten Südwinter aller Zeiten gute Arbeit ge-
leistet hat. Manchmal vielleicht sogar etwas zu viel des Guten.
Jeder kennt dieses Gefühl der Glückseeligkeit, wenn Millionen weiße Flo-
cken, so groß wie Murmeln, leise vom Himmel rieseln und Zentimeter für
Zentimeter die Schneewände wachsen lassen. Wenn es schneit und
schneit und einfach nicht mehr aufhört. Tag für Tag, immer wieder und
wieder. Wenn die Spuren vom Vortag immer wieder aufs neue völlig ver-
schwunden sind. Wenn man ohne zu überlegen oder zögern über alle
Cliffs, Pillows undWurzeln drüberziehen kann.Wenn man beinahe erblin-
det und erstickt vor lauter Schnee im Gesicht und wenn man sich am Ende
des Tages ohne vieler Worte versteht und anschaut: Das war es! Das war
Glückseeligkeit pur! Ein Geschenk.




