Seite 18 | BERGSTOLZ Bike Magazin JUNI 2016
GOAT
Timo zog ihm gleich. „Obwohl ich ein Stadt-Kind bin, liebe ich die Berge! Ich bin zwar
als Dirt-Biker bekannt geworden, doch immer wieder stahl ich mich in die nächstgele-
genen Wälder, um Cross-Country zu fahren, oder wie wir es heute zu sagen pflegen:
Enduro! Mir ist das wichtig, da ich in der Stadt lebe und eine Auszeit in der Natur bei
mir Wunder wirkt. Öfters starte ich meine morgendlichen Runden vor meiner Arbeit als
Yoga-Lehrer in Berlin, aber wir haben leider keine Berge. So ist eine Reise nach Saalbach,
um mit meinem Kumpel Tibor die alpine Gegend mit dem Bike zu erkunden, eine wahr-
haftige Wohltat.“ – Timo Pritzel
Nach einer kurzen „Brotzeit“ bzw. einer Stärkung mit getrockneten Feigen am Gipfel
des Reichkendlkopfes, starteten sie ihren epischen Ride hinunter in den Ortsteil Lengau.
Für einen Dirtjumper stellte sich Timo in den verblockten Passagen außerordentlich
geschickt an und manövrierte sein Bike gekonnt durch knifflige Passagen – in Skate-
Schuhen und ohne Handschuhe wohlgemerkt.
Als sie die letzten Kilometer über den Forstweg zu Tal preschten, und Dreck und
Schlamm vom ihren Reifen spritzte, war eines klar: Timo hatte den inoffiziellen
Backcountry -Test von Tibor bravourös gemeistert. Besiegelt von steilen und verblockten
Wurzelpassagen, vergleichbar mit jenen der Downhill-Weltcupstrecke von Val Die Sole.
Jeder Athlet wird dir die Wichtigkeit einer ausgewogenen Ernährung bescheinigen und
nach diesem kräftezerrenden Morgen-Ride wusste man warum. Da gab es nur eine
Abhilfe: Ein Abstecher zum berühmten Spielberghaus in Saalbach, um die leeren
Energiereserven wieder zu befüllen. Kurz darauf saßen sie vor einer dampfenden
Leberwurst und die wahrscheinlich besten, knusprigsten Wedges im ganzen Tal waren
das kulinarische i-Tüpfelchen ihres Zwischenstopps.
Da die Sonne wieder zum Vorschein kam, war den beiden der Genuss eines Nachschlags
auf der Sonnenterrasse leider vergönnt, sowie Timo’s obligatorischer und vor allem rege-
nerativer Mittagsschlaf - Schließlich hatten die Kumpels ein straffes Programm: Als näch-
stes standen mit der Milka Line und dem Panorama Trail ein paar Bikepark-Sessions auf
der To-Do-Liste, wo sie nun aber in den Genuss einer komfortablen Gondelauffahrt
kamen. Nach wenigen Metern auf den besagten Trails wurde eines augenscheinlich:
Timo war in seinem Element. Jeder noch so kleine Kicker wurde mit einem Trick veredelt
– Timo stylte dabei gefühlte 3 Meter über dem Boden. Ein beeindruckendes Bild, wenn
man Bike-Profis bei deren Signature-Moves von hinten beobachten darf, wie bspw.
Timo’s legendärer „One-Foot Tabletop“! Tibor und Timo bolzten die Trails mit enormer
Geschwindigkeit und Style – man fühlt sich in die 90er zurückversetzt, inmitten einer
BMX-Bahn und die Zwei am Feilschen um die besten Plätze und die coolsten Moves.
Tibor bekam von diesem unvergesslichen Tag nicht genug und plante eine
Sonnenuntergangstour mit Timo. Mit dem Schattberg X-press ging es mit der letzten
Seilbahn hinauf in höhere Lagen. 2.000 Höhenmeter fühlten sich mächtig an und der
Ausblick auf die Hohen Tauern mit dem bekannten Kitzsteinhorn lässt einen ehrfurchts-
voll inne halten. Nach den ersten Metern am Hacklberg Trail bogen sie in die wohl tech-
nisch anspruchsvollste Strecke von Saalbach Hinterglemm ein: dem berüchtigten
Bergstadl Trail. Zu Beginn zeigt er sich flowig und verspielt, eine Aufwärmphase wie sich
später herausstellte. Die schwierigen und steilen Passagen wurden in der
Abenddämmerung in ein goldenes Licht getaucht – Einfach unvergesslich! Getoppt
wurde diese Abfahrt nur noch von einem herrlichen Dinner im angesagten Bergstadl, der
direkt im Anschluss des Trails auf die beiden wartete. Und hier ließ Tibor dann auch die
Bombe platzen: „Timo, ich habe deinen Ziegenbock gefunden! Und morgen wird’s ein
Wiedersehen geben!“ Der nächste Tag startete aber vorerst mit einem „Katz und
Maus“-Spiel auf der legendären X-Line am Schattberg. Diese eher downhill-lastige und
knapp 6,8 km lange Freeride-Strecke krönte den spaßigen Aufenthalt in den Bergen.
Tibor kennt die Strecke wie seine Westentasche und zauberte sein Bike kraftvoll über
Anlieger, Sprünge und Wurzeln. Doch bei den Jumps stahl Timo seinem Münchner
Kumpel wieder einmal die Show. Timo ist zwar eher die Dimensionen von Nine Knights
und Co gewohnt, doch der riesige Road-Gap am Ende der X-Line machte auch Timo mit
seinem Enduro mächtig Spaß. Danach lockte natürlich noch eine feine Abkühlung im eis-
kalten Fluss am Fuße des Schattbergs, bevor es zurück nach Hinterglemm und zu dem
arrangierten Treffen zwischen Timo und seinem Ziegenbock ging. Ein Hauch von ‚Vater
trifft seinen verschollenen Sohn’ schürte eine leichte Nervosität in den beiden. Wie sieht
der Bock nach all den Jahren wohl aus? Leben Ziegen überhaupt 10 Jahre und länger?
Viele Fragen, wenige Antworten! Doch das Warten hatte bald ein Ende. Tibor führte den
angespannten Timo zu dem Platz unter der Reiterkogelbahn, wo damals der Adidas
Slopestyle Contest stattfand und Timo zu seinem Triumph fuhr. Die Blicke Richtung Berg
schweifend erspähten sie einen Ziegenverschlag unter dem Schutz von Bäumen. Eine
Herde aus Ziegen und Böcken stand dicht gedrängt neben der kleinen Hütte, doch ein
Mitglied der tierischen Gruppierung stach besonders hervor. Die Suche hatte ein Ende.
Der riesige Bock war beeindruckend, fast ein bisschen respekteinflößend.




