KING
BERGSTOLZ Bike Magazin JUNI 2016 | Seite 15
Der aufbrausende Wind lässt die Haare auf den Unterarmen zu Berge stehen, die aus
einem dicken, roten Oakley-Kapuzenpulli hervorragen. Der „Goat King“ von 2004
lehnt sich über seinen 580 mm Lenker, gekleidet in Baggy-Jeans und weißen High-Top-
Schuhen. Er fokussiert den monströsen 10 Meter-Drop, der unmittelbar vor ihm lauert.
Die Möglichkeit zu scheitern ist allgegenwärtig, ein solcher Gedanke hat hier aber
definitiv nichts zu suchen. Wir schreiben das Jahr 2005 und befinden uns beim Adidas
Slopestyle im österreichischen Saalbach. Timo Pritzel, amtierender Träger des Style-
Awards 2004 dieser Veranstaltungsserie, sitzt gerade auf dem größten Obstacle, der
bis zu diesem Zeitpunkt je in einem europäischen Contest gedropped wurde. Eines
steht fest: Landet er diesen Sprung nicht perfekt, so wird es ein anderer mit Sicherheit
tun - schließlich tummelt sich die Crème de la Crème des Freeride-Sports auf der
Startliste: Gracia, Berrecloth, Strait, MacCaul, Bourdon, Vanderham, Zink, ... Die Liste
der Freeride-Giganten ist lang und alle versuchen sich an diesem furchteinflößenden
„Leap of Faith“, wie viele den 10 Meter-Drop nannten, bevor es weiter geht mit einem
Wall-Ride, einem Gap über eine Gondel und einigen Doubles bis ins Finish. Klar ist auf
alle Fälle: Europäer zählen mittlerweile ebenfalls zur Slopestyle-Elite wie die bis dato
dominierenden Amis, in diesem Fall dank des deutschen Riders Timo Pritzel.
„2004 konnte ich in Saalbach den Dirt Jam Style Award gewinnen und wurde zum
‚Goat King‘ gekrönt. Kurz darauf wusste ich warum, als mich die niedlichen Augen
eines Baby-Geißleins anstrahlten. Und als sie den kleinen Bock auch noch nach mir
benannten – ich war gerührt und sprachlos!“ – Timo Pritzel
Am Ende des Tages konnte Timo den Erfolg aus dem Vorjahr zwar nicht wiederholen, aber
ihm brannte vielmehr die Frage unter den Fingernägeln, was denn aus seinem Vorjahres-
Gewinn, dem Ziegenkitz, geworden sei. 2004 wurde Timo natürlich schnell klar, dass das
hektische Stadtleben von Berlin mit der Aufzucht eines alpenländischen Tieres nicht unbe-
dingt in Einklang zu bringen ist. Nach einem schmerzvollen Abschied folgte deshalb die
Übergabe seines kurzweiligen Gewinns aus Fleisch und Blut an einen fürsorglichen Bauern
aus Saalbach Hinterglemm. Obwohl Timo die nächsten Sommersaisonen immer wieder für
Wettkämpfe nach Saalbach kam, verlor er über die Jahre den Kontakt zu seinem
„Zögling“ und bald fristete die kurze Verbundenheit ein Dasein in Vergessenheit.
Genaugenommen bis letzten Herbst, als Tibor Simai zu einem Treffen mit seinem lang-




