Seite 40 | BERGSTOLZ Ski Magazin November 2015
PAZNAUN
oben locker ab. Fast wie ein Ritter vor dem Drachen steht er nun da und
sieht zu, wie das weiße Monster vielleicht zwanzig Meter vor ihm ruhig
zum stehen kommt und keinen Muckser mehr tut. Offenbar sind wir auf-
geregter als unser Held. Andrea ruft ihn über das Handy an, ob wir nun
wirklich kommen können. „Kein Problem“, meint er. „Jetzt hab ich alles
abgeräumt, was gefährlich werden könnte“. Ohne weiteren Zwischenfall
stehen wir kurze Zeit später neben ihm und gratulieren.
Nachdem es im ersten Drittel recht feinen Pulver als Belohnung für den
Aufstieg gab, setzte nun Wind und Sonne der Schneedecke ein wenig zu.
Das feine Pulver versteckt sich unter einer gefrorenen Kruste und verlangt
saubere Skiführung und konzentriertes Fahren. Später mündet der Hang
in einen Ziehweg. Will man nicht zu schnell werden, wechseln wir zwi-
schen Pflug fahren und Kurzschwingen. Je nach dem wie lange der be-
troffene Muskel die stetige Belastung erduldet. Endlich erreichen wir
Samnaun. Zollfrei schmeckt das Bier noch besser. Beim Warten auf den
Bus gibt uns Hannes ein paar Tipps für widrigeWetterverhältnisse: „Nimm
immer ein paar Meter Reepschnürl oder gar ein Kletter Halbseil mit.Wenn
im Schnee Nebel aufkommt siehst du nichts mehr. Keine Kontur, „White
out“, wie es heißt. Dann hängst an das Seil einen Eispickel oder Lawinen-
schaufel und wirfst es so weit es geht in den Abhang nach unten. Beim
hochziehen erkennst du dann Steilheit und Beschaffenheit vom Gelände.
Auch ob da Steine oder Eis raus gucken. Zudem kannst du dich damit zur
Not auch ein paar Meter abseilen. Gerade mit einem stabilen Lawinen-
rucksack geht das sehr gut.“ Hat sich doch gelohnt, einen Bergführer mit
zu nehmen, denke ich im Stillen.Wer weiß ob man es mal brauchen kann.
Am nächsten Tag bestimmt nicht. Zumindest was Nebel betrifft werden
wir abermals mit einem strahlend blauen Himmel begrüßt. Gut gelaunt
treffen wir wieder einmal an der Idalp ein. Diesmal schaffen wir es vor
dem großen Run der Liftansteher in die Gondel. Immer wieder interessant
der Kontrast. Hier geschäftiges Treiben. Fast wie in einer großstädtischen
Fußgängerzone. Mit modisch gekleideten Menschen aller möglichen Her-
kunftsländer. Als würde man sich auf einer alpinen Fifth Avenue befinden.
Unnötige Hektik fährt jedem in die Knochen, als würde man sich auf dem
Weg zu einem Geschäftstermin begeben. Dabei gilt es nur den Verbin-
dungslift der Visnitzkopfbahn zu erreichen. Doch desto weiter wir uns von
dem Tumult entfernen, desto ruhiger wird es. Nicht nur in Phon ausge-
drückt, sondern auch vom Gemüt. Lediglich 15 Minuten Hatscher auf den
Visnitzkopf mit 2745 Metern. Der hat es aber in sich.Wie auf einer steilen
Treppe stapfen wir empor. Nur zu Beginn erlaubt das Gehen ein Gespräch
mit den anderen Skifreunden. Bald benötigen wir die Luft, um zügig voran
zu kommen. Geschafft! Wir freuen uns alle auf das Kommende. Bergfex
Hannes hat heute ein ganz besonderes Ski Schmankerl für uns geplant:
Wir werden von Ischgl bis zum Arlberg auf Skiern rutschen. Wer die Ört-
lichkeit kennt wird sich wundern. Mit dem Auto ist man dafür eine gute
Stunde unterwegs. Wir machen aber quasi eine Abkürzung und fahren in
der direkten Linie. Zuerst geht die Abfahrt ins Visnitztal nach Kappl. Hier
überqueren wir die Bundesstraße und lassen uns von den Kappler Berg-
bahnen bis zum Lattenjoch buxieren. Gleich neben der brav gewalzten
Piste blicken wir in ein weites Tal, dem Malfontal. Es könnte auch Kanada
oder ähnliches sein. Keine Skispur belästigt die homogene weiße Pracht.
Nicht mehr lange. Der Erste von uns macht sich auf den Weg. Zuerst mit
zaghaft vorsichtigen Schwüngen. Wer weiß. Die Sonne gebar so einige
Bruchharschschichten in den letzten Tagen. Auf Lawinen sollte man auch
achten.Wiewohl ist diese Gefahr in den letzten zwei Tagen auf erträgliche
Stufe 2 gesunken. Ohne Probleme folgt einer dem anderen. Jeder versucht,
noch weitere, schnellere Schwünge zu machen als sein Vorfahrer. Traum-
haftes Gleiten begleitet von einer zarten Pulverschneefontäne und hie und
da einem Jauchzer derer Verursacher. Zu schnell erreichen wir den Talaus-
lauf.Wieder mal wechseln sich Stockschübe undWedelschwünge ab. Doch
nicht lange und wir erreichen Pettneu. Dort lässt es sich angenehm warten
in der warmen Sonne. Schnell verschwinden unnötige Anoraks und Müt-
zen im Rucksack. Dafür fischen Ralf und ich jeweils einen kleinen Flach-
mann mit Schnaps daraus hervor. Gerade reicht die Zeit noch für einen
Schluck, da kommt auch schon das vorher bestellte Sammeltaxi, welches
uns zurück nach Ischgl bringt.
Fazit: Wirklich ein paar gelungene Skitage bei herrlichstem Winterwetter.
Wundervolle Möglichkeiten, wie man sich ohne allzu viel Aufstiegshöhen-
meter, dafür aber etliche Abfahrtsmeter gönnen kann. So stelle ich mir
Skifahren oder Freeriden oder Variantenfahren..... na wie auch immer, vor.




