Bergstolz Issue No. 43 - page 56

ENGELBERG
Seite 56 | BERGSTOLZ Ski Magazin November 2013
ENGELBERG
Nach dem Skifahren gibt es eigentlich nur einen Ort für den Absacker: Die Ski Lodge. Eine Skibar
im besten Sinne – gemütlich, authentisch und schwer in schwedischer Hand. Neu eintreffende
Gäste schälen sich aus den neuesten Funktionsklamotten der namhaften Hersteller, auf allen
Hacken und Simsen werden Helme, ABS Rucksäcke und Klamotten verstaut. Ein buntes
Grüppchen aus Einheimischen, Bergführern, Schweden und Gästen aus der ganzen Welt. Unter
anderem ein Gast aus Süd Californien, der Erfinder der Rocker Ski und der Mann, dem ich
eigentlich seit Tagen hinterherlaufe. Das Gute ist, dass man nach einem Tag im Powder schnell
Themen findet und beimAprés-Bier wesentlich lockerer reden kann als auf einer Messe. Stephan
ist eigentlich alles andere als ein „CEO“ und die Story, wie er den Rocker Shape „erfunden“ hat
klingt aus seinem Mund amerikanisch ehrlich: Bei einem Sprung hat er seinen Atomic Powder
Pluses gestaucht. Da er keine Kohle für einen neuen Ski hatte und das Ding mit gestauchtem
Tail eigentlich besser fuhr als vorher, war es für ihn naheliegend, den zweiten kurzerhand auch
„zu rockeren“ und einfach weiterzufahren. Aus dem Unfall entstand eine neue Art Ski zu
„behandeln“ bzw. in den folgenden Jahren Ski zu bauen „Nothing spectacular“.
Am nächsten Tag sind wir mit dem Chef des Tourismusverbandes zum Skifahren verabredet,
was mir, bei dem Powder der mittlerweile in und um Engelberg liegt, überhaupt nicht passt.
Denn der „gemeine Tourismuschef“ fährt einen Slalomcarver, trägt enge, wattierte Klamotten
und hat für die Art des Skifahrens wie wir es betreiben wenig übrig. Und das bei dem Powder!
Ein Glück, dass wir uns für Nachmittag – ab da soll das Wetter aufreißen – mit den DPS Jungs
im Skigebiet Titlis verabredet haben. Als ich immer noch leise fluchend an der Bushaltestelle
Richtung Brunni stehe, kommt der Auftritt von Frederic: Bergans Klamotten, RAS-Rucksack,
Salomon Rocker2 – Yeah!!! Und das Outfit und die Ski sind nicht nur Show. Frederics Mutter
ist Schweizerin, er selbst ist aber im Ruhrpott aufgewachsen und später, wegen dem Skifahren,
wieder nach Engelberg zurückgekommen. Mit uns redet er „Deutsch“, mit den Einheimischen
wechselt er sofort in den Engelberger Schwyzer Dütsch Dialekt was sich sehr, sehr witzig
anhört. In der Gondel fragt er uns, was wir denn gestern schon alles gefahren seien. Und man
merkt, wie er sich einen genauen Plan zurechtlegt, welche Runs in welcher Reihenfolge für den
Vormittag auf dem Programm stehen. Das Gute ist, wenn man einen Local dabei hat, dass man
sich um nichts mehr zu kümmern braucht und auch den Spuren hinterherfahren kann, die man
am Vortag ausgelassen hat. Aber wir fahren nicht den Spuren anderer hinterher! Frederic ent-
puppt sich als Freeride-Junkie mit Sendungsbewusstsein! Ein Hammer-Run folgt dem anderen.
Waldabfahrten mit freien Flächen dazwischen. Offene Hänge mit groundless Powder die ent-
weder zurück zum Lift oder zur Straße führen, wo meist das Taxi schon auf uns wartet. Im
Nachhinein betrachtet einer der besten Vormittage der letzten Saison! Wobei die Formulierung
sehr bewusst gewählt ist: einer der besten und VOR-mittage. Denn mittags wechseln wir ins
Skigebiet Titlis, um uns mit den anderen zu treffen. Frederic, der eigentlich mit der Familie zum
Spazierengehen wollte, hat sich kurzerhand bei seiner Frau mit dem Vorwand „Wichtige inter-
nationale Journalisten“ abgemeldet und ist natürlich auch noch mit von der Partie. Titlis ist
hochalpin. Die Drehgondel weltbekannt und die Uhrenläden – mit chinesischem Personal – in
der Bergstation legendär. Aber wir sind ja nicht zum Shoppen hier. Vor uns liegt „Steinberg“.
Ein Run direkt über den Gletscher. 1200 Höhenmeter imposantes, hammermäßiges
Freerideterrain. Nur leider liegt so viel Schnee, dass man in den etwas flacheren Passagen –
und flach heißt hier nicht topfeben, sondern durchaus gut geneigt – sogar anschieben muss.
Trotz der 190er Powderlatten versinken wir einfach im Schnee. Aufgrund der extremen
Schneelage ändert Frederic auch seinen Plan uns die Hänge runter vom Jochstock zu zeigen -
einfach zu gefährlich heute! Und schlägt deshalb „Laub“ vor. Bei Charlotte – DPS Europe
Chefin und Engelbergerin aus Überzeugung – zaubert das sofort ein vielsagendes Lächeln ins
Gesicht. Dieses Lächeln weitet sich bei allen in der nunmehr auf acht Rider angewachsenen
Gruppe zu einem fetten, ungläubigen Grinsen aus, als wir an der Einfahrt zu „Laub“ stehen:
Ein 1000 Höhenmeter Hang, voll einsehbar, mit einem Meter Neuschnee und nur ganz, ganz
vereinzelten Spuren liegt vor uns. Der Hang hat alles! Weite Flächen für Speedturns, ein paar
Geländewechsel für Jumps, welliges Gelände zum Spielen, einfach genial. Nur der Weg zurück
zur Gondelstation ist etwas umständlich – entweder per uraltem Toyota Bus zu zwölft bei acht
Sitzplätzen oder im Skatingschritt durch den Wald. Aber was soll’s, bei dem Hang! Uns dauern
die Runden über die Gerschnialp-Trübsee-Laubergrat viel, viel zu lange und die kostbare
„Powderzeit“ läuft uns wie geschmolzener Schnee zwischen den Fingern durch. Viel zu schnell
ist es 16.00 Uhr und wir müssen die lange Talabfahrt vom Obertrübsee durchs Kanonenrohr
vorbei am Untertrübsee nach Engelberg antreten.
Einstieg in den Run vom Galtiberg
Foto: Bergstolz
Foto: Matteo Calcamuggi
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