Seite 22 | BERGSTOLZ Ski Magazin November 2013
VEREINATAL
Schließlich ging der Regen in Schnee über und als sie weiter an Höhe gewannen, öffnete sich die
Wolkendecke und gab einen messerscharfen Blick auf die umliegenden, von tief verschneiten
Couloirs durchzogenen Gipfel frei.Wie Peter es versprochen hatte lagen sie alle da, Rosställispitz,
die Unghürhörner, die Plattenhörner, Gorihorn, Roggenhorn, alle unberührt, unverspurt und –
für die Teamkollegen – unbekannt. Die Kommentare der Athleten überschlugen sich in einem
begeisterten, unverständlichen Durcheinander von Sprachen, als sie checkten, welche
Skimöglichkeiten sich direkt vor ihrer Nase befanden. Nur die Sprache dieser unglaublichen
Hänge und Rinnen war eindeutig.
Sie schlugen ihr Basecamp im Talboden auf fast 2000 m Höhe auf, ganz in der Nähe einer win-
zigen Steinhütte, die Peter während seinen Sommern auf der Alm benutzt hatte. Im Gegensatz zu
den typischen Ferienhäusern der Region, waren die Mauern verputzt und kalt und die Hütte war
ohne Wasser und Strom. „Spartanisch“ würden die Einen sagen, „vertraut“ die Anderen.
Als die Zelte standen und der Hütteneingang freigeschaufelt war, zogen die vom Wetterbericht
vorhergesagten, dunklen Wolken erneut auf. Sie hingen am Grat direkt unterhalb des
Rosställispitz fest, aber es war noch genug Zeit für eine schnelle Erkundungstour mit unglaub-
lichen Powderturns bei recht guter Sicht. Nur Christina, Hanna und Stian mussten sich zwischen
Felsbändern durch den Nebel kämpfen, als die Wolken plötzlich in das Couloir quollen.
Den Abend verbrachte die Truppe mit Essen und langen Gesprächen, die immer persönlicher wur-
den, um ihr Skifahren kreisten und darum, wobei sie sich im Schnee am wohlsten fühlen. Dabei
wurden Fremde immer mehr zu Vertrauten. Christina Lustenberger, die es gewöhnt ist, Gas zu
geben, musste zugeben, dass die Runs ihr fremd und völlig anders sind als alles, was sie bisher
im Backcountry erlebt hat: “Zuerst fühlte ich mich klein und desorientiert in diesem steilen
Terrain. Aber zusammen mit dieser Truppe Gleichgesinnter gewöhnte ich mich schnell an das
Gelände und begann Steilheit und Exponiertheit zu genießen.“
Spät am Abend kehrte Peter zu seiner Rolle als Guide zurück und teilte die Gruppe in kleinere,
sicherere Einheiten. Er würde Conny, David und Jacob über den Nordost-Grat zum Rosställispitz-
Gipfel führen, Hanna, Gian und Paolo planten einige der nordseitigen Couloirs in Süser Chöpf zu
erkunden. Stian, ebenfalls Bergführer, würde zusammen mit Christina eine Rundtour um die
Plattenhörner machen. Nach der Planung schlüpften sie in die schwer mit Schnee beladenen
Zelte. Die Welt war ganz still. Keine Geräusche von vorüberfahrendem Verkehr, keine Lichter von
Häusern oder digitalen Uhren, die sie an Dinge außerhalb ihrer Wahrnehmung erinnern konnten.
Am nächsten Tag machten Hanna, Paolo und Gian zwölf Erstbefahrungen in einer Serie von
Couloirs zwischen Süser Tal und Vereina Pass – und kamen so auf insgesamt 2000 Höhenmeter
Powderabfahrt. Christina und Stian fuhren ein gewaltiges, südseitiges Couloir zwischen den
Plattenhörnern, das so gut war, dass sie nochmal aufstiegen, um auf der Nordseite hinunter zur
Vernelahütte zu powdern. Die Tour auf den Rosställispitz erwies sich als schwierig, steil und zu
lang, um sie an einem Tag bewältigen zu können – was oft passiert, wenn man einen unbekann-
ten Berg aus der Nähe betrachtet.