Bergstolz Issue No. 43 - page 21

VEREINATAL
BERGSTOLZ Ski Magazin November 2013 | Seite 21
Es klingt verrückt, aber nur ein paar Minuten von Davos und Klosters entfernt
befindet sich ein abgelegenes Areal mit unverspurten Nordhängen und stei-
len Couloirs – Abfahrten von der Sorte, die Skifahrer sich erträumen. Dort, im
bekannten Vereinatal, hat sich Bergführer und Hirte Peter Gujan schon vor
Jahren eine geheime Basis geschaffen. Im Sommer wimmelt es in dem im
Schweizer Kanton Grison gelegenen Tal von Wanderern und Touristen. Die
Winter sind anders. Die spektakuläre Bergwelt mit ihren felsigen
Gipfelaufbauten – Luftlinie nur eine halbe Stunde von St. Anton entfernt –
eignet sich nicht für den Wintertourismus, bietet keinerlei bewirtschaftete
Übernachtungsmöglichkeiten und ist nur durch eine enge, lawinengefährliche
Schlucht zu erreichen. Ein echter Geheimtipp!
Peter hatte das Tal vor 10 Jahren entdeckt, als er auf einer der Almen als Hirte unterwegs war.
Umgeben von einer atemberaubenden Landschaft mit enormen Skitourenpotential wunderte er
sich, warum das Gebiet von Skitourengehern völlig ignoriert wird. Es war nicht weit weg und bot
dennoch jede Menge klassische Routen und reichlich Erstbefahrungen: Rosställispitz,
Unghürhörner, Plattenhörner, Gorihorn, Roggenhorn. Also schnallte er seine Ski an und verbrach-
te die kommenden Winter damit, die Faces und Lines seiner privaten, unverspurten Spielwiese zu
erkunden – natürlich ohne allzu viele Worte darüber zu verlieren.
Im April dieses Jahres beherbergte Peter ein paar Teamkollegen von Arc’teryx, die mit ihm und
seinem Partner Gian Luck drei Tage lang die umliegenden Berge – und ihre Gemeinschaft –
erforschten. Mit dabei waren Conny Zamernik (Österreich), Paolo Marazzi (Italien), Hanna Finkel
(Deutschland), David Sanabria (Spanien), Jacob Slot (Dänemark), Christina Lustenberger
(Kanada), der norwegische Skifahrer Stian Hagen und Kay Helfricht von AlpS, einem österreichi-
schen Forschungsinstitut für Risikomanagement. Die Idee war es, eine internationale Gruppe
begeisterter Skifahrer zusammenzubringen, die in ihrer Passion für Schnee, Berge und dem damit
verbundenen Lifestyle vereint, kulturell aber völlig verschieden sind. Skifahrer, die sich in ihrer
Liebe für die Bewegung und die Geschwindigkeit ähneln, in puncto Background, Erfahrungen
und Gewohnheiten aber extrem unterschiedlich sind. Das Gebiet des einen ist riesig, offen und
anspruchsvoll, das des anderen ruhig, steil und waldig. Es kann einsam sein, nur zu Fuß erreich-
bar oder per Lift oder mit der gewaltigen Power eines Snowmobils...
Als es losging regnete es in Strömen. Die mit allen Essentials für’s Wintercamping schwer bela-
dene Truppe stieg über meterhohe, knallhart gefrorene Lawinenbröcksel – Mahnmahle für die
Neigung des Zustiegs zum Vereinatal zu riesigen Nassschneelawinen. Die Gruppe war groß und
bewegte sich langsam unter der Last der Zelte, der Ausrüstung und des Essens. Sie kommunizier-
ten in einer kunterbunten Mischung aus Sprachen und Gesten und Peter war ein bisschen ange-
spannt. Nicht wegen der Wetterbedingungen – er kennt das Tal wie seine Hosentasche und die
Landschaft ist gespickt mit bekannten Punkten, Erfahrungen und Erinnerungen – sondern wegen
der hohen Erwartungen innerhalb der Truppe. Er hatte diesen Trip schließlich als eine Reise in die
Wildnis angepriesen – so einsam wie die kanadischen Wälder mit alpinen Lines, der Weite von
Alaska und ohne den typisch europäischen Luxus.
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