Bergstolz Issue No. 97

die höchste Erhöhung der Umgebung. Mit großer Si- cherheit hat Rene den Start der Stage genau dort oben gewählt. Doch viel mehr als alle wilden Abfahrten und die spek- takulär schöne Berglandschaft sind mir die lachenden Kindergesichter in Erinnerung geblieben: Die Transfer- Etappen führen durch einige Dörfer aus einfachen, runden Lehmhütten. Überall sind Kinder, die uns be- grüßen und die Hände zumAbschlagen entgegenstre- cken. Es ist enorm faszinierend, dass die Menschen hier so glücklich und gelassen wirken. Sie leben fast ohne Besitz in einem Land mit einer der höchsten Aids- Raten und niedrigsten Lebenserwartungen weltweit. In keiner Situation aber fühle ich mich unsicher oder gefährdet. Trotz des offensichtlichen Unterschieds und unseren teuren Rädern sind die Begegnungen mit den Menschen stets von absoluter Freundlichkeit und Herz- lichkeit geprägt. Natürlich möchten die Kinder gerne kleine Geschenke, Süßigkeiten oder Geld, und diejeni- gen, die voller Begeisterung die Bikes auf einem steilen Anstieg zur nächsten Abfahrt schieben oder tragen, bekommen auch eine kleine Belohnung. Größte Aner- kennung und Freude gibt aber immer ein High-Five oder der einfache Dialog. Das Rennen bleibt interessant, vier lange und aufre- gende Tage in unterschiedlichstem Gelände, so man- cher Felsen wurde nicht aus dem Weg geräumt und das rote Gestein wirkt wie aus einer anderen Welt. Selbstverständlich nimmt man an einem entlegenen Ort wie diesem nicht das allerletzte Risiko auf sich. Und doch ist Rennen-Fahren immer ein besonderes Er- lebnis: Voller Fokus auf die Strecke und ein paar (mit- unter lange) Minuten eins sein mit dem Bike und dem Trail. Blick und Gedanken gehen nie viel weiter als zur nächsten Kurve. Doch kaum ist man im Ziel einer Stage und der Herzschlag normalisiert sich, sprudeln beloh- nende Endorphine durch den Körper und die Erlebnisse und Heldentaten der just vergangen Abfahrt werden lauthals ausgetauscht. Das gilt in dieser spektakulären Umgebung fast noch mehr als überall sonst. Am Ende von Renntag 2 erwischt uns ein Wolken- bruch, wie ich ihn noch nie erlebt hatte: Auf demWeg zurück ins Camp durchnässt er alles, was wir dabei- haben. Doch genauso plötzlich wie der Regen kam, steht plötzlich die Sonne wieder über uns und trocknet unser Hab und Gut. Sicherheitshalber ziehen wir die Zelte trotzdem für die nächsten Tage ins "Poolhaus". Witzigerweise habe nur wir 3 Europäer Ludo, Fabi und ich die günstige Zelt-Option gebucht. Tatsächlich hatte ich das Zelten einfach mit einem Abenteuer-Enduro- Rennen à la Trans Provence in Verbindungen gebracht und mich so dafür entschieden. Vielleicht wollten wir uns aber auch nur schon auf den zweiten Teil unser Afrika-Erfahrung einstimmen. Die Nacht nach der Afterparty ist kurz. Zum Sonnen- aufgang starten wir eine am Ende fast zweitägige Fahrt in nördliche Richtung, von Lesotho nach Johan- nesburg und weiter an die Grenze zu Botswana, wo wir eine gänzlich andere Seite von Afrika kennen ler- nen sollten. Am Grenzübergang nach Südafrika müs- sen wir mit Pendlern warten und einzeln mit den Zollbeamten sprechen. Geschlossene Grenzen und die entsprechenden Formalitäten kannten wir zu dem Zeit- punkt aus Europa gar nicht mehr… Kurz nach der Grenze ändert sich bereits das Landschaftsbild: Der Norden Südafrikas breitet sich flächig und eben vor uns aus, Steppe und Felder, soweit das Auge reicht. An einer alten Farm mit Antiquitäten aus der Kolonialzeit, die einen gewissenWildWest-Charme haben, machen wir eine ausgiebige Frühstückspause und erste Be- kanntschaft mit der durch Kolonialismus geprägten Geschichte Südafrikas, die in gewisser Hinsicht bis heute anzudauern scheint. 19 A F R I K A Bergstolz Ski & Bike Magazin • 04 | 2021

RkJQdWJsaXNoZXIy Mzk0ODY=