Bergstolz Issue No. 97
Weiter nach Botswana: Großes Land, doch es wird das Reiseland bleiben, in dem ich den kleinsten Bewe- gungsradius hatte. Drei Tage mit dem Mountainbike – aber quasi ohne Höhenmeter und mit nur kurzen Distanzen. Dennoch drei Tage, die zu den eindrück- lichsten und spektakulärsten Touren zählen, die ich je auf einem Bike unternommen habe. Drei Tage Bike- Safari in der afrikanischen Savanne. Das Auto bleibt auf südafrikanischer Seite, wir überqueren den kleinen Grenzfluss per Bike. Papiere vorzeigen, stempeln las- sen, Bikereifen und Schuhe desinfizieren und schon stehen wir im Mashatu Game Reserve. Unsere beiden Guides Mario und Lion - der eine heißt tatsächlich "Löwe"! - begrüßen uns herzlich. Wir geben die Ta- schen für den Gepäcktransport ab, tragen dick Son- nencreme auf und dann radeln wir auch schon als Kolonne – „damit wir von den Tieren als Einheit ge- sehen werden, von der keine Gefahr ausgeht“ – in die Savanne. Der schmale Pfad führt durch achshohes Gras, verläuft sich regelmäßig und taucht wieder auf. Schnell ist klar, dass diese Tour eine ganz besondere Erfahrung wird. Es tauchen erst einzelne, dann immer wieder Gruppen von baumhohen Giraffen auf, die uns neugierig beob- achten. "Die größte Gefahr für uns geht von Elefanten aus." Mario spricht leise und schaut sich immer wie- der aufmerksam um. Das wichtigste sei es, sie nicht zu überraschen und dadurch in Bedrängnis zu bringen. Die tonnenschweren Tiere könnten dann erstaunlich schnell angreifen. Und nur wenige Minuten später deutet uns Mario an, schnell umzukehren und in etwas Entfernung zu warten, während er sich den Ele- fanten nähert. Alles okay. Mit Abstand radeln wir an den Tieren vorbei, die uns kurz beobachten, um sich dann wieder wegzudrehen und mit einer unfassbaren Leichtigkeit davonzutraben. Jede Tierart scheint ihre eigene „Komfortzone“ zu haben:Während Elefanten, Affen, Büffel uns aus relativer Nähe entspannt beob- achten, bleiben Giraffen und vor allem Zebras klar weiter entfernt, bevor sie sich sofort in Bewegung set- zen, wenn man sich ihnen nur einen weiteren Schritt nähert. Die Sonne geht unter in der Savanne und taucht das ganze Land in traumhaft warme Farben. Unser Camp für die nächsten zwei Tage liegt unter einem wunder- schönen, riesig ausladenden Baum. Das Abendessen köchelt bereits im Lagerfeuer. Wir genießen den afri- kanischen Eintopf und blicken im Dämmerlicht über das ausgetrocknete Flussbett vor uns. Mario erzählt von der Geschichte des Schutzgebiets, von Botswana und von seinem Traumjob, mit Mountainbikes auf Sa- fari zu gehen. Und er erzählt von der Savanne, von den Regeln und Gewohnheiten der Tiere und von den Raubtieren, den Löwen, Leoparden und Geparden, die hier ebenso zu Hause sind. Er kann sich nicht entschei- den, ob er es als Glück oder Pech bezeichnen würde, falls wir einer der Raubkatzen mit den Bikes begegnen würden.Wir lauschen gespannt, können es eigentlich immer noch nicht ganz fassen, hier mitten im Reich des "König der Löwen" unterwegs zu sein. Der Schlaf im Zelt ist so tief wie er sein kann, wenn Dich nur eine dünne Zeltplane von den vielen Geräuschen der Sa- vanne und möglicherweise von wilden Raubkatzen auf Beutezug trennt. Am nächsten Tag geht der Traum weiter. Immer mehr Tiere tauchen auf. Sie beobachten uns, wir beobachten sie. Die Tour verläuft entspannt. Besonders sandige Passage müssen wir schieben. Kurze Steilabfahrten und große Wurzeln an den alten Bäumen laden uns zum Spielen ein. Plötzlich bleibt Mario stehen und hebt die Hand. Dann deutet er auf den sandigen Boden, auf dem sich deutlich ein größerer Prankenab- druck abzeichnet. "Löwe!" flüstert er und schaut sich vorsichtig um. Langsam geht es weiter, und dabei be- wusst nicht in die Richtung, in die sich der Löwe be- wegt hat. Es wäre zwar ein Glück, den Löwen zu sehen, Mario möchte es aber nicht herausfordern. Und das Gewehr, das er zu unserer Sicherheit auf seinem Rücken trägt, eigentlich nie benutzen müssen. Als wir am frühen Nachmittag ins Camp zurückkehren, gehen wir gleich nochmal auf Safari, diesmal aller- dings mit dem Landrover. Da die Tiere an Autos ge- wöhnt sind und sie Menschen nicht als solche erkennen, solange sie sich nicht von der Silhouette des Fahrzeugs abheben, können wir uns bis auf wenige Meter den Elefanten nähern. Vom Bike aus wirkten sie noch bedrohlich, nun aber vor allem majestätisch. Etwas später haben wir noch mehr Glück: Ein großer Puma steigt in aller Seelenruhe von einem Baum und trollt sich davon. Hunderte Gnus später entdecken wir dann noch eine Geparden-Familie, eine Mutterkatze mit drei Jungen, die ganz entspannt die Abendsonne in der Savanne genießen. Der Löwe, dessen Spuren wir am Vormittag gesehen haben, lässt sich auch am Abend nicht blicken. Unser letzter Safaritag wartet mit einer längeren Etappe auf, glühender Hitze und einer Landschaft, die das Vorbild zum König der Löwen sein hätte können. Am Fuß von „Mufasas Felsen“ steht das letzte Camp: Einzelne Betten unter freiem Himmel bzw. der Krone eines riesigen Baumes. Wir feiern den Abschied aus der Savanne mit Dosenbier aus der Kühlbox und ge- nießen die Nacht mit Sternenhimmel und Affenge- schrei. Zum Abschluss gönnen wir uns noch eine Woche "Bi- keferien" in Stellenbosch. Die Studentenstadt unweit von Kapstadt kennt man vom Cape Epic Rennen, und auch durch die Fest-Serie, die hier Station macht. Wir wollen hier vor allem nochmal richtig zum Biken kom- men, nach dem technischen Spektakel in Lesotho und den zahmen Pfaden in der Savanne den bestmögli- chen Kontrast finden. Und das gelingt.Wir fahren täg- lich Touren auf flowigen Trails, die hier kilometerweit an verschiedenen Orten explizit fürs Biken angelegt sind und die uns absolut begeistern. Auch das moderne Südafrika zieht uns in seinen Bann: Nach den ursprünglichen Landschaften und Gesell- schaften in Lesotho und Botswana zeigt sich hier deut- lich, wie sich Fortschritt auswirkt – sowohl positiv als auch negativ. Südafrika ist ein aufregendes Erlebnis, ein Land der harten Kontraste, aber auch ein Land von spektakulärer Schönheit, echter Herzlichkeit, gutem Essen, feinem Wein und wirklich schönen Trails. Es hat mich beeindruckt, wie viel ich in der kurzen Zeit über die Leute, die Länder, die Natur, die Tiere und die Geschichte der Menschen im südlichen Afrika lernen konnte. Und ich hoffe, dass diese aktuelle Krise bald überwunden ist und dass Reisen wieder möglich wird. Denn: Es gibt noch viel zu entdecken. A F R I K A 20 Bergstolz Ski & Bike Magazin • 04 | 2021
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy Mzk0ODY=