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ROAD TRIP DIARIES


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Wir kämpfen uns die letzten Meter zum Gipfelrestaurant des Patscherkofel. Seit einer Stunde kassieren wir Faceshots ohne Ende, allerdings in Form von groben Schneekörnern, mit denen uns der Föhnsturm mit gefühltem 100 km/h ein ordentliches Peeling verpasst. Aus jeder erdenklichen Rinne rund um Innsbruck hat der Föhnsturm den Schnee geblasen und übrig bleibt nur hässliches Geröll. Wir haben es satt. Noch am gleichen Abend vergleichen wir Preise von Wohnmobilvermietungen, denn unser Schicksal wollen wir nun selbst in die Hand nehmen.

Ein geeigneter Schlitten war schnell gefunden und die Packliste hielt sich in überschaubarem Rahmen. Ein Grill, vier Liegestühle, eine Kaffeemaschine, vier Kopfkissen, zwei Satz Schneeketten und jede Menge Skiequipment, nicht mehr und nicht weniger. Den Rest hatte unsere fünf Sterne Luxussuite auf Rädern bereits an Bord. Aber wohin damit? Mit der knappen Ansage „Da fahr ma jetzt hin!“ deutete Tobi kurz vor Abfahrt auf seinem Bildschirm auf einen tief lila Fleck irgendwo im französisch-italienischen Grenznirvana - Crevacol war noch irgendwie zu entziffern.

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CREVACOL

12. Februar 2016, 14:30 | Ein übertrieben lautes Hupen von der Straße - das ist unser Startsignal! Tasche zu, Kappe auf. Wie eine Horde Kleinkinder zum Eiswagen sprinten wir zur Haustür. Draußen wartet Philipp mit unserem Bett für die nächsten drei Wochen.

12. Februar 2016, 16:00 | Als auf die Frage: „Haben wir jetzt alles?“ keiner mehr hastig aufspringt und murmelnd zurück ins Haus rennt, kann es endlich losgehen. Kaum biegen wir in die Hauptstraße ein, kommt von hinten aus dem Doppelbett, aus welchem Tobi nach dem Probeliegen noch nicht rausgefunden hatte, die Frage: „Wie sieht’s eigentlich mit Essen aus?“. Also ab zum nächsten Supermarkt.

12. Februar 2016, 23:00 | Sechs Stunden sind wir mittlerweile unterwegs, die erste Playlist ist durchgehört und die Scheinwerfer unserer Karosse lassen immer noch grünes Gras unter der Leitplanke erahnen. Die Stimmung ist am absoluten Tiefpunkt. Das Navi verkündet noch 30 Minuten Fahrzeit. Langsam zweifeln wir an den Schneefall-Prognosen. Über 180 Zentimeter in den nächsten sechs Tagen waren uns prophezeit worden. In Aosta sieht es mehr nach Rasenhockey oder Minigolf, als nach perfekten Freeridebedingungen aus.

12. Februar 2016, 23:03 | Raus aus dem letzten Tunnel und da ist es endlich, das weiße Gold. Momentan noch braun und matschig doch von Minute zu Minute und Höhenmeter zu Höhenmeter wird es mehr und mehr Schnee. Vor lauter Erleichterung setzt Fabi unsere rollende Schüssel in einer Kehre beinahe an die Leitplanke. Die Reifen drehen durch, der Gestank von verbranntem Gummi und heißer Kupplung liegt in der Luft, wir ziehen Schneeketten auf, frei nach dem Motto: „Viel hilft viel“, vorsichtshalber gleich vorn und hinten. Mit unserem improvisierten Kettenfahrzeug klettern wir mühsam die letzten Kehren hinauf bis zum Talschluss. Irgendwo in Italien, mitten drin im Powder, parken wir das Wohnmobil und hüpfen direkt in die Falle.

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13. Februar 2016, 8:00 | Die sanften Handtrommeln aus dem Intro von Sympathy for the Devil wecken uns aus dem Schlaf und beenden die erste Nacht in unserer 5 Sterne Unterkunft. Wir tüfteln aus wie das Klappfenster zu öffnen ist, stecken den Kopf nach draußen und bekommen gleich riesige Schneeflocken in die müden Augen. Kopf wieder rein, neuer Versuch, Kopf wieder raus, Augen auf, doch außer Schnee ist nicht viel zu sehen. Während uns Keith Richards ein turbulentes Gitarrensolo um die Ohren schmeißt, spachteln wir unser Müsli in die leeren Mägen, packen den Rucksack und ziehen den breitesten Ski aus dem Stauraum unseres Winterpanzers.

13. Februar 2016, 10:00 | Der breiteste Ski? Unsere 125 Millimeter wirken in der hüfthohen Aufstiegsspur ziemlich lächerlich. Mittelbreiten jenseits der 150er Marke und ein Paar Schwimmflügel wären wohl eher angebracht. Soviel Schnee haben wir in unserem Leben noch nie gesehen. Das Bild, das uns der Lärchenwald um Crevacol bietet, kennen wir bestenfalls aus Kanadischen Powderpornos.

13. Februar 2016, 12:00 | Zu viel Schnee? Konnte das überhaupt sein? Steiles Gelände ist tabu, im Flachen bleiben wir stecken, doch zum Glück bieten die Wälder um Crevacol optimales Gelände um die weiße Pracht durch Mund und Nase zu inhalieren. Unsere Münder stehen vor Begeisterung derart weit offen, dass wir Gefahr laufen, am frischen Powder zu ersticken.

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CHAMONIX

16. Februar 2016, 19:00 | "Oh das passt scho, davon haben wir ja wirklich genug." Sagt unser Freund und Bergführer des Vertrauens Stephan Schanderl zum wiederholten Male, als Fabi mit der Gießkanne winkend seine ausgebaute Hütte betritt. Stefan scheint es wenig zu jucken, dass wir unseren 200 Liter Tank aus seiner Dusche befüllen, denn er steht ganz lässig am Herd und wendet sein Steak in der Pfanne. Crevacol war abgegrast, der Schnee hatte sich gesetzt, jetzt stehen steile Lines in Chamonix auf dem Menüplan. "Also besser hättet ihr es euch wirklich nicht aussuchen können. Das Cosmic und Glacier Ronde sehen beide super aus zurzeit", so Stefans Ansage zum Programm des nächsten Tages.

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17. Februar 2016, 11:00 Uhr | Ja Herrgott ist hier was los. Schon auf den ersten Blick trennt sich hier oben auf der Aiguille du Midi die Spreu vom Weizen, die einen halten sich vor lauter Atemnot ständig am Geländer fest und kommen kaum die Treppen hoch zur Aussichtsplattform, die anderen sind bis unter die Achseln ausgerüstet mit Equipment. Hier zählt die Eisschraube am Klettergurt ähnlich viel wie im Wilden Westen der Colt im Halfter. Ohne Sie bist du in der Seilbahn nur ein halber Mann und wirst verächtlich als Jerry abgestempelt.

17. Februar 2016, 11:45 Uhr | "Oh schaut doch gar ned so wild aus!", meint Philipp, der neben Fabi auf dem schmalen Einstieg zum Glacier Ronde steht. Dem wiederum ist das hier oben alles andere als geheuer. "Hier geht's in einem einzigen Hang 3000 Höhenmeter senkrecht bis zum Poco Loco."
Anmerkung: Poco Loco ist eine legendäre Burgerbude im Dorfzentrum von Chamonix, bei der es gestern Abend noch einen Bacon Burger gab. Während sich die zwei über die Steilheit streiten, dackelt Tobi mit der Kamera in der Hand hinter den beiden her und schlägt mit einem Grinsen im Gesicht vor, sich doch einfach das erste Stück abzuseilen. Kurz das Rappel Kit ausgepackt, und kurz danach stehen alle im 45 Grad steilen Schneefeld, das ungefähr der Größe von mehreren Fußballfeldern entspricht. Den Blick auf Chamonix gerichtet, lassen wir die ersten Höhenmeter hinter uns stehen schließlich am Anfang des schier endlos erscheinenden Couloirs. Philipp macht den Anfang und obwohl er momentan in der Form seines Lebens ist, muss er diverse Male stehen bleiben um die Krämpfe aus seinen Beinen heraus zu massieren.

17. Februar 2016, 16:13 Uhr | Chamonix Downtown. Junge junge, was für ein Tag. Überglücklich und auch ein wenig erledigt chillen wir in den Liegestühlen vor unserem rollenden Zuhause und leben Dolce Vita Bavaria mit Grill und gutem bayrischem Bier. Alle sind heile wieder unten und um eine Erkenntnis reicher:
Chamonix ist der S.H.I.T.

17. Februar 2016, 17:15 Uhr | Der Plan: Noch heute Abend bis Andermatt fahren, morgen Früh jungfräulichen Powder shredden. Das Problem: Wir sitzen noch beim Afterride BBQ, mussten aber soeben entdecken, dass der Furkapass im Winter natürlich nur mit dem Autozug passierbar ist und der fährt das letzte Mal um 20:30. Die Lösung: Wir müssen den Ralleymodus von unserem heißen Schlitten aktivieren.
Die Umsetzung: Tobi ist mittlerweile mit Rekordtempo auf dem Weg Richtung Furkapass. Wir sind im hinteren Teil des Geschosses damit beschäftigt, unsere Ladung in den dafür vorgesehenen, aufklappbaren Schränken zu halten und bemängeln dabei lautstark das Straßennetz der Zentralschweiz, sowie die Erfindung des Kreisverkehrs. Just in diesem Moment scheppert Tobi um einen weiteren Kreisel und zwei Ladegeräte aus dem nun geöffneten Schrank gegen Philipps Kopf.

17. Februar 2016, 20:28 Uhr | Das Ergebnis: Zwei Minuten vor Abfahrtszeit. Wir schalten den Motor ab. Erleichtert schießen wir vier Kronkorken gegen die Decke. Dieses Bier haben wir uns verdient, denn unser Kahn hat seinen Platz auf dem Autoverlad gefunden, es geht Richtung Andermatt.

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ANDERMATT

18. Februar 2016, 13:17 Uhr | Neugierig steht Fabi vor seinem Kamerastativ. Tobi wurde von Tim als Fotograf angeheuert und steht neben ihm. Zusammen starren sie jeweils durch ihre Kameras in Richtung einer steilen Rinne im Felshang vor ihnen. „Nie im Leben sendet der sich da durch!“, spekuliert Fabi während er Tim durch seinen Sucher beim Stretching beobachtet. „Okay, komme in 5...“, mischen sich auf einmal drei Funkgeräte gleichzeitig in unser Gespräch ein. „Macht der nie.“ murmelt Tobi noch während er sein Auge fest an die Kamera presst. Fokus sitzt, Blende und Belichtungszeit passen, hurra die Gams, gibs ihm Tim! Ein kleiner Punkt springt in eine viel zu enge und steile Rinne und jagt mit einem Affenzahn talwärts. Tims Hardshell Klamotten fangen bei den hohen Geschwindigkeiten derart an zu flattern, dass wir knapp 300 Meter von ihm entfernt meinen könnten, ein Helikopter fliegt auf uns zu. Der Typ ist wirklich völlig bekloppt. Als Tim bei uns ankommt, springen wir ihn förmlich an vor Freude und lassen uns alle von dem Hype seiner Line mitreißen. Ach was ist das nur für 1 Life?

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ENGELBERG

19. Februar 2016, 17:30 | "Brauchen Sie Strom?" fragt uns die nette Dame an der Rezeption auf Schwyzerdütsch. Fabi und Tim sind völlig aus dem Häuschen und checken einander vor den verdutzten Augen der Rezeptionisten ab. Wir sind gerade in Engelberg angekommen. Aufgrund der Tatsache, dass mittlerweile sämtliche Akkus aller Kameras, Laptops, Handys und der Drohne vollständig entladen waren, blieb uns diese Nacht nichts Anderes übrig als einen Campingplatz anzusteuern.

19. Februar 2016, 19:30 | Wir lümmeln in unseren gepolsterten Bänken rund um den Esstisch. Nachdem sich nach zehn minütiger Diskussion immer noch kein Freiwilliger für den Abwasch gefunden hatte, wird das Thema gewechselt: "Shit es pisst mittlerweile, ge!" Tim kramt sein Handy aus der Sofaritze und aktiviert das WLAN. Wir suchen neuerdings unsere Stellplätze für die Nacht nach freien Hotspot Verbindungen aus. Das Vereinsschloss des Golfplatzes in Engelberg hatte wohl bei der Einwinterung vergessen den Saft abzudrehen. Wir parken mit unserem Monster auf vier Rädern quasi in der Eingangstüre, denn so nah müssen wir ran, damit auch das älteste Handy vollen Empfang hat. Mit jeder weiteren Runde Wizard kippen wir vor lauter Verzweiflung ein weiteres Bier, denn die Temperaturkurve der Messstation auf dem Titlis rennt schnurstracks auf die Nullgradgrenze zu. Na toll... Das Ende vom Lied ist also: Wir entscheiden spontan morgen früh, wenn wir aus unserem Klappfenster schauen, so wie immer!

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20. Februar 2016, 10:00 | Die Gondel dreht sich und beschert uns einen 360-Grad-Blick der Extraklasse. Die Entscheidung auf den Berg zu fahren fiel heute morgen, als uns die Sonne durch das Plastikfenster geweckt hatte. "Natürlich fahren wir rauf! Die Sonne scheint und wir sind in Engelberg". Oben angekommen erwartet uns ein noch viel imposanteres Panorama und keine einzige Wolke am Himmel verdeckt die umliegenden Gipfel. Alles ist perfekt, lediglich ein Riesenslalomski mit frischen Kanten wäre heute die sinnvollere Wahl gewesen, denn mit unseren 124 Millimetern stochern wir wie Anfänger auf dem festgefrorenen Regen der Nacht herum. Glücklicherweise hat es jetzt schon gefühlte 10 Grad hier oben, Sulzgeballere steht also an für den Nachmittag.

Als wir nach unserem Trip wieder in den Alltag zurückkehrten, war es nicht ganz leicht sich einzuleben, zu sehr hatten wir uns an den Tagesablauf im Wohnmobil gewöhnt. Statt Essen, Schlafen und Skifahren, stand nun wieder Essen, Schlafen und Lernen auf dem Programm. Tiefen Powder und Faceshots erlebten wir nur noch im Traum, Bier tranken wir plötzlich wieder aus Gläsern und all die feinen Lines betrachteten wir nun auf den Bildschirmen unserer Laptops. Was wir aber wirklich vermissten, war das Gefühl morgens aufzuwachen, aus dem Klappfenster zu gucken und zu entscheiden wie der Tag verlaufen sollte. Ohne Plan und ohne Zwang die Berge genießen, das hatten wir uns mit dem Wohnmobiltrip ermöglicht. Glücklicherweise sind die Kisten im Winter ziemlich günstig zu mieten, sodass es sicherlich nicht bei diesem Ausflug bleiben wird.

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INFOBOX:

DIE TRUPPE.
Fabian Spindler, Tobi Hoffmann, Tim Marcour und Philipp Müller formen zusammen die Rebelride Crew. Die vier Freunde machen im Winter mit spannenden Freerideprojekten auf sich aufmerksam, im Sommer zieht es sie mit Mountainbikes in die Berge.
Eines bleibt dabei jedoch immer gleich: Die Liebe zur Natur.
www.rebelridecrew.com | vimeo.com/user1495326

DER RIDE.
Das Wohnmobil wurde über eine private Vermietung in München ausgeliehen: www.wohnmobil-urlaub-muenchen.de/skisnowboard. Ausgestattet war das Wohnmobil mit vier Schlafplätzen, Dusche, Esstisch und es war kein Umbau nötig. 14 Tage in einem Gefährt mit ausreichend Platz kosten rund 1200€.

ALLGEMEINE INFOS.
Unser Bergführer in Chamonix:
Stephan Schanderl
stephanschanderl@gmail.com
+49 (0)175 6158302

SKIGEBIETE.
Crevacol. www.crevacol.it
Chamonix. www.chamonix.com
Andermatt. www.andermatt.ch
Engelberg. www.engelberg.ch

Fotos & Text: Rebelride Crew



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