No. 138

28 PERU Bergstolz Ski & Bike Magazin • 06/2026 Der Gipfel kann nicht mehr als hundert Meter entfernt gewesen sein, verborgen hinter dem flacher werdenden Gelände jenseits des Grats. Doch unter mir ist der Schnee hohl und völlig ungebunden. Ich stehe auf einer kleinen Wechte. „Ein Sturz auf eine der beiden Seiten wäre kaum abzufangen, und hier oben haben wir keine Möglichkeit, uns zu sichern.“ Ich versuche es einmal, dann ein zweites Mal. Ich will es unbedingt. Ich will diesen Gipfel so sehr. Ein letztes Mal schaue ich zum Grat, bevor ich zurücktrete und Marco unter mir meine Entscheidung zurufe. So schwer die Entscheidung in diesem Moment war, wirklich eine Alternative gab es für die beiden nicht. Die Dunkelheit rückte näher und gerade auf den letzten Metern wäre das Risiko noch einmal exponentiell gestiegen. Den Gipfel vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen, war nicht mehr realistisch. Rund 100 Meter unterhalb des Ziels war damit Schluss. Wolken schwappen über den Grat, während wir auf Ski wechseln. Die ersten Schwünge sind die steilsten. Aus dem weichen Schnee im oberen Bereich beschleunige ich auf die vereiste Hauptwand. Kontraste sind praktisch nicht vorhanden. Ich fahre ein Paar OGSO Gran Daddies, die theoretisch viel zu breit für diese Bedingungen sein sollten, doch in der steilen, eisigen Wand fühle ich mich sicher. Wegen der schlechten Sicht gerate ich in eine gefrorene Rinne und meine Kanten verlieren den Halt. Ich rutsche ab, bleibe aber ruhig, bis die Kanten wieder greifen, und quere anschließend zu besserem Schnee. Unterhalb der Gletscherspalte verändert sich alles. Die Neigung lässt nach, die Schneedecke wird gleichmäßiger und unterhalb der Wolken glüht am Horizont noch ein schmaler Streifen im letzten Licht. Wir springen über die Spalte und beginnen, Schwung an Schwung zu setzen. Zum ersten Mal an diesem Tag verschwindet die Hektik. Wir fahren einfach Ski. Drei Tage später bin ich zurück in Chamonix und beginne, die Geschichte jener Wand zu recherchieren, von der wir glauben, sie gerade zum ersten Mal mit Ski befahren zu haben. Dann stoße ich auf Gérard Chantriaux.

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