No. 138

27 PERU Bergstolz Ski & Bike Magazin • 06/2026 Für unsere Geschichte geht es dieses Mal nach Peru. Das südamerikanische Land ist Heimat von Machu Picchu, und unzähligen Bergen in den Anden ein Paradies für Bergsteiger und Abenteurer aus aller Welt an. Genau dorthin zog es die beiden: Skibergsteiger Marco Malcangi, 29, unterwegs auf Black Crows, und Ski Bergsteiger und Photograph Elias Ejderhamn, 28, auf OGSO. Das Ziel der beiden ist der über 6.000 Meter hohe Artesonraju. Fun Fact: Dieser gilt als Vorlage für den Berg im Logo von Paramount Pictures. Doch wie es manchmal so ist, lief nicht alles nach Plan. Die beiden schlugen sich nicht nur mit schlechtem Wetter und Krankheiten herum, sondern bekamen zudem ungebetenen Besuch in ihrem Camp. Die größte Überraschung wartete allerdings erst zurück in den Alpen. Dort erfuhren sie von Gérard Chantriaux, der bereits 46 Jahre zuvor die Südwestwand des Artesonraju befahren hatte. Ich öffne den Reißverschluss des Zelts und blicke hinauf zum Artesonraju. Wolken hängen am Gipfel. Niederlage. Ich krieche zurück in meinen Schlafsack. Seit 27 Tagen bin ich nun mit meinem Skipartner Marco Malcangi in Peru unterwegs – und wir haben so gut wie nichts vorzuweisen. Ein Parasit hatte mich stark dehydriert, und unser ursprünglich unbefahrenes Ziel, das uns überhaupt erst in diese Bergregion gelockt hatte, war inzwischen nicht mehr in einem fahrbaren Zustand. Die Angst, mit leeren Händen nach Hause zu fliegen, ließ sich immer schwerer verdrängen. Zum ersten Mal hatte ich den Artesonraju 15 Tage zuvor gesehen. Mit 40 Kilogramm schweren Rucksäcken oberhalb der Laguna Parón machten wir noch vor dem Basecamp Halt und fanden direkt am See eine flache Stelle. An diesem Abend tauchte der Artesonraju über dem Tal auf, rosa gefärbt vom letzten Licht. Für einen Moment war die Erschöpfung vergessen. Eigentlich waren wir gekommen, um die berühmte Südostwand zu studieren, doch von unserem Camp aus war sie nicht zu sehen. Stattdessen ragte direkt über uns die Südwestwand empor. Marco und ich zeigten nach oben wie kleine Kinder und zeichneten mit den Fingern imaginäre Schwünge zwischen den Séracs nach. Niemand, mit dem wir gesprochen hatten, wusste von einer Skiabfahrt durch diese Wand. Es war meine erste Expedition. Marco hingegen hatte bereits mehrere Wochen damit verbracht, gemeinsam mit Fay Manners große Lines zu fahren. Während ich nach oben blickte, ging mir immer wieder dieselbe Frage durch den Kopf: „Was mache ich eigentlich hier? Habe ich es mit meinen kleinen Erkundungstouren entlang der Klippen von Åland dieses Mal vielleicht etwas zu weit getrieben?“ Der Artesonraju wurde zu fast allem, woran wir noch denken konnten. Meine Krankheit ging auf Marco über. Stürme machten den Berg unzugänglich. Tiere plünderten unser Camp und verteilten unser Essen. Wir stiegen ab, um neue Vorräte zu holen, kamen zurück, warteten – und unternahmen einen erfolglosen Versuch. Unsere Rückflüge rückten näher, während sich zu Hause die Arbeit stapelte. Als ich meiner Freundin sagte, dass ich länger bleiben wollte, meinte sie, die Reise gebe ihr zunehmend das Gefühl, Single zu sein. Dinge, die ich unter der Expedition begraben hatte, kamen wieder an die Oberfläche. Heute beschreibt Elias die Balance zwischen Expeditionen und Beziehung als schwierig und komplex. Es brauche eine stabile Partnerschaft und vor allem offene Kommunikation darüber, was beide voneinander erwarten. Gleichzeitig bedeute es auch, auf beiden Seiten Kompromisse einzugehen und eigene Bedürfnisse manchmal zurückzustellen, damit der andere sich weiterentwickeln könne. Trotzdem wollte ich es noch ein letztes Mal versuchen. Ich konnte es mir nicht leisten, mit nichts zurückzukommen. Dieser Druck war nicht nur sportlicher Natur. Elias hatte die Expedition aus eigener Tasche finanziert und sich dafür sogar Geld geliehen. Als er nach Peru aufbrach, war die Reise für ihn auch eine Investition in seine Zukunft als Expeditionsfotograf, allerdings eine mit ungewissem Ausgang. „Es war ehrlich gesagt ein Glücksspiel. Bei einer Expedition weißt du nie, was passieren wird, besonders nicht bei deiner ersten.“ Als er schließlich nach Hause kam, hatte er nicht einmal mehr genug Geld, um seine Miete zu bezahlen. Wir kehrten mit gerade genug Zeit und Verpflegung für zwei letzte Tage zurück. 7 Uhr morgens, Ich wache erneut auf und schaue nach draußen. Klarer Himmel. Für einen Moment starre ich hinaus, fast misstrauisch, dann wecke ich Marco. Wir brechen spät auf. Marco ist noch immer krank und muss beim Zustieg dreimal anhalten, um aufs Klo zu gehen. Als wir die Wand erreichen, vergeht uns langsam der Humor. Doch die Wand gibt uns neue Kraft. Sein Magen schmerzt. Dann sein Kopf. Immerhin hatte der Sturm uns einen Gefallen getan: Frischer Schnee bedeckt nun einen Großteil der unteren Linie. Zum ersten Mal sieht sie tatsächlich fahrbar aus. Wir steigen durch den unteren Teil der Wand auf und überqueren die große Gletscherspalte, die sie durchzieht. Oberhalb wird das Gelände steiler und wir beginnen, im ausgesetzten Eis Sicherungen zu setzen. Das ist sicherer, kostet uns aber enorm viel Zeit. Marco will weiterhin gesichert klettern. Ich beobachte, wie die Sonne immer tiefer sinkt und die Wolken wieder auf uns zukommen. „Ein Sturz hätte hier schwerwiegende Folgen, doch die hereinbrechende Nacht und die hohen Wolken in der Wand könnten ein noch größeres Risiko darstellen.“. Ich rede auf Marco ein und gehe schließlich voraus. Die Neigung erreicht etwa 65 Grad, kurz vor dem letzten Grat fast 70 Grad. Unter einer dünnen Kruste liegen beinahe 50 Zentimeter lockerer, körniger Schnee. Ich höre auf, meine Kräfte einzuteilen, und gebe alles, um den Grat zu erreichen, von dem wir hoffen, dass er uns zum Gipfel führt.

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