Bergstolz Issue No. 133

einem gyrostabilisierten Halterungssystem an einen Helikopter, der – geflogen vom Red Bull Air Force-Piloten Aaron Fitzgerald – die Maschine während des Stunts umkreiste. „Wir hatten eine komplette Luftfahrt-Crew, wie bei einer Hollywood-Produktion“, sagt Khare. „Ich trug einen grauen Anzug wie Tom im Film, keine Schutzbrille, nur maßgefertigte Sklerallinsen zum Schutz. Ein einziges Steinchen im Auge bei dieser Geschwindigkeit, und es ist vorbei – das ist, als wärst du von einer Pistolenkugel getroffen worden.“ Risiko Fallschirm Der furchteinflößendste Teil der Challenge? Khare musste auf die Sicherung durch einen Fallschirm verzichten. „Ein Fallschirm wäre in so einem Setting kein Sicherheitsfaktor, sondern ein zusätzliches Risiko“, erklärt sie. „Wenn er sich öffnet, während du außen festgeschnallt bist, wirst du in Sekundenbruchteilen zum Fixpunkt – das kann dich ernsthaft verletzen.“ Als einzige Rückversicherung blieb ein vereinbartes Handzeichen als Signal an die Leute im Flugzeug, die Tür zu öffnen und Khare im Notfall blitzschnell ins Innere zu ziehen. „Mehr Spielraum gab es nicht.“ Einige der wichtigsten Trainingseinheiten galten der Psyche. Unter Anleitung von Sean MacCormac von der Red Bull Air Force absolvierte Khare mehrere Sessions im Indoor-Windtunnel. „Sie drehten die Windstärke auf weit über 200 km/h, dann simulierten wir den Stunt“, sagt sie. „Sean ließ mich die Szene in allen erdenklichen Variationen durchspielen: wie es perfekt laufen, was alles schiefgehen könnte. Ich sollte, egal was passiert, den Atem kontrollieren und Ruhe bewahren. Denn ein großer Teil eines gelungenen Stunts ist die Performance: immer souverän bleiben, zur Kamera schauen, die Augen offen halten.“ Sie absolvierte Atemübungen und gezieltes Training, um dem enormen Druck der Windströmung auf Nacken und Schultern standhalten zu können. „Du kannst es dir so vorstellen, als müsstest du im Orkan auf wackeligem Untergrund eine halbe Stunde lang den Upward Dog halten, wie im Yoga“, sagt sie. Auf dem roten Teppich der „Mission: Impossible“-Premiere nutzte Khare die Gelegenheit, ihr Idol nach seinem Rezept für einen Signature-Stunt der Marke Tom Cruise zu fragen. „Trainieren“, sagte er. „Trainieren, trainieren, trainieren. Wissen, was man tut. Alles methodisch und sehr gründlich aufbauen.“ Cruise’ Worte hallten während der beinharten Drills in ihr nach – besonders jene, die er zum Abschied zu ihr sagte: „Es geht nicht darum, vorsichtig zu sein. Es geht darum, dass du weißt, was du tust.“ Ready und fokussiert Trotz aller Perfektion und Professionalität in der Vorbereitung: In der Woche vor dem Event plagten Khare Albträume. „Es gibt die Produzentin Michelle und die Künstlerin Michelle“, sagt sie. „Die Produzentin denkt: Toll, das wird unglaublich! Die Künstlerin: Oh nein, jetzt muss ich es wirklich tun.“ Auf dem Flugfeld machte es dann klick. „Die Crew war bereit, vorbereitet, ruhig. All systems go. Von einer Sekunde auf die andere waren alle Zweifel und Ängste verflogen. Ich war komplett ready, ruhig, fokussiert.“ Zurück im Schnittraum des „Challenge Accepted“-Büros in Burbank zeigt Khare eine Sequenz aus den Aufnahmen: Sie hängt an der Flanke der C-130 Hercules, kein Schrei, kein Zucken, auch als die Maschine beschleunigt und die immer stärkere Windströmung ihre Füße von dem schmalen Tritt reißt, auf dem sie zu Beginn stand. Sie hält den Blick blinzelnd nach vorn, später nach unten – trotz ihrer Höhenangst. „Etwa auf halber Strecke wurde es sogar richtig spaßig“, sagt sie und grinst. „Ich war voller Adrenalin, wie nie zuvor in meinem Leben. Ich kannte Adrenalin durch körperliche Anstrengung – das hier war Adrenalin durch pure Reizüberflutung.“ Als die Maschine aufsetzte, sprang Khare zu Boden – und ließ die Tränen fließen. „Es war der größte Kick meines Lebens“, sagt sie. „Ich werde nie vergessen, wie ich danach die Crew umarmt habe. Es war ein gemeinsamer Erfolg, zu dem alle etwas beigetragen haben.“ Es ist wohl das Wechselspiel zwischen der Produzentin Michelle und der Performerin Michelle, das sie antreibt. „Wir machen keine einfachen Sachen“, sagt sie. „Wenn es nicht herausfordernd ist, ist es keine Geschichte für uns.“ An Khares Badezimmerspiegel klebt ein Post-it. Auf ihm steht: „Wenn ich heute nur ein junges Mädchen inspirieren kann, habe ich meinen Job gemacht.“ Sie erklärt, was es mit der Notiz auf sich hat: „Wenn du so einen Kanal startest wie ich, denkst du am Anfang nur an Views und daran, das nötige Geld für den nächsten Dreh zu verdienen. ,Views‘ klingt ja so technisch. Doch in Wahrheit sind das Menschen, die dir zusehen. Millionen Menschen, die du beeinflusst, inspirierst. Du hast Wirkung, und die zählt. Daran soll mich dieser Zettel täglich erinnern.“ Das nächste große Ding? Den Burj Khalifa erklimmen. „Das haben sie bisher nur einer Handvoll Menschen erlaubt“, sagt sie. „Einer davon war Tom Cruise.“ Und wohin geht „Challenge Accepted“ ganz allgemein? Was sind ihre Pläne, den Erfolgskanal weiterzuentwickeln? „Das definiere ich“, sagt sie. „Oder genauer gesagt: meine Angst.“ „Denn eine Actionheldin“, sagt Khare, „ist jemand, die ihr Leben in vollen Zügen lebt. Und dabei immer wieder ihre Angst besiegt.“ „EINE ACTIONHELDIN IST JEMAND, DIE IHR LEBEN IN VOLLEN ZÜGEN LEBT. UND DABEI IMMER WIEDER IHRE ANGST BESIEGT.“ ACTION-STUNTS Code scannen und die Dokuserie „Challenge Accepted“ von Michelle Khare auf YouTube sehen. THE RED BULLETIN 89

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