Bergstolz Issue No. 108

34 G R O S S V E N E D I G E R Bergstolz Ski & Bike Magazin • 06 | 2022 Kaltfront der letzten Tage hat genau das getan, was wir von ihr erwartet haben. Sie hat uns eine feine Schicht fluffigen Pulverschnee angeliefert. Der kalte Wind an diesem Tag spielt uns in die Karten. Er konserviert die kostbare, weiße Pracht noch eine Weile, bevor sie ab Mittag von der erbarmungslosen Mai-Sonne zu einem nicht besonders ski-freundlichen Matsch erwärmt wird. In der Vorhalle der weltalten Majestät „Die riesige, furchterregende Nordostwand des Venedigers wuchtet unmittelbar vor ihnen in die Höhe. Kürsingers lebhafte Phantasie entzündet sich an dem überwältigenden Eindruck. Mit der Wortprägung „die schaurige Vorhalle der Weltalten Majestät" gibt er seinem Empfinden Raum.“ (Oskar Kühlken) Auch fast zwei Jahrhunderte später sind wir noch beeindruckt vom imposanten Erscheinungsbild des Großvenedigers - majestätisch! Wie eine Schaumrolle schiebt sich der Gipfelgletscher, die Venedigerwechte, über die steilen Abbrüche der Nordostwand. Am Fuße der Wand liegen große, im reinsten Gletscherblau leuchtende Eisbrocken. Mahnend markieren sie eine Gefahrenzone, in die man sich besser nicht verirren sollte. Am Ende des großen Gletscherbeckens stellt sich uns zwischen Klein- und Großvenediger ein letzter, steiler Aufschwung in den Weg. 1.500 Höhenmeter auf Ski stecken uns jetzt bereits in den Beinen. Die Spitzkehren sind steil und kräftezehrend, die Höhe von 3.400m ist deutlich spürbar. Wie sind wir froh, als sich das Gelände an der Venedigerscharte wieder etwas zurück legt. Waren unsere Blicke bis dorthin im Gletscherkessel eingesperrt und auf die mächtige Erscheinung seiner Majestät fixiert, so lädt das neugewonnene Panorama zu einer kurzen Rast ein. Von Osten grüßen der Stubacher Sonnblick, der Großglockner und die Schobergruppe. Früher Flintenschüsse, heute ein Schluck Whiskey „Unbeschreiblicher Jubel bricht los, sie umarmen sich, laut tönen die begeisterten Rufe, untermischt mit Flintenschüssen, zu den unten befindlichen Kameraden, von dem glücklich errungenen Bergsieg kündend.“ (Oskar Kühlken) Die letzten Kehren auf dem Oberen Keesboden ziehen sich. Bergsonne und Sonnencreme kämpfen in unseren Gesichtern um jede Hautzelle. Der leichte Pulverschnee bleibt auf der erwärmten Oberseite unserer Ski ungefragt kleben. Schwere Ski und zunehmend schwere Beine. In einem großen Linksbogen umgehen wir die Wechte des Gipfelgrats, um schließlich auf diesen zu gelangen. Die schmale Schneide führt uns direkt zum Gipfel, ein 360 Grad Bergpanorama umgibt uns. Von den Dolomiten bis zumWilden Kaiser, von den Zillertalern bis zum Hochkönig. Am Gipfelkreuz zwar keine Flintenschüsse, aber mit einem kräftigen Schluck Whiskey aus dem kleinen Flachmann stoßen wir auf unseren Gipfelmoment an. Timing ist alles - Pulverschwünge im Mai Ein sonniges, windstilles Plätzchen direkt unterhalb des Gipfelkreuzes lädt zum Verweilen ein. Unsere Gipfelrast aber fällt nur kurz aus an diesem Tag. Die beim Aufstieg für gut befundenen Verhältnisse währen aufgrund der tageszeitlichen Erwärmung nicht ewig. Felle ab, Schuhe verriegelt und schon gleiten wir den mühevoll erklommenen Gipfelhang hinab. VomWind gepresster Plattenpulver löst im oberen Teil nur verhaltene Begeisterung über die lang ersehnte Abfahrt aus. Die Venedigerscharte und somit die Einfahrt in die Nordexposition des Berges sollte schließlich unser Tor zur Pulver-Freude sein. Jeder Schwung staubt im Sonnenlicht, wir strahlen mit den Kristallen der feinen Pulver-Auflage um dieWette. Es sind gerade mal fünf Zentimeter frischer Schnee, der uns jubelnd zu Tale wedeln lässt. Fünf Zentimeter, für die es sich lohnt, früh aufzustehen und von denen wir während des bevorstehenden Sommers noch oft träumen werden. Im unteren Teil surfen wir auf bestem Frühjahrsfirn bis zum Obersulzbachsee und überqueren diesen in schneller Schussfahrt. Kaiserschmarren und Wurstsalat Zurück an der Materialseilbahn schwingen wir direkt vor unseren Bikes ab. Raus aus den dampfenden Skischuhen, die Hose wird hochgekrempelt und die Jacke im Rucksack verstaut. Die Mittagssonne hat den Frost des frühen Morgens längst verdrängt. Sprudelnde Bäche signalisieren auch hier oben das herannahende Ende eines langen Winters. Mit einem breiten Grinsen rollen wir den Forstweg hinab, die wehende Fahne an der Postalm lädt uns unmissverständlich zum ersehnten Einkehrschwung. Ob die Erstbesteiger hier ebenfalls Wurstsalat und Kaiserschmarren verzehrt haben, konnte der Autor dieses Textes nicht verifizieren. Es wäre ihnen zu wünschen gewesen! „Und wenn in den kommenden Jahren, wie nicht zu bezweifeln ist, Karawanen von rüstigen Steigern auf jenem Eisthrone hinaus schauen in die unendliche Aussicht, und das trunkene Auge, von der göttlichenAllmacht ergriffen, über den dunklenAether himmelwärts blicket, da mögen sie uns Bahnbrechern eine freundliche Erinnerung schenken…“ (Ignaz von Kürsinger) Lieber Ignaz, dieser freundlichen Erinnerung kannst du dir ganz sicher sein. Auf unserer Tour zur weltalten Majestät durften wir die Faszination um diesen Berg in aller Intensität spüren und einen unvergesslichen Tag im Hochgebirge erleben. Wir ziehen den Hut!

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