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Metanoia // Jeder hat eine Corona-Story


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Es ist Ende Februar/Anfang März 2020, ein großer Unbekannter mit dem Namen „SARS-CoV-2“ hat sich über die Alpen mittlerweile auch nach Tirol herangepirscht. Es gibt viele Gerüchte und Szenarien, was es mit dem Corona-Virus so auf sich hat. Noch weiß aber niemand genau, wie man damit umgehen soll – auch die Politik nicht. Die Aussagen schwanken zwischen „wie eine Grippe“ und „verheerende Pandemie“.

Noch bevor es zu ersten konkreten Maßnahmen kommt, brechen einige Mitglieder des Freeride-Kollektivs „Mountain Tribe“ auf, um ihren seit längerer Zeit geplanten Film zu shooten. Als Location dient eine alte Grenzhütte am Timmelsjoch zwischen Österreich und Italien. Beim Aufstieg ist noch alles locker und entspannt, doch dann werden jene Verschärfungen im Alltagsleben verordnet, die auch vor der Einsamkeit der abgelegenen Hütte nicht Halt machen.

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Hier erzählen zwei Akteure des Films, wie sie die Entwicklung erlebt haben und was sie mit ihrer letztendlich unter massiv veränderten Voraussetzungen entstandenen Produktion „Metanoia“ zeigen wollen. Vali Werner-Tutschku kommt ursprünglich aus Oberösterreich und fährt sensationell Ski. Er lebt seit ein paar Jahren in Innsbruck, wo er Sportmanagement studiert und Freeride-Filme produziert. Paul Schweller ist Regisseur (gemeinsam mit Florian Gassner) und Kameramann des Films. Er stammt aus München und hat dort 2019 sein Abitur gemacht.

Paul, du bist – gemeinsam mit Flo Gassner – Regisseur von „Metanoia“, einer sehr spannenden deutsch/österreichischen Co-Produktion über einen Freeride-Trip, der zu einem unerwarteten Abenteuer wurde. Du selbst bist erst 19 Jahre jung: Wie bist du zum Filmen gekommen und was fasziniert dich selbst am meisten an Freeride-Produktionen?

Paul Schweller: Ich habe selbst sehr viel Spaß in den Bergen und finde es extrem cool zu dokumentieren, was andere da draußen erleben.

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Die Planung für „Metanoia“ hat in einer anderen Zeit und anderen Welt begonnen, als Corona noch kein Thema war. Was war denn die ursprüngliche Idee für den Film?

Paul: Weil wir am Timmelsjoch so nah an der Grenze zwischen Österreich und Italien drehen, wollten wir Grenzen zum Thema machen. Aber auch, dass zum Beispiel die Freundschaft innerhalb unserer Gruppe Grenzen überwindet. Und wir wollten die Freundschaft zwischen dem Passeiertal und dem Ötztal darstellen.

Vali Werner-Tutschku: Ursprünglich sollte der Film ganz anders werden. Die Planung hat schon vor eineinhalb Jahren begonnen. Dass wir aber genau die Woche erwischen, in der die Situation mit Corona über Italien immer näher gekommen ist, war natürlich nicht so geplant. Und natürlich ist das alles nicht spurlos an uns vorbeigegangen und wir mussten damit umgehen und Corona zum Thema machen.

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Ihr sitzt heute als Vertreter des „Mountain Tribe“ hier, wie ihr eure Crew nennt. Wer gehört da neben euch noch dazu?

Vali: Florian Gassner ist der Kopf der Bande. Dann gehören Lukas Mühlmann und Manuela Mandl dazu, die bei diesem Projekt leider beide verletzt waren, sowie Martin Kogler und Moritz Ablinger. Dieses Mal war auch Andi Jenewein dabei, der eine Bereicherung für den Tribe war. Wir haben vor zweieinhalb Jahren begonnen, unter diesem Namen Filme zu produzieren.

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Was verbindet euch? Was macht euch zum Tribe?

Vali: Kennengelernt haben wir uns übers Contest-Fahren. Wir sind alle ziemlich im gleichen Alter. Was uns verbindet, ist die gemeinsame Liebe zum Berg. Das Ganze wollen wir für andere Leute darstellen, die vielleicht nicht so Berg-affin sind, die sich aber trotzdem an dem erfreuen, was wir so machen. Man sieht in „Metanoia“ sehr schön, wie gut ihr als Gruppe zusammenarbeitet und auch, wie ihr gemeinsam mit Stress- Situationen umgeht. Ohne zu viel spoilern zu wollen: Es gab schon beim Aufstieg eine ziemlich gefährliche Situation...

Paul: Einen Teil des Equipments konnten wir schon im Oktober auf die Hütte bringen, aber eben nicht alles. Deshalb hatten wir zwei Transportschlitten dabei, die wir vom Skigebiet in Obergurgl über einen Kamm hinüberbringen und auf der anderen Seite abseilen mussten. Und da ist uns schon beim Hochziehen der Schlitten des Fixierungsstand abgerissen. Dabei sind auf einmal beide Schlitten abgehauen und der Mascht (Anm.: Martin Kogler) ist noch im Seil gehangen. Aber zum Glück ist niemandem etwas passiert. Das war natürlich eine Schrecksekunde und daraus hat sich eine Diskussion, ob wir das Projekt überhaupt weitermachen oder ob wir schon an dieser Stelle abbrechen, ergeben.

Vali: Als ob das vielleicht schon ein Wink von irgendetwas Externem war, um zu zeigen: „Jetzt habt ihr noch einmal eine Chance. Wie macht ihr jetzt weiter?“ Wir haben direkt am Kamm noch einmal alles besprochen und entschieden, ob wir über die Bankerrinne absteigen sollen. Wir haben uns aber entschlossen, dass dem Projekt nichts im Weg steht. Deshalb haben wir mit Volldruck daran gearbeitet, dass wir die Schlitten runter und zur Hütte bringen.

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Um die Situation am Anfang des Films besser verstehen zu können, müssen wir uns noch einmal kurz in den März des Jahre 2020 versetzen. Nämlich genauer: Es ist Freitag, der 13. März: Es gab die ersten bekannten Corona-Fälle in Österreich, die Politik musste reagieren – und euer ganzes Projekt ist von Beginn an in Frage gestanden. Ihr wart euch selbst nicht sicher, ob ihr überhaupt starten sollt?

Vali: Ja, die ganze Situation war für uns schwer einzuschätzen.

Paul: Wir haben viel diskutiert im Vorhinein. Aber als wir gestartet sind, gab es noch keinen Hinweis auf einen Lockdown oder so. Wir hatten das Projekt ja schon länger geplant und haben uns von ein paar Fällen in Österreich erst einmal nicht einschränken lassen. Wir haben die Situation zu Beginn sicherlich lockerer gesehen, als wir es heute tun und deshalb zwar viel diskutiert, aber nie gesagt: „Wir machen das nicht.“

Vali: Es gab eine große Ungewissheit. Keiner hat gewusst, was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird. Das ist natürlich nicht an uns vorbeigegangen. Wir haben Tag für Tag überlegt, ob wir unsere Entscheidung ändern sollen. Zwei Tage vor dem Start haben wir schließlich entschieden, dass wir es durchziehen. Und wir stehen immer noch alle dahinter! Es war ja eine gute Zeit da oben. Trotzdem haben wir nach fünf Tagen, fünf erlebnisreichen Tagen, abgebrochen, also etwa zur Hälfte des geplanten Trips.

Paul: Es gab am Berg alle paar Stunden neue Diskussionen, in denen wir uns gefragt haben: „Waren unsere Entscheidungen bisher richtig? Müssen wir jetzt abbrechen?“ Wir haben auch nicht gesagt: „Wir ziehen das jetzt bis zum Ende durch, egal was passiert.“ Man sieht deshalb im Film, wie wir immer wieder diskutieren und dann agieren. Wir waren eigentlich überfordert, so etwas hat es ja noch nie gegeben. Wir wussten da oben nicht, was unten im Tal wirklich abgeht. Ich glaube, das macht den Film auch so interessant: Dass die Leute sehen können, wie wir unsere Entscheidungen treffen.

Es geht im Freeriden immer um die Eigenverantwortung. Zu Beginn des Films sieht man, wie die Lifte abgedreht werden – hättet ihr mit heutigem Wissen an dieser Stelle umgedreht?

Vali: Das Abstellen der Lifte war damals schon vorhersehbar, es ist nur ein paar Stunden früher geschehen als ursprünglich geplant. Aber wir waren immer in Kontakt mit der Liftgesellschaft, die uns sehr unterstützt hat. Im Nachhinein bewertet man solche Situationen natürlich anders. Aber für uns war klar: Wir sind da oben abgeschirmt von allem, was im Tal passiert. Trotzdem hat sich in den folgenden Tagen die Gesamtsituation geändert, vor allem war die Rettungskette unterbrochen und es wurde empfohlen, keine Skitouren mehr zu gehen. Damit war klar, dass wir einen Schlussstrich ziehen.

Paul: Wir haben ja nicht nur Nachrichten von Freunden bekommen, sondern waren auch in Kontakt mit der Polizei und den Gemeinden und haben gemeinsam darüber nachgedacht, wie wir handeln sollen.

Vali: Ich stehe hinter jeder Entscheidung, die wir in der Situation getroffen haben. Hätten wir all die Informationen gehabt, die wir heute haben, hätten wir vielleicht anders gehandelt.

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Welche Rolle hat bei euren Entscheidungen die Tatsache gespielt, dass ihr eigentlich einen Film drehen wollt?

Paul: Ach, da ist so viel zusammengekommen: Der Schnee war nicht gut und uns war bald bewusst, dass wir den geplanten Film gar nicht drehen können. Deshalb habe ich begonnen, unsere Diskussionen zu filmen, weil ich dachte: Das könnte recht spannend werden.

Vali: Nach dem Trip haben wir lange überlegt, ob wir überhaupt einen Film schneiden sollen.

Paul: So blöd das klingt, aber für den Film war Corona letztendlich ein Glück, denn wir konnten eine andere Story erzählen. Man sieht in dem Film sehr schön, wie nicht nur die Situation sich ändert, sondern auch ihr selbst. Am Anfang spielt Moritz auf seiner Gitarre in einer 40-Grad-Rinne den „Corona Blues“, gegen Schluss verschwindet diese euphorische Leichtigkeit. Tatsächlich fasst euer Titel „Metanoia“ diese Entwicklung perfekt zusammen...

Vali: Das Wort beschreibt unseren Sinneswandel. Es kommt aus dem griechischen und steht für die Entwicklung einer neuen Sichtweise auf verschiedene Dinge. Was wir mit dem Zuseher ja gemeinsam haben, ist die Story dieser Zeit. Jeder hat seine Corona-Story, seine Lockdown-Story. „Metanoia“ ist unsere.

Infobox

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Tickets und Infos: freeride-filmfestival.com

Deutschland 2020 // 22 Minuten

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Regie: Flo Gassner, Paul Schweller
Producer: Flo Gassner, Valentin Werner-Tutschku
Rider: Valentin Werner-Tutschku, Flo Gassner, Moritz Ablinger, Martin Kogler, Andi Jenewein
Location: Ötztal / Österreich

Wenige Tage vor dem Corona Lockdown im März 2020 bricht die Mountain Tribe Crew in die Ötztaler Alpen auf. Ziel ist eine alte Grenzhütte am Timmelsjoch. Dort wollen sie die Grenzen der Freundschaft ausloten. Doch das Unterfangen wird zum Grenzgang der anderen Art…




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