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Leaving Tracks


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Harald Philipp – vom Extrem-Biker zum umweltbewussten Lebens-Abenteurer

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Leaving Tracks – wir alle hinterlassen Spuren. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Zuhause in der Küche, auf dem Weg zur Arbeit, unterwegs zu un-serem nächsten Bike-Trip. Welche Art von Spuren es sind, liegt zu einem großen Teil an uns selbst. Bike-Bergsteiger und Bike-Abenteurer Harald Philipp hat viel darüber nachgedacht – und Konsequenzen gezogen.

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Fast immer ging es im Leben des 38-jährigen um Spuren. Um Spuren der Vergangenheit, denen er auf seinen Bike-Abenteuern folgte. Um Abdrücke, die er auf ausgesetzten Klettersteigen als Bike-Bergsteiger hinterließ. Auf all den Trips reifte in ihm eine Gewissheit: „Wir alle wissen, dass wir mit unserer Art zu leben unseren eigenen Lebensraum belasten, teils sogar zerstören. Die Einsicht, dass sich etwas ändern muss, ist bei vielen Menschen längst da. Aber wenn es um die eigenen Lebensgewohnheiten geht, tue ich mich genauso schwer wie die meisten“, sagt Harald. Seinen Bike-Trip nach Nepal nennt er einen „entscheidenden Moment der Wende“. Wochenlang hing der Smog wie ein brauner Nebelschleier über dem südlichen Himalaya. „Mir wurde klar“, sagt Harald, „auch ich bin dieser Smog.“

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„Meine Abenteuer müffelten nach Weltverbrauch“

Sich selbstkritisch zu hinterfragen, ist das eine. Die eigene Abenteuerlust zu zügeln und sich nicht in den Flieger zu setzen, ist eine ganz andere Nummer. „Meine Weltreichweite schmeckte nicht mehr nach Abenteuer, sie mü˜elte nach Weltverbrauch. Doch ich raste immer weiter, immer höher, immer schneller“, blickt Harald zurück. Immer wieder findet er sich in einem Zustand innerer Gespaltenheit zwischen seinen Ansprüchen und eigenem Tun wieder. Er erkennt: „Bewusstsein alleine bringt nichts, wenn ich nicht entsprechend handle. Aber wie komme ich zum Handeln?“
Im März 2020 drücken Harald und Katha den Stopp-Knopf. Sie machen sich auf den Weg nach Ligurien. Das Auto vollgepackt mit dem Nötigsten aus ihrer Innsbrucker Wohnung, Satellitenschüssel fürs Internet inklusive. Ein abenteuerlicher Trip durch Grenzsperren beginnt. Eigentlich suchen die beiden nur einen Ort, um dem ersten Corona-Lockdown zu entkommen. Ihr Ziel: ein halb verfallenes Steinhaus in den italienischen Südalpen, das Harald vor einigen Jahren als kleine Fluchtburg gekauft hat, um zwischendurch vom Alltag zu entschleunigen. „Kein fließendes Wasser, aber die besten Trails Liguriens vor der Haustür“, beschreibt Harald das kleine Paradies. Doch selbst hier wirft Corona die beiden aus der Bahn: keine Reisen, keine Vorträge. Keine Events für Katha, die sich als Eventmanagerin selbständig gemacht hat.

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Romantische Träume und harte Arbeit im Bike-Paradies Ligurien Haralds und Kathas Leben steht Kopf. Sie fassen einen Plan. Für beide beginnt ein Abenteuer 24/7 – mit offenem Ausgang. Die alte Hütte soll ihr neues Zuhause werden. Ein Haus, das noch unzählige Stunden harte Handarbeit davon entfernt ist, ein angenehmes Zuhause zu sein. Eine neue Heimat in einer Region, deren Sprache beide anfangs nur bruchstückhaft sprechen. Für die E-Bikes, die sie mitgebracht haben, bleibt anfangs wenig Zeit.
Zwei Jahre leben Harald und Katha nun schon in den ligurischen Bergen. Zeit zu schauen, was aus ihren Plänen, dem Haus und dem Acker dahinter geworden ist – und natürlich auch, welche Spuren sie mit den E-Bikes hier mittlerweile hinterlassen haben. Das Valle Argentina im Hinterland von Imperia wird enger, die Schlucht neben der Straße tiefer. Hoch darüber thront ein einsames Bergdorf. Die Mauern der Häuser verschmelzen mit dem Berg. Wie eine Kulisse aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Noch ein Stück weiter in diesem herb romantischen Nirgendwo liegt das Häuschen der beiden. Mit Rechen und Harke bearbeiten Harald und Katha gerade ein kleines Feld am Rand des Grundstücks. Ein Huhn flattert hektisch davon. Hirtenhund Momo tollt bellend durch die Wiese. Hinter den Hügeln am Horizont schimmert als blass türkiser Streifen das Mittelmeer. Die Zwei scheinen angekommen zu sein in ihrer neuen Heimat. Ein grünes Paradies?

„Ehrlich gesagt, wir hatten keine Ahnung …“

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„Komm, wir setzen uns“, sagt Harald. Er nimmt mit Katha auf einer Holzbank an der Hauswand Platz und beginnt zu erzählen. Von der Realität des Lebens in einer 300 Jahre alten Ruine ohne Heizung und fließendem Wasser. Davon, dass aus der „Woche voller Sonntage“, die ein Aufenthalt hier für Harald früher mal war, eine „Woche voller Werktage“ wurde. Davon, wie schmerzlich es war, die Überreste der Kaffeemaschine und der Sound-Anlage aus dem Schlamm zu bergen. Sturm „Alex“ verwüstete im Oktober 2020 in Norditalien ganze Dörfer, zerstörte Gebäude und Brücken. Die Überschwemmung demolierte auch den Schuppen, in dem Harald und Katha die Hälfte ihres Hausstandes eingelagert hatten. Ein brutales Zeichen des Klimawandels. Ein herber Dämpfer. Doch gleichzeitig fühlen sich Harald und Katha dadurch bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein – mag der Neustart in den Bergen an der italienisch-französischen Grenze noch so tough sein.
„Ehrlich gesagt, wir hatten keine Ahnung, was es bedeutet, unsere komfortable Wohnung in Innsbruck zu verlassen“, meint Katha. „Vier Wochen Auszeit, das ist etwas anderes als anderthalb Jahre ohne fließendes Wasser zu sein. Jederzeit in den Supermarkt ums Eck gehen zu können, ist eine andere Nummer, als Getreide und Kartoffeln selbst anzupflanzen und bangen zu müssen, ob die Ernte ausfällt. Es gib kaum noch einen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit.“ Auch Anflüge von Lagerkoller sind beiden nicht fremd. „Kurzfristig hilft es, einfach mal rauszugehen“, meint Katha. „Langfristig ist es eine Frage, wie gut es dir gelingt, deinem Partner mit Respekt zu begegnen und Kompromisse zu finden. Dafür müssen beide hundertprozentig hinter dem Projekt stehen, wirklich ein anderes Leben führen zu wollen.“

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Trailbau – der Türöffner zu den Einheimischen

Zufrieden wirken beide trotz der Härten, die der Alltag für sie bereithält. Italienisch ist mittlerweile keine Fremdsprache mehr. Und nachdem sich der Bürgermeister selbst in den Bagger gesetzt hat, können Harald und Katha endlich zu jeder Tageszeit warm duschen. Sich als Restaurateure alter Bergpfade einzubringen, hilft den beiden, sich im Tal zu integrieren. Harald will die Menschen kennenlernen, aber auch sich selbst. Sein Tool dafür ist sein Mountainbike. Hier ist es nicht anders. Der Trailbau funktioniert als Türöffner zu den Einheimischen. „Lokale Legenden wie der 90-jährige Luigi haben uns von alten Eselwegen erzählt, die längst verfallen sind. Wir haben sie wieder instandgesetzt“, erzählt Harald. „Bei uns zuhause bekämst du mit solchen Aktionen Ärger. Hier freuen sich die Menschen.“
Das E-Bike ist für Harald und Katha längst Alltagsfahrzeug und Sportgerät in einem. Der Weg zum Einkaufen ist ein großartiger 45-minütiger Trail-Ride. „Die Region ist voll von Wegen, die es offiziell nicht mehr gibt“, grinst Harald. „Sie wieder zugänglich zu machen, ist mein neues Abenteuer.“ Wie ein Wolf kommt er sich bisweilen vor, der sein Revier immer weiter erkundet. Längst hat er bei Freunden in den Orten im Tal Akkus deponiert. „Im Umkreis von drei Akku-Ladungen kann ich hier ein Leben lang spielen.“

„Ich habe eine neue Lebensqualität entdeckt“

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Spielerisch sieht Harald mittlerweile auch die neue Lebensweise. „Wir sind keine Aussteiger. Wir sind nicht so einsam, wie man das vermuten mag. Im Gegenteil. Hier leben zwar nur wenige Menschen. Aber zu diesen wenigen haben wir mehr Kontakt als früher in der Stadt. „Regelmäßig zusammen Essen, Kochen, … das mag ein wenig altmodisch klingen, zeigt aber, welch enorme Qualität das Miteinander hier hat.“ Harald und Katha sind nicht die Einzigen, die es ins verlassene Valle Argentina zieht. „Mittlerweile kommen wieder mehr junge Menschen in die fast ausgestorbenen Bergdörfer zurück. Eine neue Gemeinschaft entsteht“, beobachtet Katha. „Wir sind Mitgestalter dieser Zukunft.“ Harald zeigt Bilder von der Kartoffelernte auf dem eigenen Acker. „Wir leben umweltbewusst, aber wir übertreiben es auch nicht“, meint er. Womöglich sei genau das der Schlüssel zu einem weniger zerrissenen Leben. „Nichts ist dogmatisch. Wir essen vegetarisch, grillen aber auch mal Fleisch, wenn wird eingeladen sind. Kleinere Versorgungsfahrten erledigen wir mit dem E-Bike, angetrieben von Sonnenlicht. Zum Großeinkauf geht’s immer noch im Auto in die Stadt.“ Auf seiner ersten längeren Vortragstour nach all den Lockdowns ist Harald per Bahn und Bus durch Deutschland und Österreich getourt. Es ist frisch geworden draußen. Harald schürt den Holzofen ein. Auch jetzt denkt er immer wieder über die Auswirkungen seines Lebensstils nach. „Als Mensch wirst du immer Spuren hinterlassen“, hat er längst erkannt. Die Frage sei nur, welche Art von Spuren du zurücklassen möchtest. „Gute Spuren können zu spannenden neuen Wegen werden.“
Katha erzählt von den Hühnern, die sie künftig besser vor dem Fuchs schützen müssen. Von der misslungenen Getreideernte im vergangenen Sommer. Natürlich gäbe es Rückschläge, meint Harald. „Viele setzen die Idee nachhaltiger zu leben zu sehr mit Enthaltsamkeit und Rückschritt gleich, aber …“ – Harald schüttelt den Kopf – „… Verzicht ist nicht das, was ich wahrnehme. Der Spaß im Leben ist nicht, ganz oben sein, sondern eine Stufe nach oben zu nehmen.“ Verantwortung zu übernehmen, ist für Katha und Harald mit entscheidend dafür diesen Step zu tun. Dabei spüren sie Tag für Tag: „Sich dieser Verantwortung aktiv zu stellen, bedeutet nicht weniger, sondern mehr Freiheit!“ Momo bellt und tollt über die Wiese. Er will spielen. „Sorry, ich muss mich mal um unseren Hund kümmern“, meint Katha augenzwinkernd. Dass manche sich nach Corona genau das Leben zurückwünschen wie zuvor, komme ihr mittlerweile seltsam vor. „Im Leben kommt es doch darauf an, sich weiterzuentwickeln.“ Wie viel Spaß das machen kann, haben Harald und Katha zusammen mit Momo und den Hühnern in den vergangenen zwei Jahren erlebt – trotz mancher Rückschläge. Und der Spaß ist noch nicht zu Ende. Harald ist sich sicher: „Das neue Abenteuer hat gerade erst begonnen.“ Noch viele positive Spuren will er dabei hinterlassen: E-Bike statt Auto. Trailbau statt Fernreisen. Integration statt Expedition.

Tour Termine
TOUR TERMINE Premiere von Harald Philipps neuem Vortrag „Leaving Tracks“ wird am 13. November 2022 in Bad Tölz sein.
Alle Termine und News gibt’s online auf www.leavingtracks.live.

Text: Christian Penning / Foto: Markus Greber & Stefan Voitl




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