bergstolz

Iskold - Von Dänemark ins Zillertal


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Kalt, eiskalt: Ich spüre meine Hände und Finger gar nicht mehr. Ich fühle mich gerade wie der letzte Anfänger. Nichts klappt so, wie es sein sollte und ich merke, dass mein Plan schwieriger in die Tat umzusetzen wird, als vorher gedacht - erstmal ein warmer Tee im Van zum Aufwärmen… Aber was mache ich hier eigentlich mitten im Januar?

Unter Freeridern in den Nordalpen sorgt der Begriff für leuchtende Augen: Nordstau. In der Regel sorgt diese Staulage dafür, dass sich dicke Wolken über dem nördlichen Teil der Alpen entleeren und für jede Menge weißes Gold sorgen. Nicht selten kommen diese Wettersysteme aus Norden oder Nordwesten angerauscht. Und das beschert den Meeren im Norden Europas immer wieder starke Winde und viel Welle. In der Regel dauert es ab dann noch ein bis zwei Tage bis der Freerider seine Spur in den weißen Schnee schneiden kann. Und so entstand die Idee, genau dieses Wetterphänomen zu verfolgen: Wind und Welle im Norden nutzen und dann in den Bergen möglichst optimale Verhältnisse zum Skifahren finden.

Idee geisterte schon länger in meinem Kopf herum. Im Sommer bin ich nicht zuletzt wegen meiner Frau, die aus Kiel kommt, am Wasser und versuche meine Skills im Windsurfen zu verbessern. Somit stand der Plan: An der Küste Windsurfen und im direkten Anschluss dasselbe Wettersystem zum Freeriden nutzen. Also los gehts mit der Recherche: Den Nordstau zum Skifahren zu nutzen ist ja quasi in jedem Winter immer wieder das Ziel und nicht unbekannt für mich. Das Windsurfen im Winter machte mir da mehr Kopfzerbrechen. Also hieß es, Infos bei Experten einzuholen, die sich mit der Materie besser auskennen.

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Schnell war klar, dass Klitmøller im Norden Dänemarks wohl der optimale Spot für mich sein sollte. Gute Wellen, die Windrichtung passt in der Regel optimal zum Nordstau in den Alpen und mir wurde versichert, dass die Bretagne oder auch Irland im Winter bei einem wirklichen Sturm für meine Skills einfach zu heftig werden können. Ok, dann also Norddänemark. Und die Kälte: Handschuhe, Haube, dicker Neopren und gute Schuhe. Dann sollte das doch wohl irgendwie möglich sein?

Es galt nun die richtige Crew zu finden. Michi Bernshausen als mein Haus- und Hoffilmer war direkt angetan von der Idee und mit Simon Beizaee fanden wir einen motivierten Fotografen für das Projekt. Wichtig war mir auch, dass meine Frau Lotta die ganze Zeit mit dabei war. Als Seglerin hat sie am Wasser einen super Überblick und auch am Berg geht es nicht zuletzt auch um Sicherheitsaspekte, dass man nie irgendwo alleine steht. Wie bei jedem Projekt geht es dann auch darum, die Sponsoren von der Idee zu überzeugen. An der Stelle gilt der Dank K2, Pyua und ABS. Hinzu kam mit Hymer noch ein entscheidender Partner, denn uns war klar, dass wir möglichst spontan sein müssen. Ein Van, in dem wir inklusive unseres Equipments alle Platz haben sollten und auch spontan überall übernachten können, vereinfachte das Unternehmen enorm.

Auch war uns allen klar, dass wir nicht einfach los starten können um zu hoffen, dass das Wetter schon passt. Wir setzten uns ein Zeitfenster von sechs Wochen und für mich stand jeden Morgen ein intensiver Blick in die Wetterberichte auf dem Plan. Etwas unrealistisch fühlte es sich dann Mitte Januar an, als es dann los gehen sollte. Und dann war da ja auch noch Corona. Zwar hatten wir alle Formulare, die uns die Einreise nach Deutschland und Dänemark ermöglichen sollten, aber zu dieser Zeit wusste ja niemand so recht, was dann wirklich an der Grenze abgeht. Ein Anruf bei einem Dänischen Windsurfkollegen half dann auch nicht wirklich: „You won´t enter Denmark at this stage of corona“, puh, danke fürs Mut machen.

Was nun? Einfach los und schauen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch ging es dann auf die Bahn. Die Einreise von Österreich, unserer Wahlheimat, nach Deutschland war einfach, da wir glaubhaft versichern konnten, dass wir nur durchreisen wollten. Circa 12 Stunden später um 3 Uhr nachts dann die Dänische Grenze. Wer diesen Wegpunkt in der Nähe von Flensburg aus dem Sommerurlaub kennt, weiß, dass es hier gerne mal zu Stau kommen kann. In dieser Nacht galt hier nicht zuletzt aufgrund des Virus, der unser aller Leben verändert hat, gähnende Leere. Scheibe runter und der dänische Grenzer, der vom Alter her knapp vor der Pension sein müsste, fragt: „Where are you guys travelling?“ - „Klitmøller“. Ein Strahlen macht sich auf seinem Gesicht breit: „Best wind and waves in Denmark! Enjoy!“

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So einfach war es dann und am nächsten Morgen sah ich mich schon völlig übermüdet, aber top motiviert bei meiner ersten Session auf dem Wasser. Bei der Ankunft zeigte sich das Meer von seiner wildesten Seite. Hohe Wellenberge und wirklich strammer Wind ließen mich schon etwas stutzig werden und der Respekt kam hinzu. Wenn man sich etwas schlau macht, dann erfährt man, dass die Überlebenschance im kalten Wasser schon nach ein paar Minuten drastisch sinkt, falls wirklich etwas schief gehen sollte. Die erste Session verlief dann auch wie in der Einleitung beschrieben - eher mäßig, um die Sache mal positiv zu beschreiben.

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Dennoch raffte ich mich zu noch einer weiteren Session auf und es ging auch ein wenig besser – wenn auch nicht wie ich mir das vorgestellt hatte. Die Shots sind einfach nicht so geworden wie ich mir das in meiner Traumwelt vorher ausgemalt hatte. Aber fünf Grad Wassertemperatur und die Luft leicht darunter ziehen einfach brutal an den Kräften.

„Es war eher der Kampf, der es ausgemacht hat.“ Das Statement steht nach meiner eisigen Session im Nordmeer. Ich bin heilfroh wieder unversehrt im Auto zu sitzen. Auch dass ich der einzige Windsurfer im Wasser bin, war wohl ein Zeichen, dass die Verhältnisse nicht ganz so komfortabel waren, wie ich mir das vorher ausgemalt hatte. Egal, abhaken, jetzt geht es endlich in die Berge – und das ist mehr mein Metier.

Aber auch hier gestaltet sich die Vorhersage etwas komplizierter als erhofft. Es ist der Wind: Der Schnee soll mit ordentlich Druck in der Luft kommen, was den ohnehin in diesem Winter miserablen Schneedeckenaufbau mit ordentlichen Triebschneepaketen noch gefährlicher machen wird: Warnstufe 4!

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Wir sitzen im Van und beratschlagen, wie es in den nächsten Tagen am besten weiter gehen soll: Abwarten! Es bleibt nur eine Möglichkeit. Wir müssen geduldig sein und etwas warten. Die Gefahr ist einfach zu hoch und wir finden auch keine Region in den Nordalpen, wo es besser, also stabiler, aussieht. Auch deshalb fahren wir erstmal in Richtung Zillertal. Hier kennen wir uns am besten aus und vermuten zumindest in zwei bis drei Tagen etwas sicherere Verhältnisse für unsere Aufnahmen zu finden, sobald die Gefahr etwas zurück gegangen ist.

Am nächsten Morgen geht es nach einer ordentlichen Mütze Schlaf auf den Berg. Und der Warndienst schien recht zu behalten. Selbst in wirklich flachem Gelände neben der Piste rutscht der Schnee in quasi jeder Exposition. Wir bleiben also bei dem Plan und warten weiter ab. Es soll kurz etwas wärmer werden und aufreißen und dann noch mal eine Ladung Schnee kommen – dieses Mal nicht ganz so viel Wind. Der Lagebericht verspricht eine kleine Verbesserung in den nächsten Tagen. Dennoch bewegen wir uns vorsichtig im Gelände und bleiben im wirklich flachen Terrain. Das schlechte Wetter treibt uns dabei in die Bäume – ein Irrtum, dass man hier vor Rutschern sicher ist. Der Schnee ist bei wenig Geländeneigung fast zu tief, als dass man auf Fahrt kommt. Dennoch ist die weiße Pracht eine echte Belohnung fürs Auge und der ein oder andere ordentliche Schwung kam auch vor die Linse. Glücksgefühle. Ein Powdertag im Wald ist einfach durch nichts zu ersetzen. Vielleicht durch einen Powdertag bei Kälte und Sonne. Und so werden wir abschließend dennoch belohnt.

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Nach zwei Tagen im Wald und nachdem wir alles zerpflügt hatten, was nach unserer Meinung sicher war, reißt es endlich auf und wir können höher hinaus. Tag eins mit Sonne muss jedoch auch noch in mäßig steilem Gelände stattfinden, bevor die Lage sich weiter verbessert und wir Lines fahren können, die wir schon länger geplant hatten. Es ist Balsam auf die Seele nach dem harten Kampf im eiskalten Nordseewasser. Aus eiskalt wurde dann auch unser Filmtitel – Iskold sagt der nette dänische Grenzer, wenn es ihm in der Nachtschicht mal wieder frisch um den Bart wird.

Ob ich noch mal im Januar in die Nordsee springen würde? In diesem Winter sicher nicht, aber wer weiß was kommt. Und es ist wie mit vielen Abenteuern: Währenddessen ein Kampf und rückblickend bereichernd und wunderschön.

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Infobox

FELIX WIEMERS
Felix ist als Freerideprofi schon viele Jahre in der Szene und auf den Bergen dieser Erde unterwegs. Nach seiner Contestkarriere wandte er sich mehr und mehr dem Filmen zu und war in den letzten Jahren in einer Vielzahl von Freeride-Movies zu sehen.
Neben dem Turnen und Skifahren ist er begeisterter Windsurfer und Mountainbiker.
www.lynxfreeride.com
www.facebook.com/felixskier
www.instagram.com/felixwiemers

SIMON BEIZAEE
Der Fotograf, Storyteller und Mitbegründer von theoutsidefactory.com sieht seine Aufgabe darin, visuelle Momente zu schaffen und einen Augenblick so authentisch wie möglich festzuhalten. Dabei ist es ihm wichtig, Projekte von Beginn an zu begleiten, um das jeweils bestmögliche Ergebnis zu erzielen.
www.simonbeizaee.com
www.instagram.com/simonbeizaee_photographer

MICHAEL BERNSHAUSEN – MIDIAFILM
Seit 2013 dreht und produziert Michael Bernshausen mit seiner Firma Midiafilm sehenswerte Freeridefilme, darunter „Characters on Skis“, „Wishes and Reality“ oder „Der Tiroler und sein Piefke“.
www.midiafilm.com




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