bergstolz

Graubünden


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In Küblis angekommen erleben wir die nächste Überraschung. Im Stundentakt versorgen die Busse vom Bahnhof aus die höher gelegenen Ortschaften. Und um dem Wind und Schnee nicht ausgesetzt zu sein, gibt es einen verglasten Warteraum. Der ist beheizt und wir sehen dem einsetzenden Schneefall und den tanzenden Flocken zu. Ein pensionierter Ingenieur verkürzt uns die Wartezeit und erzählt uns spannende Geschichten von der Bahn und den aktuell erwarteten Schneemassen – unsere Mundwinkel wandern nach oben.

Unser Poschti bringt uns in vielen Kehren den Berg rauf und mit jedem Meter wird der Schnee mehr. “Hier hats aecht Winter und da chkommt noch mär Schnee", meint der Busfahrer schmunzelnd. Als wir in St. Antönien aus dem Bus gestiegen sind und dieser im Schneetreiben verschwindet ist es plötzlich ruhig, ganz ruhig. Allein die einzelnen Straßenleuchten tauchen diesen tiefverschneiten Bergort in ein wahres Wintermärchen.

Im „Gemsli“ begrüßen uns Mohammed und Tanja und weisen uns den Weg in unser Zimmer. Es duftet nach Holz und ist gemütlich. Wir bekommen einen Tisch am großen Fenster und ein fulminantes Menü. Selten hatten wir eine entspanntere Anreise. Am nächsten Morgen ist es vorbei mit der Entspannung. Es hat die ganze Nacht geschneit – so wie wir es fast nicht mehr kennen! Am örtlichen Lift begrüßt uns der Bergführer Michi Senn. Er zeigt auf der Karte unser lohnendes Ziel: Das 2.195 Meter hohe Chrüz und wir klicken in unsere Bindungen. Nach dem Gruppentest und Check geht´s los.

Durch tiefverschneite Bergwälder geht es langsam aufwärts. Ich falle heute zurück, es will nicht richtig laufen. Da und dort hacklt der Schuh und auch der Stock will nicht halten, der Rucksack nervt und überhaupt. Nur die Ski, die spüre ich fast nicht. Durchbeißen und weiter - mir kommen Flüche aus. Während Julia von Michi viel Interessantes zum Gebiet von St. Antönien und den zahllosen Möglichkeiten erfährt, lasse ich mich zurückfallen und ringe mit meinen Widrigkeiten. Ich beschränke mich darauf, die verschneiten Tannen zu genießen und mich mit fotografieren abzulenken und ich lenke meinen Fokus auf den Ski. Ich bin dankbar, dass mein Helio trotz der Breite und Länge so leicht ist.

500 Meter unterhalb des Gipfels verlassen wir den schützenden Bergwald und der Wintersturm erwischt uns mit voller Wucht. Schneeflocken und Eiskristalle martern das Gesicht und wir vermummen uns zusehends. Der Wind wird immer stärker und allen Anstrengungen zum Trotz kommen wir nicht mehr ins Schwitzen. Unser Bergführer entschließt sich, hier abzubrechen und deutet uns eine weitaus genussvollere Abfahrtsvariante an – bei der allerdings noch ein Gegenanstieg mit ins Spiel kommt. Also packen wir die Felle unter den Anorak, den obligatorischen Gang hinter den Baum verschieben wir freiwillig auf später. Michi fährt vor und legt die Spur. Die Sicht ist so diffus, dass ich mich frage, ob ich rauf oder runter fahre – mein erster Schmunzler. Nach einigen Stolperern in den versteckten Schneewechten läufts und dann hat uns auch der Bergwald wieder und eine wunderbare Lichtung mit guter Sicht und idealem Gefälle tut sich vor uns auf. Wir genießen den Graubündner Pulverschnee und es geht im Schuss nach unten. Rein in den Wald und kurz vor dem Baum entspannt überlegen, ob man rechts oder doch links rum schießt – mit dem 115er unter der Bindung kein Problem - zurück auf die Lichtung, zwei, drei größere Schwünge, Ski quer stellen und den Schnee im Gesicht spüren. Keine Anstrengung, nichts. Eine tolle Pulverabfahrt zeichnet sich ins Gedächtnis. Wir stellen hier und in den weiteren Tagen fest, dass sich ein lokaler Bergführer immer auszahlt. Also der Gegenanstieg... Michi lenkt unseren Blick auf das nahende Ende und auf die anschließende, grandiose Abfahrt im Pulverschnee. In der Ferne hören wir den örtlichen Lift, an dem die Dorfkinder lachen, Schanzen bauen und ihre Spuren in den Schnee ziehen. Ich ziehe auch Spuren und die Mundwinkel ziehts bis zu den Ohren. Als wir St. Antönien an diesem Nachmittag verlassen – unser Bergführer nimmt uns dankenswerter Weise mit ins Tal und bringt uns zum Bahnhof - kaufen wir beim lokalen Supermarkt noch den unverzichtbaren Proviant für die nächsten Tage: Ovomaltine Schocki.

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Nächster Halt Davos:
Wir steigen in Küblis wieder in die Rhätische Bahn, reisen tiefer nach Graubünden. Das große Davos erwartet uns und je weiter wir fahren, desto winterlicher wird es. In Klosters steigen Engländer zu, denen der Bergführer, die Parsenn und ihr Schnee ein ordentliches Grinsen ins Gesicht gezeichnet hat. Weiter im gemütlichen Tempo zieht dichtes Schneetreiben an unseren Fenstern vorbei und nach einer entspannten Reise kommen wir nach Davos. Mit unseren Skis auf der Schulter und unserem minimalen Reisegepäck stapfen wir über die tiefverschneiten Straßen. Man wird den Schneemassen fast nicht Herr, aber die Poschtis fahren! Unser Ziel ist das legendäre Morosani Posthotel, genannt Pöschtli - es sollte sich schnell zeigen, dass wir eine gute Entscheidung getroffen haben, ein paar ordentliche Sachen für den Abend einzupacken. Aus dem Zimmer blicken wir auf die Kirche, von den Bergen sehen wir absolut nichts. Die Wolken laden Schneeflocken ab was geht, und offensichtlich geht viel! Am Abend werden wir von Aurelia Schmid vom Tourist Board Davos an der Hotelbar empfangen und besprechen in fröhlicher Runde das Programm – es soll weiter schneien. Anschließen sind wir zu Gast im Restaurant des Hotels und genießen die exzellente schweizerische Gastlichkeit und die Perfektion der Küche und des Weinkellers. Zweiter Tag, Davos. Wie Sie sehen, sehen Sie nichts und warum Sie nichts sehen, werden Sie gleich sehen! Unser Bergführer David Hefti kommt zu uns in Hotel und wir besprechen beim Frühstück den gemeinsamen Tag – der Koch meint, dass Beluga auf Wachteleier hervorragend für Skifahrer sei und Rührei gut zum Earl Grey passe – und David sagt, dass derzeit nur eingeschränkter Seilbahnverkehr gehe. Zwinkernd meint er, es sei schade, dass wir nicht auf die Klassiker hoffen können, aber für seinen Spielplatz reiche die erste Sektion - er sollte Recht behalten! Nach dem Verlassen der Jakobshorn-Gondel fahren wir also vorsichtig in den Hang und merken, dass alles über 30 Grad an diesem Tag keine gute Idee ist. Selbst bei kleineren Abschnitten entstehen sofort Spinnenbeine und Risse und größere Blöcke rutschen ab. Als wir den Wald erreichen wird es aber noch richtig fantastisch und zwischen lichten Baumreihen haben wir mehr als hüfttiefen kalten Pulverschnee. Powdersmiles ohne Ende! Der Autor stellt sich ziemlich schnell als naturverbunden raus – eine seltene Aufnahme des wurzelsuchenden Skifahrers springt dabei raus.

Am Nachmittag öffnet dann doch noch die erste Sektion der Parsennbahn und dank unserem Bergführer sind wir auch hier die Ersten und bleiben lang die Einzigen. Bis in den Nachmittag erleben wir so, was auch bei schlechtem Wetter in Davos möglich ist, und unsere Fantasie dreht bunte Filme, als David uns fragt, ob wir uns jetzt vorstellen können, was erst möglich sei, wenn das Wetter dann gut ist. Während wir zum Bahnhof gehen, entscheiden wir schon jetzt, dass wir wiederkommen werden.

Nächster Halt: Disentis
Als wir Davos mit dem Zug verlassen, klärt uns der freundliche Zugsschaffner auf, dass die Strecke retour nach Klosters schon seit in der Früh wegen Lawinen geschlossen ist und man nur noch via Chur rauskommt. Endlich eine lange Zugfahrt voraus und der berühmte Landwasserviadukt! Zwei Stunden später erreichen wir nach vielen Geschichten und eindrucksvollen Landschaften, besonders denen des Oberrheins, Disentis/Muster, unterhalb des mächtigen Klosters. Hier verlassen wir die Rhätische Bahn und steigen in die Matterhorn-Gotthard-Bahn um, nach Acla da Fontauna. Wir sind im romanischen Teil Graubündens angekommen. In Acla da Fontauna hält der Zug nur auf Wunsch. Wir stehen im Schneetreiben auf einem einzelnen Bahnsteig, der Mond lässt die Schneeflächen weit über uns leuchten. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg in unsere Unterkunft für die nächsten zwei Tage: Das Nangijala mitten in Disentis. Man betont übrigens Disen-TIS, das lernen wir schnell. Im Nangijala schlägt das Freeride-Herz des Ortes: An der Bar treffen sich die Liftangestellten genauso zum Feierabendbier wie die lokalen Freerider. Schnell kommt man ins Gespräch: Wo der Schnee gut war, wo was runtergekommen ist, welcher Lift erst später öffnen wird. Wir stärken uns mit einem Burger, an dem sogar das Ketchup selbstgemacht ist und müssen aufpassen, dass wir uns nicht verratschen. Schließlich ist für den kommenden Tag Bluebird und unser Guide früh angesagt. Am nächsten Morgen marschiert David Berther bestens gelaunt ins Nangijala, um uns abzuholen. Heute werden wir zu viert unterwegs sein, denn Fotograf Folkert Lenz hat sich uns ebenfalls angeschlossen. Schon am Vorabend war klar, dass das Lawinenbulletin einen 4er ausgeben wird und dementsprechende Zurückhaltung angesagt sein wird. Das tut Davids guter Laune keinen Abbruch: „Hopp hopp, dr Lift läuft glei!“ Mit der Pendelbahn Disentis – Caischavedra geht’s nach oben. Die wenigen Lifte erschließen ein riesiges Areal, das uns David erklärt, während wir darauf warten, dass der Sessellift öffnet. Er scheint nicht weniger aufgeregt als wir: „Isch super, Gäst an em Powderday, die Skifahren könna! Da kann is au mol krachen lassen.“ Und das tut er: So schnell, dass wir es kaum mitbekommen, hat er sich die First Line unterm Lift geschnappt. Links und rechts fallen die Locals gemeinsam mit uns über den Rest an frischem Pulver her. Mit dem nächsten Run bringt uns David raus aus dem Gebiet und zeigt uns Disentis Deluxe: Die Cungieri Abfahrt nach Sedrun, und danach Val Segnas, Val Pintga und Val Acletta hinunter nach Disentis. Wir finden fluffigsten Pulver, ziehen unsere Turns zwischen meterhohen Felswänden. Am Rückweg ins Nangijala treffen wir noch Davids Frau, die lachend meint, dass er wohl einen furchtbaren Tag gehabt haben müsste, denn „Skifahrn tuet er gar net gern…“ Wir genehmigen uns einen Feierabend-Chübel im letzten Licht des Tages, bevor wir uns zum Abendessen mit Simona Barmettler, bis Oktober Direktorin von Disentis Tourismus, treffen. Simona passt zum Ort wie die Faust aufs Auge: Ständig geht ihr Bergrettungs-Piepser und sie ist dabei, alle 3.000er der Schweiz zu besteigen. David und Folkert kommen ebenfalls noch vorbei und wir verbringen einen letzten Abend, wie man ihn sich nicht besser wünschen könnte: Wie langjährige Freunde. Am nächsten Morgen stehen wir im strahlenden Sonnenschein an der Bahnstation Acla da Fontauna und lassen die beeindruckende Bergwelt nochmals auf uns wirken. Als sich die Matterhorn-Gotthard-Bahn nähert, steigen wir schweren Herzens ein und lassen Disentis hinter uns. Über Chur geht es zurück nach Landquart. Wir hängen unseren Gedanken nach, und ohne es abgesprochen zu haben, sagen wir noch vor dem Ausstieg gleichzeitig: „Aber das nächste Mal fahren wir komplett mit der Bahn!“

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