bergstolz

Going Big [5] in Engelberg


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„If I´d ride in Spyder, I have to ducktape the logo”

Solche Sprüche musste sich Chris Davenport anhören, als er letztes Jahr versucht hat, ein paar Rider für „sein“ neues Spyder Freeride Team zu verpflichten. Auf der ISPO präsentierte Spyder dann seine Freeridejacken und Hosen mit „überklebten“ Logos. Ob sich die Story wirklich so zugetragen hat, oder das ganze nur ne coole Marketingidee der Jungs aus Boulder war, beantwortet Chris auf der Terrasse der Ski Lodge in Engelberg, mit einem Bier in der Hand und einem fetten Grinsen im Gesicht, „of course it did“.

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Endlich da! Eigentlich hab ich mir fest vorgenommen in der Schweiz nicht mehr Auto zu fahren. Man fährt zwei Stunden auf der Autobahn, aber das Ziel will und will nicht näher rücken. Und dieser Trip hat schon besonders schlecht angefangen: Beim Zusammenwerfen meines Equipments, werfe ich noch einen schnellen Blick auf die Einladung und die „Packliste“: Klettergurt, Prusik, Abseilgerät, Steigeisen, Eisgerät. Zefix! Was haben die denn vor und wo liegt das Zeug? In der Gewissheit, dass das meiste eh schon alt ist und die Suche die Abreise noch weiter verzögern würde, ist der erste Stopp die Bergzeit Filiale in Großhartpenning. Zwei Minuten nach Betreten des Geschäfts hänge ich schon an einem Querbalken und bekomme eine schnelle, fachkundige Einweisung ins neu erstandene Abseilequipment. Next Stop: München, meinen Mitfahrer abholen. Eigentlich ne fahrt von 40 min, aber an dem Tag haben sich die Verkehrsgötter scheinbar alle gegen mich verschworen. Unfall auf der A8, kurz nach der Auffahrt Holzkirchen. Ein Glück, dass ich hier jede auch noch so kleine Straße vom Rennradln kenne! Beherzt wende ich den Hymer und biege in eine kleine Versorgungsstraße, die parallel zur Autobahn verläuft. Leider ist aber genau diese Straße die, die die Feuerwehr und die Polizei für einen Notzugang zur Unfallstelle nutzen. Also wieder wenden und auf die „normale“ Umleitung zurück. Bloß da geht natürlich gar nix. Eine WhatsApp an Roman, verlegen den Treffpunkt immer weiter nach hinten, die Laune fällt dementsprechend von Nachricht zu Nachricht – besonders, weil das Navi noch satte 422km bis zum Ziel ausweist und ich für die letzten 500m schon 30min gebraucht hab – bis die Götter dann doch ein Einsehen haben und die Zufahrt zu einem Feldweg in Sicht kommt. Kurz überlegt und schon düse in mit meinem WoMo durchs Unterholz. Wäre doch gelacht sich von ein bisschen Stau ausbremsen zu lassen! Und schließlich sind wir Freerider!! Einen Autotausch-Stopp und diverse Schweizer Geschwindigkeitsbeschränkungen später laufen wir nach acht Stunden durstig an der Bar der Ski Lodge ein: „Ein Bier bitte!“ Welches darfs denn sein? „Egal, Hauptsache groß!!!“

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Am nächsten Morgen ist die Welt schon wieder in Ordnung. Unser Bergführer Matthias begrüßt uns auf gewohnt gelassene Schweizer Art beim Frühstück und erklärt uns den Tagesplan: Die Engelberg Rundtour. Auffahrt auf den Titlis, kurzer Hike zur ersten Abseilstelle, eine Abfahrt, ein zweites Seilstück, längere Abfahrt, langer Aufstieg und noch längere Abfahrt! Leider werden wir den ersten Tag noch ohne den Skigott aus den USA bestreiten müssen, haben aber mit Lorraine Huber auch eine ehemalige Freeride Worldtour Siegerin, Spyder Athletin und nicht minder wichtig, eine geschätzte Bergstolz-Kolumnistin in der Gruppe. Nach einem ersten Run über den Titlisgletscher, bei dem man die prüfenden Blicke des Bergführers förmlich im Nacken spüren kann, müssen wir eine erste ausgesetzte Flanke per Bootpack überwinden, bevor wir den ersten Abseilpunkt zum Chli Gletscher erreichen. Da für einige in der Gruppe ein Abseilen mit Ski lange her (so zum Beispiel für mich) oder völliges Neuland ist, entscheiden Matthias und Lorraine sich dazu, jeden einzeln Abzulassen. Das dauert zwar etwas, und gibt uns die Zeit, das mulmige Gefühl in der Magengegend mit dummen Sprüchen zu vertreiben. „Einfach reinsetzen und in V-Stellung abgleiten“ rät uns Matthias. „Nach ein, zwei Metern habt ihr´s raus und es macht Spaß“ – und genau so ist es: einklicken, etwas Überwindung, Position finden, Aussicht genießen. Und die ist hier auf knapp 3000 Metern Seehöhe bei blauestem Himmel wirklich grandios.

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Leider ist der Schnee auf der ersten Abfahrt des Tages nicht ganz so wie von uns allen erhofft: Auf ruppigem, steilem Gelände geht es zunächst an der Wand entlang, bevor sich ein toller Hang mit schöner Neigung auftut, auf dem wir es das erste Mal laufen lassen können. Der zweite Abseiler wäre vielleicht sogar fahrbar gewesen, aber Sicherheit geht – und das gilt bei einem Schweizer Bergführer doppelt – immer vor! Als wir aus dem zweiten Couloir rausfahren, verschlägt uns die Aussicht fast die Sprache: Eiger, Mönch und Jungfrau dominieren das Bild und ziehen unsere Blicke fast magisch auf sich. Ein gewaltiges Massiv! Die Abfahrt über Schwarzer Berg zum Auffellpunkt ist leider viel zu kurz! Dafür ist der folgende Aufstieg über den Wendengletscher mit seinen 300 Höhenmetern für uns auch mit den dicken Ski und den Freerideboots gut zu schaffen und das Biwak am Grassen schnell erreicht. Vor uns liegt eine 1500hm Abfahrt! Matthias gibt die Route vor, Lori die Line. Und dass sie einen sehr gepflegten Schwung fährt beweist sie nicht nur in den wunderbar nachdenklichen, entschleunigenden Filmen von Hanno Mackowitz, sondern auch jetzt an der Firnalpeli. Mit Zeit zum Fotos machen empfängt uns das Fürenbachtal mit frühlingshaften Temperaturen und der einen oder anderen aperen Stelle und zu guter Letzt mit einem ordentlichen Hadsch zur Bushaltestelle am Fürenalplift. Ein Glück, dass an der Kassa auch ein kleiner Kiosk integriert ist, bei dem die Runde Bier für Schweizer Verhältnisse zudem auch noch richtig günstig ist.

Auch in Engelberg und vor allem auf der Terrasse der Ski Lodge herrschen angenehme Temperaturen, sodass wir das eine oder andere Bier jetzt auch zusammen mit Chris, der etwas verspätet aus den USA eingetroffen ist, zu uns nehmen können. Wir bestellen ein paar Snacks, die Gespräche drehen sich ums Skifahren, Material, natürlich Spyder und deren Einstieg ins Freeride. Toni zeigt die ersten Bilder, Tobi schwärmt von der Perfomance seines Tesla auf Schnee, irgendwann geht die Sonne unter und wir ziehen an die Bar um und von dort direkt ins Restaurant – alles natürlich noch „with the skipants on“ und bei leckerem Essen geht ein großartiger Skitag zu Ende!

Für den nächsten Tag stehen die Engelberg Klassiker „The Big 5“ auf dem Programm: Galtiberg, Laub, Steinberg, Steintäli und Sulz auf dem Programm. War gestern noch Lorraine der Star der Gruppe, sticht heute natürlich Chris Davenport, schon rein optisch wegen seinem Red Bull Helm, raus. Und wäre da nicht der blau-silberne Helm, würde man gar nicht merken, mit welcher Legende man im Lift sitzt. Und „Living Legend“ oder Urgestein der Freerideszene trifft es bei „Dav“ schon ganz gut. Nach seiner alpinen Karriere wurde er 1996 World Extreme Skiing Champion, 2000 steht er auf allen Podien der Freeride World Tour und mischt über Jahre die Freeride Wettkampfszene auf. Danach startete er auf Tourenski durch, bestieg alle 54 Berge über 14.000 Feet in Colorado in einem Jahr und befährt als einer von ganz wenig Skifahren das Lothse Face am Mount Everest. Er ist in unzähligen Filmen von Warren Miller und Matchstick und moderiert für ESPN. Aber beim Skifahren geht es ihm nur um eins: „Finding beautiful lines in incredible locations“.

Und mit der Einstellung ist er und wir in Engelberg genau richtig. Leider hat sich über Nacht das Wetter etwas eingetrübt, sodass wir erst mal die Klassiker im Skigebiet fahren. Steinberg zum Einfahren, dann Steintäli und Sulz. Und trotz schlechter Sicht und nur bedingt guten Freeridebedingungen, schafft es Bergführer Matthias immer wieder ein paar unverspurte Meter Schnee für uns rauszuzaubern. Dass die Schneebedingungen etwas „unterschiedlich“ sind, scheint aber nur die „Normalskifahrer“ in unserer Gruppe zu beschäftigen.

Bei Chris und Lori sieht das alles spielerisch aus, erfahren, sicher, souverän. Aber irgendwo darf ja auch ein (graviereder) Unterschied zwischen einer „Skilegende“ und Hobby-Freeridern sein.

Als sich nach dem Mittagessen die Sicht etwas bessert, fahren wir zuerst Laub. Immer wieder ein beeindruckend schöner Run auf gleichmäßigem Gefälle und vielen Möglichkeiten zum Spielen. Da jetzt die Zeit etwas drängt, verzichten wir auf den Kaffee stopp im „Ritz“ und nehmen gleich das Bustaxi zurück zur Bahn. Trübsee, Stand, Klein Titlis, vorbei an den Koreanern und Fernost Touristen geht’s auf schnellstem Weg zur „Königsabfahrt“ Galtiberg. Die Abfahrt vom Titlis (3020hM) über den Galtiberggletscher nach Engelberg (1020hM) ist die längste, alpinistische und schwierigste Abfahrt im Gebiet Titlis und zählt zu den längsten Variantenabfahrten der Alpen. Und die ist super easy direkt aus dem Skigebiet zu erreichen. Allerdings sollte man schon wissen was man tut, beziehungsweise wo man hinfährt. Anfänglich geht es über kupiertes, stetig steiler werdendes Gelände talwärts. Die Umgebung und die weite der Hänge sind gewaltig. In der Mitte des Galtibergs kommt die Schlüsselstelle der Abfahrt. Verpasst man den "Götterquergang" landet man in einer engen, felsdurchsetzten extrem lawinösen Schlucht. Die Traverse über einen exponierten Steilhang führt geradewegs in den unteren Teil des Galtibergs, einen Traum aus makellosen, terrassenartig abfallenden Pulverschneehängen. Darüber türmen sich gewaltige, teilweise überhängende Felswände auf.

Wieder durchfahren wir mehrere Klimazonen. Oben ewiges Eis, dazwischen Pulverschnee unten schon apere Hänge und Gänseblümchen am Golfplatz, auf dem wir dann noch die letzten Schneereste ausnutzen, um die Ski möglichst wenig tragen zu müssen. Und so endet auch der zweite Tag in Engelberg wie ein richtig fetter Freeridetag enden muss: Mit einem Bier in der Hand, der Sonne im Gesicht, und dem guten Gefühl, mit einem Skigott auf einer der besten Abfahrten der Alpen unterwegs gewesen zu sein! Aber auch Chris hat dieses fette Grinsen im Gesicht, vielleicht, weil er weiß, ob das mit dem zugeklebten Logo nur ein PR Gag ist, oder weil auch er einen sau geilen Tag gehabt hat.

Infobox

ANREISE

Mit dem Auto von München ca. 5h: A96 bis Lindau – weiter auf der A14 bis Altach – L58 über die Schweizer Grenze – weiter A13 bis Autobahnkreuz 11 – Sarganserland – A3 bis Ausfahrt 36-Wädenswil – A4a bis Autobahnkreuz 32 – Blegi – A14 und weiter A2 bis Ausfahrt 33-Stans-Süd – Riedenstraße bis Engelberg

ÜBERNACHTUNG

Ski Lodge Engelberg
Die Ski Lodge Engelberg wurde 2008 gegründet – von Skifanatikern für Skifanatiker. So entstand eine quirlige Mischung aus gemütlichem Hotel, Brasserie und geschäftiger Bar mit verlockender Küche und regionalen Weinen. Das Besondere in der Ski Lodge sind aber die Menschen, die hier arbeiten: Superfreundlich, aufmerksam und genauso Ski-addicted wie die Gäste.
skilodgeengelberg.com

GUIDING

Engelberg Mountain Guide
info@engelbergmountainguide.ch
+41 41 638 02 57
www.engelbergmountainguide.ch

EQUIPMENT

Okay Shop Free Ride Engelberg
www.okay-shop.com

4 Seasons Sport Shop
www.4seasons-sport.ch

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ALLGEMEINE INFOS

Engelberg-Titlis Tourismus
welcome@engelberg.ch
+41 41 639 77 77
www.engelberg.ch




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