Seite 20 | BERGSTOLZ Ski Magazin Oktober 2014
X7
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Durch die Entscheidung der Führer habe ich erneut auf
die Gruppe an Zeit eingebüßt. Ich musste die Geschwin-
digkeit erhöhen, schon wieder. Ich war sehr erleichter t,
dass mein Knie gehalten hat und ich nur mit vergleichs-
weise wenigen Problemen zu kämpfen hatte. Knapp un-
terhalb der Grands Mulets-Hütte, auf 3.051 Metern, hatte
ich meine Mannschaft wieder im Blickfeld. Ich habe ge-
schrien, damit die anderen auf mich warten. „Come On
Hoji“ war zu hören. Obwohl meine Kollegen auf mich ge-
wartet haben, wusste ich, dass noch 1.800 Höhenmeter
zu gehen sind …! Ich werde nie den Gesichtsausdruck
meiner Kollegen vergessen, als wir uns an einer Hütte zu-
sammengefunden hatten. Sie waren froh, mich zu sehen
und gleichzeitig überrascht, dass ich es gepackt habe.
Nach einer kurzen Pause haben wir uns erneut darüber
beraten, wie es weiter gehen soll. Jedoch war es dieses
Mal schnell klar: Jetzt noch aufzugeben – das kam mir nicht
in die Tüte. Ich machte weiter!
Wir stiegen die Dome du Gouter hinauf. Kurz nachdem
wir die Kuppe überwunden hatten, nahm mich Javier ans
Seil und führte mich über das Plateau des Dome du Gou-
ter. Auf die Unterstützung des Teams in dieser Situation
bauen zu können, das war eine tolle Erfahrung. In meinem
Freundeskreis bin ich ein starker Tourengeher und Skifah-
rer. Aber die Position, die ich in der X7 eingenommen
habe, war mir komplett neu: Das schwächste Glied in der
Gruppe zu sein.
Als wir das Refuge Vallot Biwak erreichten, forderte ich
das Team auf, den Gipfelgrat allein zu besteigen. Der Ter-
min mit dem Heli für schöne Hubschrauberaufnahmen
musste eingehalten werden. Kaum hatte ich das ausge-
sprochen, waren sie auch schon weg. Nach all den Tagen
haben die Jungs ein Tempo hingelegt, das Seinesgleichen
sucht.Wahnsinn!
Als ich dann den Gipfel erreichte, war ich überrascht und
schockiert zugleich zu sehen, dass das komplette Team zu-
sammengedrängt unterhalb des Grades auf mich wartete.
Frierend in ihren Spandex-Rennanzügen hatten sie dort
schon mindestens eine Stunde auf mich gewartet. Es war
einfach unglaublich, und ich wurde von meinen Emotionen
überwältigt, als die Gruppe mich umarmte. Leider war die
Freude nur von kurzer Dauer, da sich dasWetter verschlech-
terte.Wir machten uns hastig für die Abfahrt bereit.
Wir fuhren den Grat hinunter bis zur Nordwand, wo wir
perfekte Powderbedingungen vorfanden. Es war eine Ge-
nugtuung, nach so einem anstrengenden Gipfelsturm mit
solch perfektem Powder belohnt zu werden.Wir erreich-
ten das Ende der Nordwand und hatten so den schwie-
rigstenTeil desTages geschafft. Mit unseren müden Beinen
wurde es zunehmend schwerer, über den Grand Mulets
Hut zu fahren. Als wir an der alten Tramstation ankamen,
schnallten wir unsere Skier ab und wanderten mit den Ski
auf dem Rücken los. Darüber war mein Knie nicht sehr
erfreut, ich fiel erneut hinter die Gruppe zurück.
Endlich erreichten wir den Parkplatz neben dem Tunnel-
eingang, wo das Supportteam bereits mit den Mountain-
bikes auf uns war tete - ready to go. Die letzte Etappe
der X7-Mission war eine Biketour zurück zum Stadtplatz
von Chamonix. Da ich keine Kraft mehr in meinen Beinen
hatte, war ich ganz froh, dass es so gut wie nur bergab
ging. Es war ein herrlicher Frühlingstag und so genossen
wir während unserer Fahrt den atemberaubenden Blick
auf den Mont Blanc.