Seite 46 - Bergstolz Issue No. 38

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Seite 46 | BERGSTOLZ Ski Magazin Dezember 2012
GEORGIA
Der Wetterbericht meldete für die kommenden Tage besseres Wetter. So machten wir uns in aller Herrgottsfrühe
auf den Weg, um über den Sazele auf die andere Seite des Kreuzpasses zu gelangen. Auf dem Weg nach
Stepanzminda passierten wir den Ort Kobi. Hier müssen alle Fahrzeuge warten, wenn der Pass geschlossen ist,
und das ist im Winter fast täglich der Fall. Nur am Morgen und am Abend wird der Passübergang für wenige
Stunden geöffnet. Wir marschierten mit den Skiern auf den Schultern an den LKWs vorbei, die hier wohl oder
übel überwintern mussten – ohne Profil auf den Reifen und mit drei um die Felge gewickelten Ketten konnten
sie unmöglich über den Pass gelangen. Nach diesem kleinen Einblick in die Fahrsicherheit auf den Straßen
Georgiens setzten wir unseren Weg nach Stepanzminda fort, dem Ausgangspunkt für unsere dreitägige Tour auf
den Kazbek. Die Nacht war kurz, und der kräftige Talwind, der rund ums Haus blies, tat sein Übriges. Nach einem
ausgiebigen Frühstück machten wir uns gegen halb sieben auf den Weg zur Bethlemi-Hütte, einer verlassenen
russischen Wetterstation, die unser Stützpunkt für die folgenden Tage sein sollte. Für den 1.900-Meter-Aufstieg
von unserem Standort Kazbegi (1.740 Meter) bis zur Bethlemi-Hütte (3.680 Meter) rechneten wir mit zehn
Stunden. Es begann bereits zu dämmern, als wir durch das Dorf stapften. Bis zumWallfahrtsort Zminda Sameba
(2.050 Meter), der mit seiner eindrucksvollen Kuppelkirche wohl zu den meist fotografierten Klöstern in Georgien
zählt, kamen wir zügig voran. Auf dem Weg passierten wir zwei Geländefahrzeuge, die vom Winter überrascht
worden waren und von denen nur noch die Dächer aus dem Schnee ragten. Nun mussten wir den windgeschütz-
ten Hang verlassen und erreichten den nicht enden wollenden Grat, dem wir über 700 Höhenmeter bis zum
Sabertse Shrine auf 2.900 Metern folgten. Dort kamen wir gegen 13 Uhr an. Bis hierher war es, abgesehen von
der Eiseskälte und dem unbequem schweren Rucksack, den Umständen entsprechend gut vorangegangen.
Jetzt standen wir vor der Schlüsselstelle, einem etwa 500 Meter breiten, nach Nordosten exponierten Hang, der
uns denWeiterweg zum Gergeti-Gletscher versperrte. Die Sichtverhältnisse verschlechterten sich, so dass wir den
Hang nicht einsehen konnten. Doch wir wussten, aus welcher Richtung der Wind blies und dass der Hang des-
halb extrem geladen sein musste. Es war an der Zeit, die Meinung aller zu hören und eine Entscheidung zu tref-
fen. Mich zu entscheiden, ließ gemischte Gefühle in mir hochkommen: Frust, das Hadern mit dem inneren
Schweinehund, Erleichterung und gleichzeitig Enttäuschung, das gesetzte Ziel nicht erreichen zu können. Am
Kazbek sprachen letztendlich zu viele Faktoren dagegen, weiter zu gehen.Wir entschlossen uns umzukehren. Der
Berg läuft schließlich nicht davon, und so Gott will, wird sich eine neue Chance ergeben.
Unsere Tourentage im Kaukasus haben einmal mehr gezeigt, dass wir uns auf der Suche nach Abenteuern auf
einem schmalen Grat bewegen. Niemand kann nach einer Tour mit Sicherheit sagen, wie knapp er am Auslösen
einer Lawine vorbei gefahren ist. Wer sich draußen in der Natur bewegt, sollte dies in Demut tun.