Seite 44 - Bergstolz Issue No. 38

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Seite 44 | BERGSTOLZ Ski Magazin Dezember 2012
GEORGIA
Im vergangenen Winter stand Georgien auf meinem Wunschzettel, das kleine Land auf der Südseite des
Kaukasus, des höchsten Gebirges Europas. Hier wird Chacha, der traditionelle georgische Tresterschnaps, nicht
nur zum Nationalgericht Chatschapuri, einem mit Käse gefüllten Brotfladen, und den gefüllten Teigtaschen
Chinkali serviert. Ich schloss mich einer Gruppe von Skifahrern, Snowboardern und Telemarkern an, alles erfah-
rene und überzeugte Tourengeher. Unser Ziel sollte der Kazbek (5.033 Meter) am Kreuzpass sein.
Gegen fünf Uhr morgens landeten wir in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Ein Shuttle brachte uns in den Skiort
Gudauri, wo wir die ersten Tage verbringen und warten wollten, bis alle angereist waren. Schon die Fahrt dort-
hin wurde zum Abenteuer: Polizeiautos mit ständig blinkendem Blaulicht rauschten an uns vorbei durch die
Straßen mit ihren für uns unverständlichen Schildern in exotisch anmutender georgischer Schrift. Außerhalb der
Stadt und ihrer Beleuchtung machte sich schnell Schläfrigkeit bei unserem Fahrer breit, die jedoch die häufigen
Schlaglöcher immer wieder eindämmen konnten. Nach einer Stunde fuhren wir durch Schnee, und 15 Kilometer
weiter versperrte ein etwa zehn Meter breiter Schneerutsch die Straße. Es war sechs Uhr morgens und mit einem
Schneepflug nicht zu rechnen. Also holten wir die Lawinenschaufeln aus dem Gepäck und legten los. Nach 45
Minuten hatten wir mit georgischer Unterstützung eine Durchfahrt gegraben und konnten unsere Fahrt fortset-
zen. Wir erreichten die Passstraße zum Kreuzpass, der Regen ging in Schnee über, und die Schneedecke wuchs
kontinuierlich. In den zwei folgenden Tagen schneite es meterhoch, und so waren wir, abgesehen von einem
Fluchtversuch, der imWhiteout endete, im Hotel Gudauri Hut gefangen. Dort hatten wir mehr als genügend Zeit,
um unseren weiteren Aufenthalt zu planen. Am dritten Tag besserte sich das Wetter und wir nutzten die
Gelegenheit dazu, uns mit dem Gelände und dem Schneedeckenaufbau vertraut zu machen. Die Diagnose war
ernüchternd: zu viel Schnee in kurzer Zeit. Da es im Kaukasus keinen Lawinenwarndienst gibt, blieben wir noch
zwei Tage in Gudauri, um einen besseren Überblick über die Schneebeschaffenheit zu bekommen. Kleinere
Touren aus dem Skigebiet auf die Gipfel Kudebi (3.006 Meter) und Sazele (3.300 Meter) vertieften unser Gespür
für die Situation vor Ort.