Bergstolz Issue No. 134

36 GÖLL OST Bergstolz Ski & Bike Magazin • 01/2026 Der Hohe Göll ist die letzte massive Erhebung, bevor die Landschaft in Richtung Norden immer flacher wird. Mit 2522 Metern ist er der höchste Gipfel im Göllmassiv und am Ostrand der Berchtesgadener Alpen beheimatet. Für uns ist es der „Gö“, die Berchtesgadener nennen ihn „Gei“, und für diejenigen, die von weiter herkommen, ist es einfach nur der Göll. Die Grenze zwischen Bayern und dem Salzburger Tennengau verläuft direkt am Gipfel. Die Ostwand bleibt auf österreichischem Boden. Er ist eine Erscheinung, dessen Blick nie langweilig wird. Es sind nicht die Steilwände von Chamonix oder die Eiger-Westwand in Grindelwald, dennoch ist der Frühjahrsklassiker nicht minder beeindruckend. Von Gasteig aus, der österreichischen Seite, sind es 1.800 Höhenmeter bis auf den Gipfel. Für viele heimische Bergsteiger ist die Göll-Ost der „Spielplatz“ hinter dem Haus, für viele andere bleibt sie ein jahrelang gehegter Traum. Ein Ziel, auf das man hinarbeitet und das sich irgendwann erfüllt – vielleicht. Helmut Eichholzer ist so einer, der die Göll Ost wohl besser kennt als jeder andere. Wir sind beide in Kuchl aufgewachsen, den Blick immer auf unseren Hausberg gerichtet. Anders als Heli erwische ich die Wand selten in perfektem Zustand, schon gar nicht von ganz oben bis ganz unten. Vielleicht auch deshalb, weil ich meine Frühlinge mehr in Chamonix oder Alaska verbracht hatte als in meiner Heimat. Die neue Realität ist, dass die Übergänge vom Winter ins Frühjahr immer kürzer werden und damit auch die Zeitfenster für gute Firn-Skitouren. Aber heute scheint ein guter Tag zu sein. Vielleicht sogar der perfekte Tag - so ein Tag auf den man Jahre warten muss? Es ist der 10. April, und es hat über Nacht geschneit, mehr als der Wetterbericht vorausgesagt hatte. Wir filmen mit dem Team von Timeline Production für Servus-TV „Bergwelten“, eine Dokumentation über den Göll im Winter. Wir starten um 5:00 Uhr in der Früh vom Schwalber Parkplatz in Gasteig. Der Tag beginnt wolkenlos, an den senkrechten Wänden klebt frischer Pulverschnee, der von den ersten Sonnenstrahlen in ein leuchtendes orange gefärbt wird. Ein Hauch von Alaska. Die ersten Höhenmeter tragen wir die Ski, dann arbeiten wir uns in Spitzkehren bis zum Wilden Freithof hinauf. Die Tageserwärmung setzt langsam ein, und das Schauspiel beginnt. Im Kessel potenziert sich das Grollen der frischen Schneemassen, die sich vom Fels lösen und der Schwerkraft ergeben. Bei so einer Frühjahrstour geht es vor allem um den Faktor Zeit. Wir müssen zügig durch die erste Steilstufe nach dem Wilden Freithof. Der Aufstieg befindet sich genau in Falllinie, wo sich sämtliche „Rutscher“ ihren Weg nach unten bahnen. Noch bevor sich die Felsen von den Neuschneemengen trennen, sollten wir durch sein. Die steile Querung, nach links kostet Zeit. Gerade mal 20 Zentimeter lockerer Pulverschnee überdeckt reines, glattes Kalkgestein. Mit den Steigeisen abrutschen ist in diesem steilen Gelände definitiv keine Option. Bei wenig Schnee ist dieser Bereich apper und kann relativ einfach gequert werden, bei viel Schnee ist die Querung gar kein Problem mehr. Je weiter wir uns raufarbeiten, desto tiefer wird der Schnee, und Heli, unsere Spurmaschine, steckt bis zu den Knien in feinstem Pulverschnee. Etwa in der Mitte der Wand angekommen, blicken wir demütig und erwartungsvoll in Richtung Gipfel. Die senkrechte Wetterbockwand direkt vor uns. 2014 eröffnet Alexander Huber mit der „Wetterbock“ Route (8c) eine der schwierigsten Mehrseillängenrouten der Welt. Auch für die „Huberbuam“ ist der Göll ein Heimspiel, sie wohnen drentn, auf der anderen Seite des Gölls. Bevor wir weitergehen, graben wir ein Schneeprofil. Zwar ist der Schnee ohne Wind gefallen, aber wir überlegen, ob weitergehen eine sichere Entscheidung ist. Das Schneeprofil sieht gut aus und wir arbeiten uns weiter hinauf. Um die Abfahrt für die Filmaufnahmen jungfräulich zu halten, steigen wir eine alternative Variante, links der Abfahrtsroute auf. Aufgrund der zunehmenden Steilheit sind die Ski wieder auf dem Rucksack. Bis zur Hüfte stecken wir im kalten, glitzernden Pulver. Der Schnee wird immer tiefer und tiefer, die Vorfreude steigt exponentiell an. An berüchtigter Stelle, 100 Höhenmeter unter dem Ausstieg, stecken wir bis zum Bauchnabel im Schnee. Diese Stelle kenne ich nur zu gut. Der Blick instinktiv immer nach oben gerichtet. Kalter Pulverschnee auf kaum einer Unterlage. Ein Vorankommen wird zunehmend mühsamer, und die Zeit läuft gegen uns. Die berühmt-berüchtigte Wechte thront über uns und scheint heute ruhig zu sein. Heli hat den gesamten Aufstieg gespurt, und mit einem Filmteam im Gepäck dauern die Höhenmeter natürlich länger. Drohne raus, Drohne rein, Stopp, Interviews, Weitergehen …

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