Bergstolz Issue No. 134

34 GÖLL OST Bergstolz Ski & Bike Magazin • 01/2026 DIE GÖLL-OST Heimspiel Text: Eva Walkner Fotos: ServusTV | Timeline Production, Eva Walkner, Heli Eichholzer Auf 2400 Meter, im knapp 50 Grad steilen Teil der Göll-Ostwand, liegt die letzte Engstelle. Heute ist diese Passage vereist, also nehme ich meinen Rucksack samt Ski ab, lege ihn vor meine Beine und greife meinen Pickel. Der Blick hinauf ist erwartungsvoll, aber respekteinflößend. Mein Onkel „Hubsi“, wohlgemerkt ein 8.000er Bergsteiger, ist knapp beim Wandausstieg. Ich habe die letzten, aber steilsten 100 Höhenmeter der Ostwand noch vor mir. Die Wechte über der Kante ist mächtig – wie jedes Jahr. Sie baut sich über den Winter auf, und man sagt: Wenn sie einmal abgebrochen ist, dann ist es Zeit für die Ostwandbefahrung. Heute weiß ich: Wechten und Seracs sind unberechenbar und schwer einzuschätzen. Oft war ich in der Vergangenheit bei Aufstiegen diesen mächtigen, aus Eis und Schnee geformten stillen Gefahren ausgesetzt. Möglichst schnell werden diese Abschnitte passiert, um wieder aus der Schusslinie zu gelangen. Natürlich stellt sich immer wieder die Frage, wie viel Glück oder Pech es braucht, um genau an dem einen Ort, zu genau dem Zeitpunkt zu sein, wenn sich ein Teil löst. Noch ein tiefer Atemzug, ein erwartungsvoller Blick nach oben, und die letzten knackigen Höhenmeter starten. Dieser kurze, intuitive Blick in Falllinie zur Wechte lässt mich erstarren. War das ganz oben etwa eine Staubwolke? Ein Felsvorsprung verdeckt beinahe alles, was sich zwischen Wechte und mir abspielt. Adrenalin durchströmt meinen Körper. Wenn die Wechte bricht, bricht sie genau oberhalb der Aufstiegslinie, in der, in der ich mich gerade befinde. Plötzlich sehe ich Nassschneemassen auf mich zurauschen. Zeit zum Nachdenken habe ich nicht. „Renne! Renne zur Seite, so schnell du kannst“, sage ich mir. „Renne mit breiten Schritten, damit ich mit den Steigeisen nicht hängen bleibe.“ Mein Rucksack samt Ski und Stöcke wird mitgerissen und runtergespült. Die Göll-Wechte, ein Monster, das nie schläft und von Zeit zu Zeit demonstriert, dass wir doch nur kleine Spielfiguren in einer eindrucksvollen Bergwelt sind. Also beende ich meine erste Göll-Ost-Erfahrung knapp unter dem Ausstieg der Steilwand und stapfe ohne Ski, Stöcke und Rucksack wieder talwärts. 200 Tiefenmeter später finde ich meine gesamte Ausrüstung wieder. Die Lawine endet erst unten, im Wilden Freithof, denn ein klassisches „Auslaufgelände“ gibt es hier nicht. Ein scheinbar kleiner Wechtenbruch verwandelt sich im Laufe der 700 Höhenmeter zu einem ordentlichen Nassschneemonster, dem man lieber nicht frontal die Stirn bietet. Das war vor über 15 Jahren, als mich Onkel Hubsi in die Welt des heimischen Steilwandskifahrens entführt hat.

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