Bergstolz Issue No. 134

32 RIDERPROFILE Bergstolz Ski & Bike Magazin • 01/2026 „Freeride war nie der Plan.“ Und vielleicht ist es genau das, was Justines Geschichte so besonders macht. Nach drei olympischen Zyklen im Mogul-Skiing, nach Jahren voller Struktur, Wiederholung und perfektionierter Abläufe, war da plötzlich diese Sehnsucht nach etwas Neuem. In ihren letzten Moguls-Jahren begann sie wieder zu spielen. Neue Tricks, neue Sprünge, mehr Kreativität. Es war weniger Pflicht als Neugier und genau das brachte sie auf die Idee, dass da vielleicht noch eine zweite Karriere möglich ist. Freeride kannte sie zuerst nur aus Videos und Social Media. Irgendwann wurde aus dem Staunen ein Entschluss: Warum nicht einfach probieren? Selbst wenn es nicht aufgeht, bleibt immer noch das Beste daran, nämlich Ski fahren in den schönsten Bergen der Welt. Dass dieser Versuch sie bis an die Spitze führen würde, war nie der Plan. Als sie beim Finale in Verbier die Ziellinie überquerte und realisierte, dass sie die Freeride World Tour gewonnen hatte, war ihr erstes Gefühl nicht Unglauben, sondern Erleichterung. Der Tag war stressig, der Druck hoch, und sie wusste genau, was sie liefern musste. Als es dann tatsächlich gereicht hat, wurde der Moment erst richtig greifbar. Ihre Familie war vor Ort, alles fühlte sich gleichzeitig real und surreal an, und Justine beschreibt es als einen der schönsten Augenblicke ihrer Karriere. Sie hat im Moguls vieles gewonnen, doch dieser Titel fühlt sich anders an, fast noch süßer, weil er nicht jahrelang ihr großes Ziel war, sondern eher eine Überraschung, die aus Freude entstanden ist. Wenn sie an Runs denkt, die bleiben, landet sie in Val Thorens. Frankreich, Powderday, viel Neuschnee und eine Face, das für viele neu war. An diesem Tag hat alles gepasst: Sie fuhr die Line so, wie sie sie sich vorgestellt hatte, setzte einen Backflip, landete den Cliff sauber und stand unten mit diesem seltenen Gefühl, dass Kopf und Körper genau im richtigen Moment zusammengearbeitet haben. Am Start oben ist davon oft erst einmal wenig zu spüren. Justine beschreibt diese Minuten als die stressigsten, weil ihr Kopf voll ist. Sie will alles wissen: Schnee, Sicht, Wind, welche Stellen bei anderen funktioniert haben. Sie sammelt Informationen, bis sie das Gefühl hat, genug zu haben. Kurz bevor sie losfährt, versucht sie dann bewusst umzuschalten und im Moment anzukommen. Auch ihr Training hat sich durch den Wechsel verändert. Moguls war planbar, mit festen Abläufen und Wiederholungen. Freeride hängt am Wetter, verlangt Flexibilität und Improvisation. Trotzdem bleibt ihre Grundlage dieselbe: fit sein, stark sein, vorbereitet sein. Der größte Unterschied liegt für sie darin, dass Freeride viel individueller ist. Es gibt keine perfekte Schablone, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Die härteste Umstellung war das Unbekannte: eine Face, die man nie gefahren ist, ein Cliff, den man nie gesprungen ist, und trotzdem muss man committen. Gerade am Anfang war das überwältigend, weil sie aus einer Welt kommt, in der man alles trainiert, bis es sitzt. Doch mit jeder Erfahrung wurde sie sicherer, und genau daran hat sie konsequent gearbeitet. Ihr stolzester Moment ist allerdings nicht nur sportlich. Nach dem Tod ihrer Mutter wieder in den Wettkampf zurückzukehren, war emotional extrem schwer. Justine erzählt, dass sie in dieser Zeit gelernt hat, sich selbst mehr Ruhe zu geben, weniger Druck zu machen und den Fokus wieder auf das zu legen, was sie überhaupt erst zum Skifahren gebracht hat: Freude. Und genau als sie begann, weniger auf Resultate zu starren, kamen sie fast von selbst. Für die kommende Saison will sie weiter pushen, mehr Sprünge, mehr Style, mehr Entwicklung. Ihr großes Ziel ist dabei historisch: Sie möchte als erste Frau WeltmeisterschaftsGold in zwei Disziplinen holen, Moguls und Freeride. Und jungen Riderinnen gibt sie etwas mit, das erstaunlich simpel klingt, aber alles verändert: Hab Spaß, bleib du selbst, und versuch nicht, irgendwo reinzupassen. Freeride hat Platz für alle. Und wenn jemand mit Freude fährt, sieht man es sofort. „Everything happens for a reason.“ JUSTINE DUFOUR-LAPOINTE Alter: 31 Wohnort: Montreal, Quebec, Canada Homespot: Mont Blanc, Quebec und St.Anton, Austria Beruf: Freeride Skier Sponsoren: Atomic, Peak Performance, Polestar, Oakley, Mammut, GoPro, Innocap Ziele: Als erste Frau zwei Weltmeisterschafts-Goldmedaillen in zwei verschiedenen Disziplinen zu gewinnen. Aktuelle Projekte: FIS World Championship & die Freeride World Tour Foto: Atomic/Noah Wallace Foto: Blanchard

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