Kristen Stewart Text Rüdiger Sturm Foto Ryan Pfluger/AUGUST HEROES „Wie oft hat man mir gesagt, ich solle meinen Mund halten.“ Das von Kristen Stewart zu hören, klingt etwas überraschend. Immerhin ist die 35-Jährige schon seit ihrer Jugend als Schauspielerin erfolgreich, wurde weltweit als Hauptdarstellerin der „Twilight“-Kultfilme gefeiert. Aber gerade das war auch ein Problem. Denn man stülpte ihr das Etikett des Teenie-Idols über: „Ich hatte das Gefühl, meine Gedanken waren nicht gefragt.“ Das ist kein spezielles Problem von Hollywoodstars. Besonders Frauen sind in einer männerorientierten Gesellschaft davon betroffen. „Wir sind es gewohnt, gesagt zu kriegen, was wir tun sollen. Deshalb können wir oft unser natürliches Selbst nicht ausleben.“ Doch Kristen Stewart fand einen Ausweg: „Es gibt Erfahrungen, die wie ein Schlüssel zu deinem Innersten sind. Das kann ein Buch sein, ein Film, eine Beziehung oder einfach auch nur eine Unterhaltung, durch die du verstehst: Du musst auf dich selbst hören. Denn du bist etwas wert!“ Regie-Debüt als Rettung Für Stewart war es das Erinnerungsbuch von Lidia Yuknavitch „The Chronology of Water“. Darin beschreibt die amerikanische Autorin, wie sie nach jahrelangen Erfahrungen von Missbrauch und Selbstzerstörung zu echter Erfüllung im Leben fand. „Das Buch hat mein Leben gerettet“, sagt Stewart. Sie begann wie besessen an der Verfilmung der Memoiren zu arbeiten. Der Lohn für acht Jahre schweißtreibender Arbeit: Begeisterung! Als Stewarts Filmdebüt beim Festival von Cannes im Mai 2025 Premiere feierte, überschlugen sich die Reaktionen. In Deutschland kommt der Film im Frühjahr in die Kinos. Seine Entstehung war in vielfacher Hinsicht eine Lernerfahrung. Sich selbst zu finden und auszudrücken, ist kein steuerbarer Prozess, auch für jemanden wie Kristen Stewart nicht. So musste die Regiedebütantin erleben, wie ihr Projekt immer wieder regelrecht „zerfetzt“ wurde. „Jeden Tag musste ich mich von Szenen und Einstellungen, wie ich sie geplant hatte, verabschieden. Ständig musste ich Sachen neu planen.“ Eine Tragödie? Aber nein, ein „Glücksfall“. Denn: „Wenn ich mein Drehbuch genau so umgesetzt hätte, wie ich das geplant hatte, wäre es ein altkluger, langweiliger, peinlicher und dummer Film geworden.“ Offen für Plan B, C und D Was Stewart gelernt hat, lässt sich auch ganz generell aufs Leben anwenden: „Du musst dem Pfad folgen, der sich für dich ergibt. Und das ist nicht der Pfad, den du zuvor festgelegt hast.“ Das beinhaltet natürlich auch, dass man bereit ist zu scheitern: Während des Schnitts hatte Stewart sogar das Gefühl, ihren Film „verloren“ zu haben. Sie konnte sich nicht mehr mit ihm identifizieren. „Es war schrecklich.“ Was ihr half? Dass sie nur ein „ganz kleines Ego“ hat. Auf diese Weise konnte sie gelassen mit ihrer möglichen Niederlage umgehen. Zum Glück kam es anders. Doch Stewart ist keine, die sich auf Lob ausruht. Die Menschen am Set wuchsen ihr während der Dreharbeiten ans Herz: „Ich habe in dieser Zeit so viele Gespräche führen dürfen. Diesen Dialog werde ich jetzt noch vertiefen.“ This is Zartcore Das eigene Schaffen als Instrument für menschlichen Austausch: Genau darum geht es Stewart, und sie erzählt, wie sie den befreundeten Regisseur Pablo Larraín um Rat fragte, als ihr die Inspiration auszugehen drohte. In dessen preisgekröntem Film „Spencer“ hatte sie 2021 die Rolle der Diana übernommen. Larraín antwortete: „Du musst eine Verbindung zu deinem Team aufbauen. Sie müssen zu deiner Familie werden. Denn ohne sie bist du nichts.“ Das nahm sich Stewart zu Herzen und knüpfte etwa eine besonders enge und gute Beziehung zu ihrem Kameramann, einem der wichtigsten Protagonisten bei jeder Filmproduktion. „Er wurde zu meinem Bruder“, erklärt Stewart. „Eigentlich bin ich ein ziemlich lautes Wesen, das seinen Kopf durchsetzt. Aber wenn du rumschreist, starren dich alle nur entgeistert an, und keiner hört dir wirklich zu. Ich habe bei diesem Film gelernt, dass du manchmal ganz sanft sein musst. Auf diese Weise bin ich mit allen klargekommen, obwohl es insgesamt sehr stressige Dreharbeiten waren.“ Genau diese Erfahrung macht Stewart immer wieder im Leben. Mit dem Kopf durch die Wand? Das kommt nicht in Betracht, wenn man Pläne gemeinsam mit anderen Menschen umsetzen muss. Natürlich spiele dabei aber auch die Auswahl der richtigen Mitstreiter eine wichtige Rolle, sagt sie, bevor sie dann zu einem Schlusswort ansetzt: „Du wirst in eine bestimmte Familie hineingeboren und wächst in einem bestimmten Freundeskreis auf. Aber wenn du älter wirst, dann entdeckst du die Leute, die wirklich auf deiner Wellenlänge liegen. Die Energien verstärken sich dann gegenseitig. Es geht um Multiplikation, nicht um Subtraktion.“ On point Geboren in Los Angeles; Alter 35; Filmhits neben der Twilight-Reihe: „Panic Room“, „3 Engel für Charlie“, „Still Alice“; nominiert u.a. für Oscar, Golden Globe (für Hauptrolle in „Spencer“); Hobbys Fotografie, Dichten, Jonglieren; demnächst zu sehen im Vampir-Thriller „Flesh of the Gods“ erlangte als Schauspielerin mit den „Twilight“- Blockbustern Weltruhm. Nun entdeckte sie die Regie für sich und mit ihr die Erkenntnis: Wenn du Menschen für dich gewinnen willst, bleib sanft – gerade wenn der Stress steigt. 18 THE RED BULLETIN
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